Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1899)
- Date
- 1899-05-19
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
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235 und Aufnahme findet; so oft die Gelegenheit sie zusammenbringt, fühlt sich Letzterer als ein Fremder unter Fremden. Und eben diese Empfindung wird manchen jüdischen Lehrer auch vom Besuch eines deutschen Lehrertages zurückgeschreckt und in ihm einen diesbezüglichen Wunsch im Keim erstickt haben. Bei anderen jüdischen Lehrern ist der Grund, weshalb sie nicht zu den Lehrertagen kommen, ein anderer; nicht Mangel an dem nöthigen Jntereffe, sondern — klinge es, wie es wolle — Mangel an den nöthigen Geldmitteln. Herr Feiner hat bei dem Vorwurf, den er den jüdischen Lehrern macht, die traurigen Besoldungsverhältnisse der meisten von ihnen zu berücksichtigen vergessen; kann man bei 750 bis 1000 Mark Jahresgehalt, von welchem man alle Lebensbedürfnisse, wie Wohnung, Kost und Kleidung, zu bestreiten und vielleicht gar noch manche Verpflichtung zu erfüllen hat, auch noch von fernher nach Hamburg oder Breslau reisen? Die Befriedigung derartiger Interessen verbietet sich hier wohl ganz von selbst. Uebrigens läßt sich der Verlust, den großen Lehrerversammlungen nicht beigewohnt zu haben, doch einigermaßen wieder gut machen, indem man aufmerksam die Berichte über dieselben liest, und das wird doch wohl kein jüdischer Lehrer unterlassen. Kurz, nach meiner Meinung ist der Besuch oder Nichtbesnch der Lchrertage durchaus kein Maßslab für das Interesse eines Lehrers an pädagogischen Angelegenheiten. Und ich bestreite ganz entschieden, daß Jemand überhaupt über die Möglichkeit verfügt, dieses Interesse bei seinen Kollegen auch nur im Geringsten kontroliren und feststellen zu können. Nicht einmal einem Kollegen, der mit mir im selben Orte wohnt, kann ich mit Bestimmtheit Nachweisen, ob er durch Studium für seine Fortbildung sorgt oder nicht, geschweige einem fern wohnenden Bernfsgenossen. Das Dichterwort: „Es bildet ein Talent sich in der Stille", dürfte auch auf diesen Fall sehr gut passen. Daß von 1000 jüdischen, Lehrern, denen vom Vorstand der jüdischen Lehrervereine Fragebogen zugestellt wurden, nur 500 die gewünschte Auskunft über ihre Verhältnisse gaben, ist von den anderen 500 eine Unterlassung, die nur zu verurtheilen ist. Aber ich kann nicht glauben, daß hier wirklich ein Mangel an sozialem Gefühl und Kollegialität vorläge, wie Herr Feiner annimmt; ich glaube vielmehr, daß es bei manchem Kollegen die Aussichtslosigkeit war, die er hinter dem Bestreben, seine Lage zu bessern, vermuthete, und die vielen fehlgeschlagenen Versuche nach dieser Seite hin mögen ihn wohl mit Recht skeptisch und mißtrauisch gemacht haben. Wie Herr Dr. Gutmann, so gebe auch ich manches, was Herr Feiner sagte, als richtig zu, so z. B., daß es leider jüdische Lehrer giedt, die gänzlich befriedigt sind durch den Erfolg, glücklich „Kollege" geworden zu sein und eine Stelle gefunden zu haben, die sie ernährt und erhält, und deren Ehrgeiz weiter keine Wünsche kennt. Im Uebrigen aber kann auch ich nicht umhin, zu bemerken, daß man stets und überall sich wohl hüten sollte, das Ansehen der jüdischen Lehrer in den Augen des Publikums undegründeterwcise herabzusetzen. Vielmehr dürfen die jüdischen Gemeinden von ihren Lehrern im Allgemeinen annehmen, daß dieselben sich mit ihren christlichen Kollegen durchweg auf der gleichen geistigen Höhe befinden. Denn die jüdischen Schulen, ob sie öffentlich sind oder nicht, unterstehen derselben Aufsicht wie die christlichen; es werden an sie dieselben Anforderungen gestellt wie an jene. Und wenn der jüdische Lehrer diesen Anforderungen genügen will, so kann er gar nicht umhin, sich um die pädagogischen Fragen der Gegenwart zu bekümmern. Freilich kann nicht jeder Lehrer an der Ventilirung und Lösung dieser Frage» so direkten und persönlichen Antheil nehmen wie der in Hinsicht der geistigen Anregung günstiger gestellte Kollege in Hamburg oder in einer andern Stadt. Im Uebrigen aber erkennen es alle objektiv denkenden Pädagogen willig an, daß der jüdische Lchrerstand in Deutschland auf einem hohen geistigen Niveau steht und der deutschen Jndenheit nur zur Eh»e gereichen kann. Aus Steinthals Jugendzeit. fie Geschichte des Menschen ist sein Charakter." An dieses tiefsinnige Wort Goethes gemahnt uns das nachfolgende Schreibeil aus der Jugendzeit unseres theuren Professors Steinthal, das wir der Güte eines Verwandten, des Herrn Dr. med. Steinthal, zu verdanken haben. Hajjim Steinthal war ein Achtzehnjähriger, als er diese beiden Briefe an seinen ältern Bruder schrieb. Aber welcher Ernst der Gesinnung, welcher Fleiß und Eifer, welche unbedingte Hingabe an die Wissenschaft muß den jugendlichen Schreiber dieses Briefes erfüllt haben! Und daneben : welche Kindlichkeit und Reinheit der Gesinnung, welche heilige Wahrheitsliebe lebte in diesem jungen Herzen! Wenn Briefe Fenster der Seele sind, so sehen wir hier schon in den Blüthefrühling eines jungen Menschenlebens hinein, das sich später zu so herrlicher Reife entwickeln sollte. Das Schreiben ist deutsch und hebräisch. Der deutsche Theil, der im Original dem hebräischen folgt, mag diesen hier einleiten: Lieber Eduard! Hier hast Du wieder einmal eine Probe von meinem hebräisch^ Stil. Wenn Du finden solltest, daß er sich gebessert hat, so wird es mich sehr freuen. Der zweite philosophische Theil ist mir natürlich viel schwerer geworden und Dir vielleicht auch weniger verständlich und unklarer geschrieben. — Heute über acht Tage wird die neue Schule eingeweiht. Ich habe Dir vielleicht schon davon erzählt, daß das ältere Haus von Pfau zum Schulgebäude gekauft ist. Diesen ganzen Sommer hat man darin die Zimmer einzurichten gehabt. Das Haus steht jetzt von außen ganz prächtig aus. Unten sind die Klassenstuben für Quarta, Tertia und die beiden Realklassen nebst dem Laboratorium; oben sind Sekunda und Prima und die schöne Aula mit einer Front von sieben Fenstern über das ganze Haus hin. Vielleicht interessirt Dich eine nähere Beschreibung. Am Eingang sind zwei Säulen; gerade gegenüber ein Katheder, ganz altarförmig mit rothem Zeug (ich glaube Plüsch) behängen; an den Wänden ringsum, ungefähr in der Mitte, sind die Köpfe der berühmtesten griechischen und römischen Autoren gemalt, und zwar an der Wand selbst von Herrn Greiner hier. Die Bänke sind alle gepolstert und ebenfalls mit oben genanntem rothen Zeuge überzogen. Hier wird immer Examen sein, mit Aktus verbunden. Auch die Einweihung findet hier statt. Hierbei werden wir zwei lateinische und eine deutsche Rede, von den ersten Schülern gehalten, hören. Wahrscheinlich spricht auch der Superintendent einige Worte vom Katheder herab. Und noch zwei andere Reden wird's geben; eine Abschieds¬ und eine Antrittsrede. Du wirst es rathen können. Der Direktor Herzog ist penfionirt und Herbst an seine Stelle gekommen. Ersterer hat den Titel Konsistorialrath bekommen; wahrscheinlich ohne Sitz und Stimme. Da nun ein Lehrer fehlt, so wird ein neuer berufen, ich vermuthe Professor Heinrich aus Quedlinburg, doch kann ich es nicht gewiß sagen. Ueber andere neue Einrichtungen, die wahrscheinlich in der Schule eintreten werden, kann ich noch nichts sagen. Zu thun wird's geben. So viel aufgegeben wird, arbeite ich, mehr nicht! Denn ich muß täglich außer den Schularbeiten (nach meinem mir vorgeschriebenen Gesetz) ein Parsche Chumesch lernen, so daß ich alle Woche mit einer 8iära fertig werde und wenn ich übers Jahr abgehe, ich die Thora durchgelesen habe, und zwar so genau, daß ich fie fast wörtlich auswendig kann; daneben wirdRaschi undRaschbamWort für Wort, von dem dunkeln Aben Esra so viel ich versiehe, durchgenommen. Ferner muß ich täg' lich einige Kapitel in Jesajah und zwei Perakim in Mischnajot, lernen. Rechne nun noch hinzu, daß ich wöchentlich sechs Stunden bei Leib zur yenwpo und ebenso viel beinahe zur Repetition des Gelernten haben