Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1899)
- Date
- 1899-05-26
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ui aks vielmehr die dortige Intelligenz und die Wohlsituirten, die nicht Mittel und Wege suchen, um diesem traurigen Nothstande abzuhelfen. Man sage nicht, die wenigen Wohlhabende» und Begüterten seien nicht im Stande, der großen Zahl der Armen und Nothleidenden zu helfen. Nein, wenn der Wille da ist, finden sich auch die Mittel. Die jüdischen Handwerker haben das Recht, auch außerhalb des Ansiedelungsrayons zu wohnen. Nun, warum verhilft man ihnen nicht dazu, von diesem Recht Gebrauch zu machen? Die hierzu gehörenden Mittel ließen sich auch in Rußland aufbringen, und die russische Regierung dürfte einem solchen Unternehmen wohl auch ihre Unterstützung nicht versagen. Wie dem aber auch sei, es ist die höchste Zeit, daß für die jüdischen Arbeiter im Ansiedelungsrayon etwas Rationelles geschieht, ehe es zu spät wird, und die Folgen derartiger Demonstrationen in der Gestalt von neuen, noch drückenderen Ausnahmegesetzen sich bemerkbar machen. Are Woche. f Berlin, 24. Mai. ie antisemitischen Freimaurer, ein würdiger Stoff für den größten Satiriker, machen noch immer viel von sich reden, obwohl dies ihnen selbst ersichtlich sehr unangenehm ist. Es steht nun durch das Bekenntniß einiger Mitglieder fest, daß in der Thal auf der diesjährigen Frühjahrsversammlung der Großloge Royal Jork, auf der 64 Logen durch ihre Meister vertreten waren, durch den Stuhlmeister dieser Großloge der Antrag eingebracht war, die Aufnahme vom christlichen Bekenntniß abhängig zu machen, daß aber dieser Antrag nach einer von echt humanem Geiste getragenen Rede des Prinzen Heinrich v. Schönaich-Carolath zurückgezogen worden ist. Trotzdem wurde darüber eine Abstimmung herbeigeführt, da ein anderer Logenmeister, um Klarheit in die angeregte Frage zu bringen, den Antrag wieder aufnahm, der jedoch mit 79 gegen 2 Stimmen dem Schicksal der Ablehnung verfiel. Es bleibt also die Thatsache bestehen, daß sich antisemitische Bestrebungen in den Tochterlogen der Großloge Royal Jork geltend gemacht haben. Für Eingeweihte war dies allerdings seit langer Zeit kein Geheimniß mehr. Sie wußten, daß in den altpreußischen Logen ein scharfer antisemitischer Zug wehe, schon seit 1891, als Geheimrath Settegast gegen die Intoleranz innerhalb der Logen offen auftrat und den Prozeß gewann, der ihm gestattete, in Altpreußen eine neue Loge zu gründen. Aus freimaurerischen Kreisen wird den „Mittheilungen zur Abwehr des Antisemitismus" hierzu noch geschrieben: „Der frühere Großmeister der Großloge Royal Uork, Lehrer an der Kadettenanstalt Professor Herrig, welcher in hervorragender Weise mit dem damaligen Kronprinzer. an der Einführung des Humanitätsprinzips thätig war. würde sich im Grabe umdrehen, wenn er vernähme, wie ein Häuflein antisemitisch gesinnter Maurer an dem schönsten Werke seiner Maurerthätigkeit zu rütteln versucht. Und wie denkt sich diese Gruppe die Wiedereinführung des „christlichen Prinzips" angesichts des Umstandes, daß eine sehr große Anzahl Nichtchristen insbesondere in den Provinzlogen der Royal Hork neben einem im Jahre 1883 hier in Berlin mit besonderer Feierlichkeit aufgenommenen Prinzen aus dem persischen Herrscherhause vollberechtigte Mitglieder sind?" * Konservative und Antisemiten überschütten sich gegenwärtig mit Grobheiten. Da keine Wahlen vor der Thür stehen, schadet es ihnen ja auch nichts. Im gegebenen Falle herrscht wieder rührende Eintracht. Interessant ist es aber, daß die Antisemiten die Agrarier in dem Bruderzwist zu Hilfe gerufen haben, und daß zwajc nicht diese, wohl aber die „Germania" ihnen einen merkwürdigen Bescheid gegeben hat, indem sie bemerkte: „Soweit wir unsererseits zu dieser „Klärung" beitragen können, wollen wir der „Staatsbürger Zeitung" nur mittheilen, daß wir es beim Frhrn. v. Wangenheim aus familiären Gründen begreiflich finden, wenn derselbe sich nicht zum Antisemitismus hingezogen fühlt." Der Rede Sinn ist dunkel, aber iinmerhin wird er den Herrschaften genügende Veranlassung geben, sich die Ahnentafel des Hanfes v. Wangenheim-KI. Spiegel genau anzusehen. Ein wackerer und linerschrockener Kämpfer für unsere heilige Sache ist Herr Gustav Lev instein. In seiner soeben erschienenen Schrift: „Die Taufe" zieht er mit großer Entschiedenheit gegen die Fahnenflüchtigen zu Felde, indem er, anknüpfend an das Handbuch der Mission unter Israel, die Gründe widerlegt, die in den meisten Fällen zur Taufe führen, und die Motive der Mission in objektiver Weise würdigt. Ohne die Bekenner einer andern Religion irgendwie zu verletzen, werden in der beherzigenswerthen Broschüre die Vorzüge des Judenthums mit tüchtiger Sachkenntniß und mit so poetischer Empfänglichkeit dargelegt, daß man wohl sagen kann, die kleine Schrift über die Taufe mache dem Geiste ihres Autors ebenso viel Ehre wie seinem warmen Herzen. . $ Die neuen Erschwerungen für jüdische Kau sie ute, die nach Rußland reisen wollen, haben selbstverständlich auch die Centralstelle für Vorbereitung von Handelsverträgen beschäftigt und diese Körperschaft veranlaßt, sich mit einer Eingabe an den Reichskanzler zu wenden, in der es über den letzteren Punkt heißt: „Die verfassungsrechtliche Gleichstellung in Deutschland zeigt, daß, soweit deutsche Unterthanen jüdischen Glaubens in Frage kommen, keinerlei Veranlassung vorliegt, ihnen weniger Vertrauen entgegenzubringen als den Angehörigen irgend einer anderen Religionsgemeinschaft." Die Eingabe bittet darum, daß eine Milderung der härtesten Bestiinmungen im Wege diplomatischer Verhandlung herbeigeführt werde. Die Hoffnung, daß der Reichskanzler diesem Ersuchen stattgiebt, ist nicht ausgeschlossen, wohl aber jede Aussicht auf eine Zustimmung der maßgebenden Behörden in Petersburg. Die furchtbare Lage der Juden in Galizien hat den Bund der österreichischen Humanitätsvereine B’iiai Beritli zu einer Hilfsaktion für diese im tiefsten Elend schmachtenden Glaubensgenoffen veranlaßt. Der am 30. v. Mts. in Wien abgehaltene Verbandstag hat, wie wir vernehmen, in dieser Richtung beschloffen: 1. Die Gründung einer die weitesten Kreis« umfassenden Vereinigung behufs Einleitung einer Rettungsaktion im großen Maßstabe. Derselben soll vorläufig folgendes Programm vorgelegt werden: a) Gründung von jüdischen Lehrerseminarien und Lehrkanzeln für hebräische Litteratur; b) Emigration; c) Innere Kolonisation; d) Vorschußkassen; e) Hausindustrie mit Centralverkaufsstellen im westlichen Galizien; kj Stipendien für Handwerkszöglinge und Bestellung von Wanderlehrern. 2. Eine möglichst genaue statistische Aufnahme der Verhältnisse der galizischen Juden. 3. Die Gründung einer in hebräischer, theilweise auch jüdischdeutscher Sprache erscheinenden, Aufklärung verbreitenden Wochenschrift. Die zur Durchführung vorstehender Beschlüsse erforderlichen, nicht unbedeutenden Mittel werden die Humanitätsbereine B’nai Beritli aus Eigenem aufbringe». Wir zweifeln nicht daran, daß dem Rufe der Vereine, die trotz ihres kurzen Bestehens in Oesterreich schön so Hervorragendes auf dem Gebiete der Humanität und der Förderung jüdischer Jntereflen geleistet haben, von allen Seiten freudig Folge geleistet werden wird, und begrüßen diese Aktion mit aufrichtiger Genugthuung.