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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-19 · Heft 20 (19.5.1899) · p. Seite 240

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 20 (19.5.1899)
Date
1899-05-19
Page
Seite 240 (sequence 12)
Language
German
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240 In de» ersten Tagen nach der Hochzeit hatte die Mutter das Bild eigenhändig nach oben in Raphaels Zimmer gebracht. Reden waren zwischen ihr und ihrem Sohn dieserhalb nicht gewech^lt worden. Raphael hatte stillschweigend das Bild ins beste Licht über seinen Schreibtisch gehängt, und dabei war es geblieben. Seitdem aber hatte die Hausfrau gar häufig etwas in den oberen Ränine», vor allem im Zimmer ihres Sohnes, zu schaffen. Schließlich übernahm sie sogar, zur höchste» Entrüstung der darin ein Mißtrauensvotum gegen sich erblickenden Judith, die Aufräumung seines Schreibtisches selbst. Als aber Raphael, dem die Gekränkte ihr Leid klagte, ihr sanft entgegnet hatte: „Laß sie gewähren, Judith!" gleichzeitig aus das Bild über dem Schreibtisch weisend, da war die treue Seele, die ohnehin das Verhalten der gestrengen Herrin gegen ihr vergöttertes „Kind" entsetzlich fand, sofort zufriedengestellt und bereit gewesen, jenen schwachen Beweis mütterlichen Gedenkens sanguinisch als Beginn allniäligen Einlenkens aufzufassen. Sie sollte darin enttäuscht werden. Aus den Wochen wurden Monate, Jahre, ohne daß der Fuß der abtrünnigen Tochter wieder über die Schwelle des mütterlichen Hauses schritt. Aenßerlich änderte sich nichts in der Umgebung der alternden Frau. Tag für Tag sah man Vormittags die stattliche Gestalt hinter den Spitzengardinen am Fenster ihres großen Wohnzimmers, mit einer Handarbeit oder einem Buch beschäftigt, sitzen, und die Zeit, da am zweiten Fenster des Gemaches das schöne Haupt, das in seiner getreuen Wiederholung der reinen Linien des mütterlichen Kopfes geradezu die verjüngte Kopie deffelben war, sich über die Stickerei oder das Zeichenbrett gebeugt hatte, schien nicht um Jahre, nein, um Jahrzehnte zurückzuliegen. Dann erschien eines Tages unter dem kurz den Namen „da Silva" aufweisenden Schilde an der Hausthür ein zweites, kleines: „Dr. Alphons da Silva, prakt. Arzt". Nach beendeten Universitätsstudien hatte der junge Mann sich noch einige Jahre an auswärtigen Krankenhäusern und dergleichen zwecks fernerer Erweiterung seiner Kenntnisse aufgehalten und harrte, nunmehr in die Vaterstadt zurückgekehrt, der Dinge und Patienten, die da konunen sollte». Mit seiner Heimkehr kam ein frischerer Zug in das nach und nach in seiner Abgeschlossenheit erstarrende Haus. Immer mehr hatte Simonette da Silva sich von allem Umgang, allem geselligen Verkehr zurückgezogen, und Raphael, der Milde, Geduldige, hatte sie darin ziemlich gewähren lassen und, sich auf eine gelegentliche leise Remonstration beschränkend, im Uebrigen nur nach Kräften gestrebt, ihr Gesellschaft zu leisten. Er hatte dabei nicht bedacht, daß dieses fortwährende Gegenüber in der erbitterten Frau stets von Neuen, die grollende Erinnerung an jene entschwundene Dritte wecken mußte. Auch darin, daß Reginas Name daheim nicht genannt wurde, hatte er ihrem Wunsche immerhin insofern gehorcht, als er alle Veranlaffungen dazu möglichst vermied und es nur that, wenn es durchaus nicht zu umgehen war. Nun wurde alles anders. Alphons erklärte seiner Mutter rundweg, so ginge cs nicht weiter; als Arzt müsse er ihre Menschenscheu energisch bekämpfen. Und damit lud er eigenmächtig für den nächsten Sonntag, „um seine Rückkehr zu feiern", wie er sagte, die ganze weitere Familie zu Mittag ein. Am ersten Abend aber sagte er in Gegenwart seiner Mutter über den Tisch hinweg zu Raphael: „Ich war vorige Woche bei Regina." Das Zeitungsblatt in der Hand der lesenden Mutter knisterte einen Moment bedenklich, dann saß Jene wie aus Stein gehauen, ohne die Blicke von den Zeilen zu erheben. Erschreckt machte der Aeltere seinem Bruder ein Schweigen anbefehlendes Zeichen, was diesen z» energischem Kopsschütteln bewog. Als antworte er auf eine gestellte Frage, fuhr Alphons sodann ruhig fort: „Es geht ihr sehr gut. Sie sieht brillant aus, ist etwas stärker geworden und läßt Alle grüßen. Du möchtest ihr doch öfter und eingehender schreiben. Es ist riesig behaglich bei ihr und sie selbst noch ganz die alte, lebhafte Regina von früher. Nur tiefer und gehaltvoller in ihrer Denkweise scheint sie geworden zu sein, wohl das Verdienst Steinhardts, der übrigens leider recht angegriffen ist. Vor allem um seine Auge» macht Regina sich schwere Sorge." Wie die Blicke der Mutter beharrlich niedergeschlagen blieben! Nur au den raschen, tiefen Athemzügen, an dem angestrengten Bemühe», auch die kleinste Bewegung zu unterlasse», konnte man die gespannte Aufmerksamkeit, mit der sie die Worte ihres Sohnes in sich hineintrank, wahrnehmen. (Forts, folgt.) Littrrarische Mitthei ilimjtui. Bereits vor mehr als vier Jahrzehnten hat Zunz seine „Wünsche für ein Wörterbuch der hebräischen Sprache" kundgegeben. Womit er damals seine hierauf bezügliche Abhandlung in der „Zeitschrift der deutsch-morgenländischen Gesellschaft" (1856) eingeleitet: „Wenn ein hebräisches Lexikon den Wortvorrath des hebräisch redenden und schreibenden Volkes bedeutet, so besitzen wir noch kein solches", gilt noch für unsere Gegenwart. Ebenso auch die Worte, mit denen er seine Wünsche geschlossen: „Ein Wörterbuch, sprachvergleichend, vollständig, authentisch, würde demnach noch immer eine Leistung fein, einer Akademie der Wissenschaften würdig: der Lorbeer kann ihm nicht entgehen, da die Niederlage, die ein solches Werk einem Heer von Jrrthümern beibringt, unvermeidlich ist." An eine solche Leistung hat sich bis jetzt, einige schwache Versuche abgerechnet, noch Niemand herangewagt. Es gehören jedoch dazu vor allem Kenntniß und Verständniß des gesammten hebräischen Schriftthums, aber nicht weniger sind ernster Fleiß und eiserne Willenskraft erforderlich, um mit Geduld und Ausdauer bei der Aufgabe zu verbleiben. Herr Ben Jehouda aus Jerusalem, als einer der ersten Hebraisten der Jetztzeit rühmlichst bekannt, kundig auch der stammverwandten Idiome, hat bereits 18 Jahre an der Lösung dieser Aufgabe gearbeitet. Die Resultate seiner Forschungen liegen jetzt in mehrbändigen Manuskripten vor, welche aus je.er Seite Zeugniß dafür ablegen, daß Herr Ben Jehouda der auserwählte Held für dieses Riesenwerk ist. Er hat nicht allein den hebräischen Sprachschatz der heiligen Schrift und der ganzen talmudischen Litteratur für sein Werk herangezogen, sondern die ganze jüdische Litteratur des Mittelalters, sei es auf sprachlichem, sei es auf philosophischem und poetischem Gebiete —alles ist für die alphabetische Anordnung und Einreihung der einzelnen Wörter und Wortfamilien,wie deren Erklärung auchUebersetzung des betreffendenWortes in deutscher und französischer Sprache, ermittelt und verarbeitet worden. Dient ein solches, das ganze hebräische Schriftthum umfassende Wörterbuch in erster Reihe der Aufgabe als Nachschlagebuch für das Studium, so entwickelt sich doch zugleich vor unseren Augen die Wahrnehmung von den Wanderungen, welche im Laufe der Zeiten Wörter und Redensarten durchgemacht, und von den Wandlungen, welche sie hierbei erfahren haben. Eine Geschichte der hebräischen Sprache, für welche Gesenius und Renan nur dürftiges Material herbeibringen konnten, wird sich erst auf Grund dieses Lexikons ausbauen lassen. Aber die Herstellung dieses auf 4 Quartbände berechneten Werkes erfordert eine große Summe Geldes, für deren Aufbringung in Paris und London recht ansehnliche Beträge bereits gezeichnet sind. Es darf erwartet werden, daß auch in Berlin, wie in ganz Deutschland, Mäeene sich bereit finden werden, für die Ausführung eines solchen wissenschaftlichen Werkes ihre finanzielle Mitwirkung eintreten zu lassen. Dr. A. Berliner. Druck und Verlag von Rudolf Brvsie in Berlin. Verantwortlich für tue Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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