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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-19 · Heft 20 (19.5.1899) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 20 (19.5.1899)
Date
1899-05-19
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
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239 hatte sich mit diesen Dingen viel beschäftigt und verweilte mit Vergnügen dabei. Er sagte: „Alle diese dunkle Gebiete betreffenden Thatsacheu müssen sorgfältig gesammelt werden, weil sie bei fortschreitender Civilisation immer mehr verschwinden. Je mehr durch die letztere das reflektirende Bewußtsein der Menschen geweckt wird, umsomehr treten jene Erscheinungen der Nachtseite unseres Seelenlebens mit seiner unbewußten Thätigkeit zurück. Ich selbst habe ein Beispiel von Hellsehen an mir beobachtet, das mich von der Existenz solcher Erscheinungen überzeugt hat. Mir träumte einst, der Papagei meiner Frau habe lustig im Käfig Zucker geknabbert und sei dann plötzlich todt zu Boden gestürzt. Meine Frau verfiel über diesen Verlust in heftiges Weine». Bald darauf trat sie jedoch mit lachender Miene in mein Zimmer, einen wieder lebenden Papagei auf der Hand tragend. Dies mein Traum, den ich Morgens meiner Frau erzählte. Nachmittags darauf saß ich mit derselben am Kamin, mit ihr den Anzug für einen Bast des nächsten Abends verabredend, der Papagei knabberte im Käfig Zucker und fiel plötzlich todt hin. Meine Frau brach in heftiges Weinen aus. Bald darauf schenkte man meiner Frau einen neuen Vogel, den sie mit Lachen zu mir hereinbrachte. Das war das wiederbelebte Thier! Wenn dieses einen ganz gleichgiltigen Gegenstand betreffende Faktum religiöser Natur gewesen wäre, so würde es gewiß Jedermann als eine religiöse Vision, als eine Ekstase bewundert haben." Heine war so sehr von der Wichtigkeit dieser Geschichte überzeugt, daß er durch die Erzählung förmlich in Feuer gcrieth und am Schluffe, drei Finger emporhebend, ausrief: „Ich schwöre beim Geist meiner Mutter, daß ich die Geschichte so erlebt habe, wie ich sie erzählt." Das Gespräch zwischen Heine und den beiden deutschen Philosophen hielt sich immer auf gleicher Höhe und gipfelte schließlich in der höchsten Frage vom ewigen Gotte. Gerade hier aber sprach sich Heine in ganz besonders weicher und inniger Weise aus. Er bekannte sich schlecht und recht als ein durch Leiden gläubig Gewordener. „In der Krankheit hat man den lieben Gott nöthig, in der Gesundheit vergißt man ihn nur zu leicht." Doch Heine kannte auch noch eine andere Seite des göttlichen Wesens als die, welche armen Siechen auf ihrem Lager erscheint: daß die Idee», welche plötzlich zündend die Seele des Dichters zum begeisterten Schaffen entflammen, Eingebungen des göttlichen Wesens sind, dessen Allgegenwart und Astwirksamkeit sich hierdurch offenbart; dessen war er sich, wie er freudig zugestand, wohl bewußt. So zeigt sich Gott noch immer schöpferisch im Genius des Dichters, deffen Göttlichkeit Heine, die Dichterseele des Jehuda Halevi besingend, hochgepriesen hat. Gleichwohl scheiterte der Versuch Fichtes, dem Dichter die Gewißheit der Scelenfortdauer nach dem Tode unabhäng vom Gottesglaubcn aus der menschlichen Natur selbst und allein zu erklären, bei Heine vollständig. Er war ja durch das „himmlische Heimweh" zu Gott zuruckgeflthrt worden, und seine Anschauungen über diese Fragen entsprechen denen der jüdischen Religionsphilosophen mehr als denjenigen, die der deutsche Philosoph an seinem Krankenlager entwickelte. Mit der Erörterung dieser Dinge fand die Unterhaltung ihren würdigsten Abschluß. Eine geraume Weile war über diesem alle Theile mächtig erregenden Gespräche im Fluge dahingeeilt, und es war hohe Zeit, an den Abschied zu denken. Mit inniger Rührung trennten sich die beiden deutschen Gelehrten von dem Dichter, den sie ja doch nimmer Wiedersehen sollten. Wenige Wochen nachher schrieb Heine an den jüngeren von Beiden, an Eduard von Fichte, einen Brief in der Angelegenheit eines Freundes, den ich in meiner kritischen Ausgabe der Werke Heines (Band 9, Seite 394) mitgetheilt habe. Dort sagt er unter anderem, daß der Besuch des Philosophen in ihm sehr wohlthuende Erinnerungen geweckt habe, die noch heiter und erfreulich in ihm nachklängen. „Mein Zustand ist leider noch immer derselbe, und es will mich sogar bedlinken, als litte ich unleidlich mehr als früher. Ich milß nun zusehen, wie ich die Geduld bewahre, eine so schreckliche Heimsuchung mit Anstand zu ertragen." Bald darauf hatte er alle Fragen und Ziveifel, alle Sorgen und Leiden des Erdcndaseins überwunden. G. K. EUILLETON Pit Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. VII. ein Mensch bekanntlich ist unentbehrlich auf Erden und keine Lücke so klaffend, das; sie sich nicht wenigstens oberflächlich wieder schließt. Nach einigen Wochen trug alles im Hause von Neuem sein gewohntes, ruhiges, feststehendes Gepräge, so ruhig, so feststehend, als habe es überhaupt keine Regina da Silva gegeben. Die Mutter erwähnte ihren Namen niemals. Die ersten an sie gerichteten Briefe der jungen Frau hatte sie uneröffnet mit dem Bemerken: „Lies Du sie, oder schick' sie zurück!" zu Raphael hinübergereicht. Dieser hatte weder das Eine, noch das Andere gethan. Sich in das, was die jungverheirathete Frau ihrer Mutter schreiben mochte, einzudränge», widerstand seinem Zartgefühl. Bon einem Zurückschicken konnte indeß keine Rede sein; daß dergleichen geschehen würde, hatte wohl Simonette da Silva auch selbst nicht geglaubt. So hatte er, halb gegen sein besseres Wissen, hoffend, die Mutter werde dereinst zugänglicher sein, die gesummten Schreiben vorläufig aufgehoben. Gelegentlich aber ertheilte er seiner Schwester, mit der sowohl er als Alphons direkt korrespondirte, möglichst schonend einen Wink darüber, wie die Sache stand. Und seitdem lagen keine in Reginas fester, gerader Handschrift adressirten Schriftstücke auf dem Näht.sch der Mutter umher. Einsam und still war's jetzt im Hause geworden, besonders nachdem Alphons, der noch ein Seniester Studium zi> absolviren hatte, wieder zur Universität abgereist war. Regina war nie ein besonders fröhliches Mädchen gewesen, und doch, der alte Jonas, der ehemalige Lehrer der Silva'schen Kinder, der seit langen Jahren am Sabbath der Tischgast der Familie zu sein pflegte, hatte so Unrecht nicht, als er eines Mittags halblaut zu Raphael bemerkte: „Mit unserem Reginchen ist das Lachen aus dem Hause gegangen!" Die Frau des Hauses, von der er überhaupt nicht geglaubt hatte, sie höre zu, hatte sich darauf so blitzschnell umgewandt, ihn mit einem so seltsamen Blick gestreift, daß der erschreckte alte Mann sofort in abgrundtiefes Schweigen versank, aus dem Raphaels gutmüthige Bemühungen ihn nur ganz allmälig wieder emporzuheben vermochten. Was sie selbst empfand, war schwer zu sagen. Im Wohnzimmer hatte ein von Regina, die sehr schön zeichnete, ausgefuhrtes Selbstporträt gehangen. Ohne ganz vollendet ähnlich zu sein, gab es gerade das Charakteristische des schönen Mädchenkopfes vortrefflich wieder.

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