Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228331--55483-3291692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
H 3 & & Köln, 7. Mai. Der Verein der jüdischen Lehrer in Rheinland-Westfalen versendet Einladung und Tagesordnung zu der am 21. d. M. in Neuwied im Hotel „Zum goldenen Anker" (am Rhein) stattfindenden außerordentlichen Generalversammlung. Die Tagesordnung ist folgende: 1. Vereinigung mit dem „Verein der israelitischen Lehrer Südwest-Deutschlands". 2. Referat: „Bedeutung der jüdischen Litteratur - Vereine". (Referent: Halberstadt- Meckenheim, Korreferent: Goldschmidt-Köln) 3. Bortrag des Kollegen Weiler-Paderborn: „Welche Anforderungen müssen an die jüdischen Lehrer und Lehrer-Bildungsanstalten gestellt und von beiden erfüllt werden?" (Verbandsthema.) 4. Freie Besprechungen. o.Frankfurta.M.,4.Mai. Das hiesige Mädchenstift versendet seinen 22. Jahresbericht für die Jahre 1897 und 1898. Die Zahl der Zöglinge betrug von Anfang 1897 bis Ende 1898 ununterbrochen 24. Bon diesen 24 sind 4 elternlos, 9 haben ihren Vater und 3 ihre Mutter verloren, 8 haben beide Eltern. Zwei dieser Mädchen stehen im 18. Lebensjahre, 8 im 19, 3 im 20., 6 im 21., 1 im 22., 2 im 23., 1 im 24., 1 im 26. Lebensjahre. Der Herkunft nach vertheilen sich die Zöglinge wie folgt: 6 sind aus Frankfurt a. M., 6 aus dem übrigen Hessen-Nassau, 1 aus der Rheinprovinz, 1 aus Westfalen, 1 aus Württemberg, 2 aus dem Großherzogthum Hessen, 5 aus Baden, 3 aus Baiern. Von denselben ist eine Privatlehrerin, 1 besucht das Seminar der Elisabethenschule, 1 die Handelsschule, 3 sind im Anwaltsbüreau thätig, 1 im Speditionsgeschäft, 8 sind Komtoristinnen in Engrosgeschäften, 3 sind Putzmacherinnen, 4 find in Konfektionsgeschäften, 1 besucht den Kindergarten des Frauenbildungsvereins, 1 ist Lageristin. Infolge außerordentlicher Zuwendungen — so spendete Frau Joh. Kohn-Speyer Mark 2000 — wurde es dem Verein möglich, ohne Defizit in der Berichtszeit abzuschließen. Da die Beschränktheit der Räume die Aufnahme einer größeren Anzahl von Zöglingen als 24 unmöglich macht, so mußte eine große Anzahl von Gesuchen zurückgewiesen werden. Es wäre erwünscht, wenn Wohlthäter reichliche Mittel zur Erweiterung des Mädchenstifts zur Verfügung stellen würden. Der Vorsitzende des Mädchenstifts ist der unermüdlich wirkende Rechtsanwalt Julius Plotke hier. U München, 7. Mai. Einer der besten hiesigen Vereine ist der Studien- und Arbeitsbeförderungs-Verein für Israeliten in Baiern mit dem Sitze in München, der soeben seinen Bericht verschickt. Das verstorbene Ausschuß-Mitglied Ludwig Bergmann hat zum Andenken seines Vaters 1888 dem Verein 5200 Mark zu dem Zwecke zugewendet, aus den Erträgnissen alljährlich zwei Stipendien für je einen Studirenden der Theologie und einer anderen Berufsart zu vertheilen. Frau Rosa Bergmann, seine ihm im Tode nachgefolgte Wittwe, hat nun letztwillig diese Zuwendung um den Betrag von 10000 Mark erhöht mit der Bedingung, aus den gesummten Erträgnissen dieser 15200 Mark alljährlich vier Stipendien zn vertheilen. Die von den Mitgliedern der israelitischen Kultusgemeinde 1895 begründete Perle s-Stiftung dient mit der Hälfte ihrer Erträgnisse dazu, baierische Staatsangehörige, welche durch hervorragende wissenschaftliche Leistungen sich bereits ausgezeichnet haben, und deren Studien abgeschlossen oder an dem Abschluß angelangt sind, ausgiebig zu unterstützen. Die Begründer der Stiftung haben dem Berwaltungsausschusse des Studien- und Arbeitsbeförderungs-Vereins die Verwendung dieser Hälfte für den genannten Zweck überlassen. Der Berwaltungsausschuß hat bereits an zwei geeignete Bewerber das Stipendium verliehen. Die Spenden, Mitgliederbeiträge und Zinserträgnisse betragen in diesem Jahre 5964,95 Mk. Für Unterstützungen und Stipendien an 98 Studirende, Handwerker und Handwerkslehrlinge wurden verausgabt 5349,83 Mark. Das Vereinsvermögen wird ausgewiesen mit einem Bankguthaben von 2274,20 und Werthpapieren von 49800 Mark. Den Ausschuß des Vereins bilden: die Herren Justizrath Dr. Rau, I. Vorstand; Rabbiner Dr. Werner, II. Vorstand; Bankier H. Aufhäuser, Kassirer; Rechtsanwalt I. Feust, Schriftführer; Rentier Louis Danhauser, Großhändler Jakob Reinemann, Landgerichtsrath E. Silbermann, Beisitzer; Bankier Albert Schutzmann, Kontroleur. *>? Mülhausen i. C., 7. Mai. Der Bericht über die Israelitische Gewerbeschule des Ober-Elsaß sür das Rechnungsjahr 1898zeigt diese vortreffliche Anstalt in gedeihlichem Aufschwung. Die Anstalt wurde 1842 durch die Philanthropische Gesellschaft des Ober-Elsaß gegründet. Sie bezweckt die Heranbildung armer, oft verwaister israelitischer Kinder zu tüchtigen Handwerkern. Seit der Gründung haben mehrere Hundert Zöglinge die Schule mit gutem Erfolg besucht und verdanken derselben ihre gewerbliche Ausbildung und ihr späteres nutzbringendes Fortkommen im Leben. Im verflossenen Jahre betrug die Anzahl der Schüler 42. Davon werden ausgebildet: 6 als Schneider, 5 als Tapezierer, 4 als.Buchbinder, 4 als Buchdrucker, 4 als Holzbildhauer, 3 als Blechschmied, 3 als Kürschner, 3 als Schlosser, 3 als Zeichner, 2 als Friseur, 2 als Sattler, 1 als Bürstenbinder, 1 als Elektrotechniker, l als Uhrmacher. Die Einnahmen der Anstalt beliefen sich auf 16.710,40 Mk. die Ausgaben auf 15 778,92 Mk. Saldo in Kasse 931,48 Mk. Die gewöhnlichen Ausgaben betrugen 12378,48 Mk. Das macht pro Tag im Durchschnitt 0,90 Mk. für jeden Schüler. Die Gesammtzahl der Verpflegungstage betrug 14900. Mit dieser bescheidenen Summe wird der ganze Unterhalt jedes Zöglings — Kost, Kleidung, Wäsche, Unterrichtsausgaben, Heizung u. s. w. — bestritten. Orstrrrrrch - Ungarn. □ Wien, 8. Mai. In Böhmen will es noch immer nicht ruhig werden, bei dem Streik der Fabrikarbeiter haben zumeist die jüdischen Bewohner zu leiden, die jüdischen Geschäftsleute werden förmlich boykottirt, so war's in Nachod, so ist es jetzt in Horitz, wo die Streikenden ganz unter dem Einfluß antisemitischer Hetzer stehen. Die Gendarmerie des Ortes und das Militär wurden herangezogen. — Der jüdische Schächter in Goltsch-Tenikau, der in einem Artikel des deutschen Volksblatt als der Mörder des Polnaer Mädchens bezeichnet wurde, hat durch den Advokaten Dr. Fialla bereits die Klage gegen das verleumderische Blatt angestrengt; bekanntlich hat der Schächter Moritz Kurzweil bereits sein vollständiges Alibi nachgewiefen. — Nachdem die Behauptung der antisemitischen Blätter, der Mädchenmord bei Polna sei ein „Ritualmord", durch die Verhaftung des Mörders, des irrsinnigen tschechischen Handschuhmachers Janda, widerlegt worden ist, wird ein neues Märchen dieser Art verbreitet. Im Leichenhause des Salzburger Centralfriedhofs wurde vor einigen Wochen ein grauenhafter Word an einem halbwüchsigen Mädchen verübt, der gerichtlich als Lustmord qualifizirt wurde. Der Thäter ist bisher nicht entdeckt. Gestern brachte nun ein baierisches Blatt und zwar das „Traunsteiner Wochenblatt", das zugleich das Amtsblatt des Amtsgerichts und des Stadtmagistrats zu Traunstein ist, eine Korrespondenz aus Salzburg, worin bestimmt erklärt wird, es sei kein Zweifel, daß der Mord im Leichenhause „ein jüdischer Ritualmord" sei. Die Leiche des Opfers weise den, regulären Schächterschnitt auf, und man habe zu der kritischen Zeit auf dem Friedhof, einen Juden mit einem Talmud (!) gesehen! Beigefügt wird, es blasse tief blicken, daß der deutsche Reichstag sich noch nicht zum Verbot des Schächtens habe aufschwingen können!! — Beim Kreisgericht in Königgrätz wurden seit dem 17. April mehrere an den Nachoder Exzessen betheiligte Personen verurtheilt. Die Höhe der Strafe erreichte bei Einzelnen die Dauer von zwei Jahren schweren Kerkers. — Moriz Scharf, der bekanntlich in dem Tisza-Eszlarer Prozeß als Kronzeuge gegen seinen Vater Joseph Scharf aufgetreten war, dementirt in einem Brief an seine Eltern sehr energisch die Nachricht, daß er in Amsterdam gestorben sei. Moriz Scharf hatte nach Beendigung des Prozesses als vierzehnjähriger Knabe Ungarn verlassen und war von seinen Eltern nach Amsterdam gebracht worden, woselbst er die Diamantschleiferei erlernte. — Im niederösterreichischen Landtage stellte Dr.Weißkirchner einenDringlichkeitsantrag, anläßlich der Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes über die Unzulässigkeit der Unterstützung von Kirchenbauten durch die Gemeinde Wien die nöthigen Schritte zur Wahrung der Gemeinderechte zu unternehmen. In der Begründung des Antrages griff Dr. Weißkirchner die Juden heftig an: „Wenn die Juden für Kirchenbauten nicht zahlen wollen, sollen sie auswandern, sollen fle unser schönes Vaterland verlassen!" Und alle antisemitischen Abgeordneten akkompagnirten unisono: „Austreiben! Wir brauchen das Gesindel nicht!" — Hier wurde kürzlich ein Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis begründet. Die Mitglieder des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde, die Vertreter der Vereine zur Hebung der Gewerbe, zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Gewerbetreibender, des israelitischen Humanitätsvereins „B'ne Brith" haben sich dabei betheiligt. — In Krakau wurde auf Kosten der Kultusgemeinde ein Asyl für unheilbare Kranke