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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-26 · Heft 21 (26.5.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 21 (26.5.1899)
Date
1899-05-26
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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63. Jahrgang. Nr. 21 Berlin» 26. Mai 1899. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. - :r Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteirr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson-Äonn Verlags-Erpe-ition: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikelr Jüdische Sozialisten. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Israelitischer Lehrerverein des Großherzogthums Hessen. — Religion oder Nation. II. Von Dr: A. Lew in. — Jacques Fromental Halevh. Von Dr. Adolph Kohut. — Ferrittetorrr Die Abtrünnige. VIII. Von Paula Faber. — Der Salon 1899. I. Von M. Friedeberg. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Breslau, Oppeln, Hamburg, Köln, Frankfurt a. M., Bamberg, Wien, Budapest. — Bon Nah nnd Fern. — Miseellen. — Geschäftliche Notizen. Jüdische Sozialisten. Berlin, 24. Mai. u den traurigen Eigenthümlichkeiten unserer Zeit gehört auch die Begeisterung gewisser jüdischer Kreise für fremde Einrichtungen, die geeignet sind, die unter der großen Masse der Juden im Osten herrschende Armuth zu steigern und Jammer und Elend über alle ihre dortigen Glaubensgenossen zu verbreiten. Man lese und staune, was einer hiesigen freisinnigen Tageszeitung aus Wilna (Rußland) berichtet wird: „Die hiesige jüdisch-sozialistische Partei hat am 1. Mai russischen Stils (also am 13. Mai nach unserem Kalender) eine große Demonstration veranstaltet. Wie in vielen Theilen Rußlands, so sind auch in Russtsch-Littauen die Handwerksmeister sowie ihre Gesellen und Arbeiter, besonders die Schneider, Schuhmacher, Sattler, Tischler, Glaser, Böttcher, Drechsler, Tapezierer u. s. w., zu einem großen Theile Juden. Unter diesen jüdischen Handwerkern und Arbeitern herrscht ein entsetzlicher Nothstand. Am ersten Mai versammelten sich in einem großen Garten am Domplatz in Wilna mehrere Hundert jüdische Handwerker und Arbeiter, hißten eine große rothe Fahne, auf der in russischer Sprache das eine Wort „Freiheit" stand, und marschirten über den Platz. Die Polizei forderte zunächst vergeblich die Schaar auf, welche die Marseillaise in russischer Sprache sang, sich zu zerstreuen. Die Sozialisten stürzten sich auf die wenigen Polizeibeamte», rissen ihnen die Uniformen vom Leibe, umringten die Beamten und drängten sie mit fort. Erst einem größeren Gendarmerieaufgebot gelang es, die Menge zu zerstreuen; über 60 der demonstrirenden Handwerker wurden in das Gefängniß gebracht. Zahlreiche der verhafteten Personen sind verwundet." Wir haben leider keinen Grund, diese Nachricht als eine antisemitische Erfindung zu bezeichnen, da in Rußland, wie Jedermann weiß, thatsächlich ein großes jüdisches Proletariat existirt, das begreiflicherweise, um eine Besserung seiner sozialen Lage herbeizuführen, dieselben Mittel wie die Pröletarier anderer Völker anwenden zu müssen glaubt. Allein die jüdischen Arbeiter in Rußland, bei denen, so viel wir wissen, die Religion gottlob noch lange nicht Privatsache ist wie bei ihren Gesinnungsgenossen in allen anderen Ländern Europas, sollten doch bedenken, daß ihr thörichtes Gebaren einerseits einen Chillul haschem ohne Gleichen verursacht und andererseits die den Juden ohnedies wahrhaftig nicht gerade freundlich gesinnte Regierung geradezu herausfordert, die für die Juden geschaffenen Ausnahmegesetze womöglich noch zu verschärfen und mit noch größerer Strenge als bisher jede freie Regung im Volke zu unterdrücken. Außer diesen ziemlich selbstverständlichen Erwägungen liegt aber auch noch die Frage sehr nahe: Was berechtigt jene Leute, sich den Namen einer jüdisch-sozialistischen Partei beizulegen? „Jüdisch" ist der moderne Sozialismus keineswegs, und mit dem Umhertragen einer rothen Fahne, selbst wenn auf dieser das Wort „Freiheit" in hebräischer Sprache geschrieben stände, löst man noch nicht ein Zipfelchen von der sozialen Frage, die eine allgemein politische und gar keine jüdische ist. Das Judenthum aber, das die berechtigten Forderungen des modernen Sozialismus schon vor Jahrtausenden durch die Worte: „Es lebe Dein Bruder neben Dir" ausgesprochen hat, untersagt seinen Bekennern aufs Strengste, „mit Aufwieglern gemeinsame Sache zu machen". Die jüdischen Arbeiter in Rußland, die gleich ihren anderen Glaubensgenossen die Sabbathe und Festtage in altüberlieferter Strenge und Heiligkeit feiern, versündigen sich daher geradezu gegen ihre Familien und gegen ihre Arbeitgeber, wenn sie Letztere zwingen, ihnen den 1. Mai als Weltfeiertag freizugeben. „Wenn Du ein Tagelöhner bist," lehrt der Talmud, „so verrichte Deine Arbeit ganz nach dem Wunsche Deines Herrn." „Gerade wie der Arbeitgeber den Lohn des armen Arbeiters nicht vorenthalten und ja nicht zurückhalten darf, ebenso wenig darf aber auch der Arbeiter den Arbeitgeber durch minderwerthige Leistungen berauben, sondern er muß die Zeit in fleißiger Arbeit ausfüllen." Zur Erklärung der Verhältnisse muß allerdings gesagt werden, daß dem jüdischen Arbeiter in Rußland jede politische Schulung fehlt, und daß daher die Demonstration der jüdischen Arbeiter in Wilna mehr wie eine Nachäffung fremder Gebräuche als ein Ausfluß innerer politischer Ueberzeugung und Verzweiflung anzusehen ist. Wer die große Masse der russischen Juden kennt, der weiß, wie leicht sie sich für große, namentlich soziale Ideale begeistern, zumal wenn dieselben aus dem Auslande importirt sind. Da ist von einer Prüfung der anzustrebenden Ideale nur selten die Rede, sondern man begeistert und berauscht sich an dieser Begeisterung und folgt blindlings den Wortführern, bis man über die nicht ausbleibenden Folgen stolpert und dann erst wehmüthig erkennt, wie sehr man geirrt hat. Sollte es aber thatsächlich der entsetzliche Nothstand allein sein» der die jüdischen Arbeiter in Wilna zu diesem Schritt verleitet hat, so trifft die Schuld weniger die ungebildeten Demonstranten

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