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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-19 · Heft 20 (19.5.1899) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 20 (19.5.1899)
Date
1899-05-19
Page
Seite 231 (sequence 3)
Language
German
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wmm sm WM WWMWWWMWDWWW 251 und die wir deshalb auch zum Abdruck bringen, wird von ihnen in unerhörter Weise angegriffen. Eine kleine Probe mag genügen. Das Leiborgan der hessischen Antisemiten, die von dem Abgeordneten Köhler und dem früheren Abgeordneten Hirsche! herausgegebene „Deutsche Volksmacht", schreibt u. a: „Feigheit vor der Macht des Judenthums-und niedriges Buhlen um die Gunst desselben rangen in der Schächtdebatte mit religiöser Heuchelei um die Wette. . . . Tie von den Juden aufgebrachten gelehrten Gutachten .... wurden sämmtlich sehr gut bezahlt, und wohl die meisten wurden mit Rücksicht auf das Honorar abgegeben. Zu was hätte sich die „deutsche Wissenschaft", die Metze für alles, nicht schon mißbrauchen lassen.Ekel, Abscheu und Entrüstung sind auch die einzigen Empfindungen, die einem anständigen Menschen für die Mehrheit des Reichstages übrig bleiben." Vielleicht wenden sich aber dieselben Empfindungen nach einer andern Seite hin. Unter allen Erscheinungen des nwdernen Antisemitisnlus wird der der Freimaurer dem künftigen Kulturhistoriker unseres Jahrhunderts am wenigsten verständlich erscheinen. Man schreibt darüber von sachkundiger Seite dem „Berliner Tageblatt": „Ueberall macht die Freimaurerei, die eine Verbrüderung der Menschheit ohne Rücksicht auf Stand, Rang, Reichthum, Staatsangehörigkeit «mstrebt, vernünftigerweise bei der Ausnahme in die Loge keinen Unterschied nach dem Glaubensbekenntniß. Einzig und allein in den skandinavischen Ländern und in Altpreußen verstößt die Freimaurerei, oder was stch hier so nennt, gegen den Hauptgrundsatz des reinen Menschenthums und der Gleichberechtigung aller Bekenntnisse. Bor etwa einem Bierteljahrhundert gelangte allerdings auch in einer der drei altpreußischen Großlogen vornehmlich unter der Einwirkung des damaligen Kronprinzen das Humanitätsprinzip zum Sieg. Im Jahre 1872 gab die Großloge Royal Jork, genannt „Zur Freundschaft", das sogenannte christliche Prinzip auf, das in Wirklichkeit höchst unchristlich ehrenwerthe Männer nur wegen ihres Glaubens von der Mitgliedschaft der Loge ausschloß. Die Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln" und die „Große Landesloge" blieben jedoch bei jener Ausschließlichkeit und wußten alle Reformbestrebungen, theilweise unter gröblicher Verletzung von Recht und Wahrheit, wie beispielsweise in dem Kampf gegen Schiffmairn, zu Hintertreiben. Aber auch in der Großloge „Royal Jork" machten sich bald wieder, besonders seit dem Auftreten des Herrn Stöcker, antisemitische Bestrebungen mit Erfolg geltend. Viele Jahre hindurch wurde zwar von dem Mann, der die Aufnahme in die Loge nachsuckte, das Vekeuntniß zum christlichen Glauben nicht verlangt, er wurde aber, wenn er nicht getauft war, in den Berliner Logen rundweg abgewiesen. Alle Versuche, diesem Antisemitismus zu steuern, sind vergeblich geblieben. Es kommen sogar in den Logen gar nicht selten ausgeprägt antisemitische Reden vor. Jetzt steht obenein, wie die „Latomia" mittheilt, auf der Tagesordnung der nächsten Großlogensitzung der Großloge „Royal Uork" der Antrag, in die Verfassung einen Zusatz einzufügen, wonach der Suchende sich zu „christlichen Grundsätzen" bekennen müsse. Es wird also das im Jahre 1872 eingeführte Humanitätsprinzip von dieser Loge wieder abgeschafft. Vermuthlich sah Kaiser Friedrich eine solche reaktionäre Unduldsamkeit voraus, als er der ganzen altpreußischen Freimaurerei eine sehr trübe Zukunft prophezeite. Der Großmeister der Großloge „Royal Aork", der Reichstagsabgeordnete Prinz Heinrich zu Schönaich- Earolath, ebenso wie der zugeordnete Großmeister Professor Dr. Flohr, haben eine Wiederwahl abgelehnt. Es ist begreiflich, daß sich alle Männer, die einen Funken von Liberalismus in sich fühlen, mehr und uiehr von attpreußischen Großlogen zurückziehen und sie ihrer geistigen Verödung überlassen." Mau glaubt, daß infolge dieses nunniehr angenommenen Antrags die übrigen Großlogen ihre Verbindung mit den drei attpreußischen Großlogen aufgeben, insbesondere auch die humanistischen Großlogen Deutschlands ihren Austritt aus dem Großlogenbund erklären werden. * In Ungarn erfreuen sich die Juden auch unter dem neuen Regime der vollen Gleichberechtigung. Der Ministerpräsident Koloman Szell hat einer jüdischen Deputation kürzlich folgende Antwort gegeben: „Schon Ihr Erscheinen selbst verpflichtet mich zu Dank, noch mehr aber die Worte, welche in dieser Hinsicht das Echo jener Prinzipien und Ansichten bilden, welche ich beim Regierungsantritt im Reichstag auseinandergesetzt habe. Ja, ich halte die Äufrechterhaltung des guten Verhältnisses zwischen Staat und Kirche für eine staatliche Aufgabe ersten Ranges und die Aufrechterhaltung des guten Einvernehmens zwischen sämmtlichen Konfessionen für eine politische Aufgabe ersten Ranges. Meine Politik, welche die Politik des Rechtes, des Gesetzes, der Gerechtigkeit ist, erstreckt sich auf alle Klassen, auf alle Konfessionen, auf alle Nationalitäten ohne Unterschied." Das russische Osterfest sollte ohne Judenunruhen Glicht vorübergehen. Die Exzesse in Rikolajew, von denen wir schon in der vorigen Nummer gesprochen, haben trotz der offiziellen und offiziösen Ableugnungen doch stattgefnnden. Es war nur schwer, die Wahrheit ZU' erfahren, da die Blätter nichts darüber bringen durften. Nach einer Korrespondenz des neuen, in Petersburg erscheinenden Tageblattes „Roßja" waren in Nikolajew, von dessen 100000 Bewohnern 30000 Judell sind, die Unruhestifter und Plünderer, deren Zahl etwa 5000 betrug, ihrer Mehrzahl nach Maurer, Erdarbeiter und Straßenpflasterer, welche meistens erst vor Kurzem aus dem Gouvernement Orel dorthin gekommen sind. In mehreren hundert Häusern, deren Eigentümer Juden sind, wurden die Läden und Fenster durch SteilNvürfe zertrümmert. Zwanzig Inden wurden durch Steinwürfe schwer verletzt, einer durch einen Schuß getödtet. Auf dem jüdischen Friedhofe sind viele Gräber zerstört. Gegen 400 der Ruhestörer wurden verhaftet. Bon anderer Seite wird gemeldet: „Bei dem Aufruhr wurden 15 Personen, unter ihnen zwei Frauen, getödtet. Die Frau eines Tabakhändlers war das erste Opfer. - Ihr Mann erhielt furchtbare Verletzungen, entkam aber mit dem Leben. Die Frau wurde in ihrem eigenen Hause zu Tode geprügelt. Sie wagte nicht einmal, einen Schrei zu thun, um nicht die räuberischen Kosaken herbeizubringen, die in vielen Fällen mithelfen, Läden und Werkstätten zu plündern. Sechs oder sieben Infanteristen vom Pragskischen Regiment und fünf Kosaken wurden getödtet. Vier Kosaken werden vermißt. Wahrscheinlich haben ihre Mörder ihre Leichen in aller Stille verscharrt. Die Zahl der mehr oder minder schwer Verletzten muß auf beiden Seiten nach Hunderten zählen. Die Hospitäler und Privatärzte aber haben den Befehl erhalten, keine Einzelheiten verlauten zu lassen. Die orthodoxen Russen hingen Heiligenbilder an ihre Fenster oder Thüren, und die Fremden thaten dasselbe, indem sie solche Bilder von ihren Dienstboten liehen. In den Quartieren der armen Juden wurden mit Kreide lateinische Kreuze an die Mauern und Thüren gemalt, allein als diese List bekannt wurde, plünderte und zerstörte die wüthende Menge alle Häuser, gleichviel ob sie Juden oder Ehristen gehörten." * In der französischen Kammer wurde in dieser Woche wieder gegen die Juden von Algier gehetzt. Der antisemitische Abgeordnete der Stadt Algier, Marchal, der seit 25 Jahren feurige Artikel zu Gunsten der algerischen Juden geschrieben hat, entdeckte mit einem Male sein antisenlitisches Herz und brachte vor wenig Tagen Klagen eben bezeichneter Art in der Kammer vor. Der Schluß seiner Ausführungen war, daß man den Juden das Bürgerrecht nehmen solle, denn sie haßten Frankreich und hätten niemals etwas zu seinen Gunsten gethan, sondern beschränkten sich darauf, seine Bürger auszuplündern. Die Unruhen würden fortdauern, bis dieser „einstimmig" gestellten Forderung der algerischen Bevölkerung Genüge geschehen sei.

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