Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1899)
- Date
- 1899-05-19
- Page
- Seite 238 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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-»-««WPMMMllWMWWWWI WWWWWWWWWWWWWM^WWWWMk' 238 Israelitisches, mit Ausnahme des Gottesglaubens und des Fastens, darin durchaus fehlt, und das Ideal des charaktervollen Menschen bestimmt nürd als „ein einfacher, gerader, gottesfürchtiger und vom Bösen weichender Mann". Die Sammlung der Sprüche erwähnt nur einmal einen Ausländer (31, 24), den Kanaani, den Handelsmann. Nicht findet man darin Spott, Hohn, Verlästerung anderer Völker, der Ausländer, der Heiden, was doch unmöglich im Sprichwort, in den geflügelten Worten, die des Volkes Lieblinge geworden sind, und in denen die Volksseele in den mannigfachsten Beobachtungen sich wiederspiegelt, hätte fehlen können, wenn Israel jemals so national gewesen wäre, wie man es als gesichert darzustcllen beliebt. Soweit diese Verkörperungen (mir sei gestattet, das bequeme Wort zu brauchen) der Volksseele Israels nicht religiösisraelitisch sind, haben sie ein allgemein sittliches und allgemein menschliches Gepräge. „Zum Gebethause für alle Völker" bestimmt man auch kein „nationales Heiligthum". Die Weiheworte Salomos sind durch alle Zeiten im Tempel zu Jerusalem bethätigt — den Heiden der Zutritt, ihren Opfern die Annahme nie verweigert worden. Das bekundet das jüdisch-religiöse Bewußtsein, daß nicht allein der Gott Aller in seinem Gotteshause verehrt wird, sondern daß diese Alle, ebenso wie Israel selbst, Kinder dieses Gottes sind, die ihm nahen dürfen und nahen sollen. Israel weiß sich verpflichtet, Alle aber berechtigt, in diesem Tempel, natürlich unter Beachtung der dafür gegebenen Vorschriften, zu dem Weltengotte zu beten und ihn durch Opfer zu verehren. (Forts, folgt.' Usn der Matratzengruft. ss sind nun gerade fünfzig Jahre her, daß in das Krankenzimmer Heinrich Heines auf der vielberufenen Matratzengruft in Pariin der Rue d'Amsterdam zwei Männer eintraten, von denen jeder Sachkundige den älteren sofort als einen deutschen Professor, erkannt hätte, während der jüngere den Eindruck eines Scholaren machte. In der That war der eine der' Professor der Philosophie an der Universität zu Tübingen Immanuel Hermann v. Fichte, der Sohn seines großen Vaters, und der andere wiederum dessen Sohn, ein junger Arzt, der später allerdings auf dem Gebiete des Militär-Sanitätstveseus zu ansehnlicher Bedeutung gelangen sollte, Eduard v. Fichte, der vor zwei Jahren als Generalarzt im württembergischen Kriegsministerium gestorben ist. Ueber diesen Besuch ist bisher so gut wie gar nichts bekannt geworden. In den Biographien des Dichters wird er überhaupt nicht berührt; nur in meinem Buche: „Heinrich Heine und seine Zeitgenoffen" habe ich die Sache kurz erwähnt und zwei Briefe veröffentlicht, die mir Dr. Eduard v. Fichte mitzutheilen die Güte hatte. Und doch ist das Gespräch zwischen Heine und dem Philosophen, der bekanntlich den ethischen Theismus der nachkantischen Philosophie begründet und ausgebildet hat, ein so interessantes und merkwürdiges, daß es zur Erkenntniß dieses Dichtergeistes und seiner großen religiösen Wandlung in den letzten Lebensjahren geradezu wichtig erscheint. Es drehte sich fast ausschließlich um philosophische und religiöse Fragen, um die individuelle Fortdauer nach dem Tode, um Geister und Seelen, um die Frage der Präexistenz und schließlich in natürlicher Folge um das Dasein Gottes. Es erscheint mir deshalb als ein Akt der Pietät, dieses Gespräch weiteren Kreisen bekannt zu machen, und zwar mit de» Verbefferungen und Zusätzen, die ich ebenso wie die oben erwähnten Briefe dem Sohne des schwäbischen Philosophen verdanke. Mit dem Bekenntniß, daß er ein glühender Verehrer des deutschen Dichters sei, trat dieser an das Krankenlager Heines. Er versuchte, ihm zu schildern, mit welchem Beifall alles, was dieser geschrieben, im deutschen Vaterlande ausgenommen werde. Das Bewußtsein, die Herzen seines Volkes gewonnen zu haben, müsse ihm reichlich ersetzen, was ein neidisches Geschick ihm an leiblichen Gaben versage. Allein hier zeigte sich Heine als Philosoph; gar wenig Werth legte er auf jenen Beifall. „Was der schaffende Geist in ihn lege, das muß er gestalten und wieder ausströmen auf seine Weise. Das Wirken des Dichters wird nicht durch Beifall bestimmt noch durch Ruhm belohnt, sondern bestimmt durch inneren Drang, belohnt durch innere Befriedigung — die größte Eitelkeit sei, dem Nachruhm nachzujagen. Aus diesem Grunde schreibe er auch an keiner Selbstbiographie. Gr habe außerordentlich viel Geschriebenes da liegen, deffen Schicksal er nicht voraus bestimmen kann. Schon vieles, namentlich viele irreligiöse Gedichte, habe er mit großer Mühe ausgesucht und dem Feuertode übergeben, damit es nicht in die Hände Unberufener falle, und auch nur sich selbst der Versuchung zu überheben, in die er doch noch einmal gerathen könnte, daffelbe zu veröffentlichen." Die interessante Wendung des Gesprächs entsprang aus der ziemlich plötzlich und unvermittelt aufgeworfenen Frage Heines: „Sagen Sie mir doch ganz offen Ihre Ueberzeugung, ob es eine persönliche Fortdauer nach dem Tode giebt oder nicht; sind wir unsterblich oder nicht? Diese Frage beschäftigt mich, seit ich ans dem Siechenbett mich befinde, immer ernstlicher und beunruhigender." Immanuel Hermann Fichte, auf den Schleiermacher einen wesentlichen Einfluß geübt, glaubte, wie Jeder weiß, der seine „spekulative Theologie" kennt, an eine persönliche Fortdauer nach dem Tode, und er gab dieser Ueberzeugung auch am Krankenbette Heines bestimmten Ausdruck. Doch schien ihm die Zeit zu kurz, um den philosophischen Beweis dafür ausführlich zu erbringen. Der Dichter beruhigte sich aber bei einer kurzen Antwort nicht und begann nun seinerseits über diesen Gegenstand zu sprechen. Die Frage der Unsterblichkeit schien ihm untrennbar von der eines persönlichen Gottes. Gegen diese Behauptung trat Fichte mit Entschiedenheit auf. Er meinte, es sei im Gegentheil Sache einer philosophischen Erörterung dieser Frage, sie vom theologischen Gebiet auf das rein anthropologische herüberzuziehen, denn gerade eine solche von allen Nebenvoraussetzungen geläuterte, rein physiologische und psychologische Forschung weise die persönliche Fortdauer nach dem Tode am unwiderleglichsten nach. Dieser Gedanke, welcher damals zuerst in der Philosophie auftauchte, schien Heine neu und überraschend. Er bat Fichte, ihm sein anthropologisches System auseinanderzusetzen, und die Aufregung des Dichters wuchs, als der Tübinger Philosoph mit dem bekanntlich von ihm sehr entschieden vertretenen Satze auftrat, daß nicht nur eine Fortdauer der Seele nach dem Tode, sondern konsequenterweise auch eine Präexistenz vordem EintrittindasDasein anzunehmen sei. Präexistenz, irdisches Leben und Fortdauer nach demselben, dies alles sei gleichfalls als ein Strom zu betrachten, und insofern lebten wir alle schon hier in der Ewigkeit. Das Gespräch führte nun auf ein heikles Thema, welches aber damals stark an der Tagesordnung war, genau so wie heute; denn wie heute sich gebildete Menschen für den Spiritismus begeistern, so schwärmten damals ebenso gebildete Menschen für das Tischrücken, für Geisterklopfen und ähnliche Erscheinungen. Die Unterhaltung kam auf den Zustand, in welchem sich die abgeschiedenen Geister befinden, auf die Möglichkeit, sich den irdischen Sinnen bemerklich zu machen, auf die dunklen Beziehungen der jenseitigen zu den noch auf Erden lebenden Geistern, auf die Ekstase und visionäre Zustände, das zweite Gesicht und schließlich auch auf den animalischen Magnetismus. Heine