Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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^MWWMWMWWWWWWW eröffnet. Für den Rabbinerposten daselbst wurde der jetzige Rabbiner-- Stellvertreter C. L. Horowitz in Aussicht genommen und gleichzeitig der jetzige Prediger der fortschrittlichen Gemeinde, Dr. Ofias Thon, zum Prediger und Rabbiner für den Verein der fortschrittlichen Israeliten in Krakau seitens der Kultusgemeinde gewählt. Diese gleichzeitig und einstimmig gefaßten Beschlüsse beruhen auf einem Kompromiß zwischen allen Parteischattirungen. — Am 5. d. M. Vormittags fand unter sehr zahlreicher Betheiligung das Leichenbegängniß des am 2. d. im hohen Alter verstorbenen emeritirten Direktors des israelitischen Taubstummeninstituts, kaiserlichen Rathes Joel Deutsch, statt, der sich um das Taubstummenwesen in Oesterreich sehr verdient gemacht und hier eine sehr populäre Persönlichkeit war.— In Lemberg überfiel eine Anzahl feiernder Arbeiter einige Bäckereien, die jüdischen Bäckern gehören. Sechzehn Exzedenten wurden sofort verhaftet, worauf in den Bäckereien ungestört weitergearbeitet werden konnte. — Der Kaiser hat den Oberst He inrich Porges, Festungs-Artilleriedirektor in Premysl, zum Generalmajor ernannt. Schweiz. a. Bern, 8. Mai. Professor Dr. Ludwig Stein ist am 2. d. M. von der königl. ungarischen Akademie der Wissenschaften zum Mitgliede gewählt worden. Die feierliche Promulgation erfolgt am 10. d. M. in Budapest. Wie wir vernehmen, ist dem hervorragenden Philosophielehret der bernischen Hochschule kürzlich auch eine andere Auszeichnung zu Theil geworden, ein ihm durch den russischen Gesandten überreichtes Schreiben des Zaren, worin der Monarch in sehr freundlichen Worten seiner Befriedigung über Professor Steins Schrift „Zum ewigen Frieden" ausspricht. Das Schreiben hat folgenden Wortlaut: „Monsieur le Professeur! J’ai eu Fhonneur de transmettre, en son temps, au Ministere Imperial des Affaires Etrangeres, afin qu’il füt presente ä sa Majeste l’Empereur, Votre interessant ouvrage „Das Ideal des ewigen Friedens", traitant les questions se rattachant ä l’initiative magnanime de Mon Auguste Mattre, en vue d’alleger les charges creees par les armements actuels et de tonsolider la paix generale. Tres sensible ä ces manifestations, ainsi qu’aux sentiments que Vous avez temoigne pour cette oeuvre si hautement humanitaire, Sa Majeste Imperiale m’a Charge de Vous transmettre Ses remerciements tres sinceres. Veuillez agreer, Monsieur le Professeur, Tassurance de ma tres haute consideration. A. Yonine.“ Amerika. G. H. New-Aork, im April. Der Einwanderungskommissar T. B. Powderley hat die Neuerung eingeführt, den Einwanderern auch die Frage nach ihrer Religion zu stellen. Er soll sogar die ganz unamerikanische Scheidung zwischen „Russen" und „Juden" bei den russischen Einwanderern vorgenommen haben. In einem Briese, den Herr Powderley an Herrn Simon Wolf, früherer Generäl-Konsul der Bereinigten Staaten in Aegypten und Vorsitzender des Komitees zur Wahrung der bürgerlichen Rechte der Juden, richtet, streut er den Juden wegen ihrer Bürgertugenden Weihrauch, geht aber der eigentlichen Frage scheu aus dem Wege. — Dem jugendlichen Predigerder Adath Israel Gemeinde in Boston, Herrn Charles Fleischer, ist es gelungen, eine Sensationsbombe zur Explosion zu bringen, indem er in einer Gastpredigt, welche er in Cleveland hielt, die Behauptung aufstellte, der alte Gott Israels sei tobt, und man müsse einen neuen schaff«:. Der echt „amerikanische" Prediger soll übrigens hinter Berlin zu Hause sein. Von Nah und Fern. --- Dr. Ludwig Bamberger hat, wie wir hören, die Altersversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde in seinem Testament mit einer Spende von 20 000 Mark bedacht. — Professor Dr. Bernhard Weinstein ist zum Mitglied des Patentamts ernannt worden. — Der , in weiteren Kreisen bekannte und geachtete Kommerzienrath Heinrich Coßmann ist am 3. d. hier gestorben. — Kommerzienrath Dr. Georg Caro hat den Kronenorden 3. Klasse und der Landschaftsmaler Julius Bodenstein den Kronenorden 4. Klasse erhalten. — Herr Philipp Wert heim, der langjährige Sekretär der jüdischen Gemeinde, feierte am 10. d. M., nach schwerer Krankheit in der Genesung befindlich, feinen 80. Geburtstag. — Dr. E. Kalischer ist einstimmig zum Rabbiner in Pafewalk gewählt worden. — In Schwerin a. W. feierte in geistiger und körperlicher Frische am 1. d. M. der Rentier Joseph Jacoby, der Aelteste der Gemeinde und der Zweitälteste der Stadt, feinen 90jährigen Geburtstag unter allgemeiner Theilnahme— Am 10 d. M. feierte der verdienstvolle frühere Religionslehrer Moses Mannheimer in Darmstadt, der auch längere Zeit Rabbinatsverwefer war und sich durch seine schriftstellerische Thätigkeit bekannt gemacht hat — er war auch viele Jahre Mitarbeiter der „Zeitung des Judenthums" — den neunzigsten Geburtstag. — Dr. Raphael Meyer in Kopenhagen hat ein Stipendium von 12 000 Kronen zu einer Reise nach Rom behufs wissenschaftlicher Forschungen zur Landesgeschichte erhalten. — Der Schriftsteller M. Natanson ist zum Chefredakteur des Regierungsblattes „Berlingske Tidende" ernannt worden. Derselbe ist seit langer Zeit Repräsentant der jüdischen Gemeinde in Kopenhagen. — Zum Vertreter der Niederlande auf dem Friedenskongreß im Haag ist der Staatsrath M. C. Asser in Amsterdam und zum Vertreter Hollands auf dem Antisklavenkongreß der Zollinspektor I. H. Drielsma daselbst ernannt worden. — In Warschau soll eine Anstalt für jüdische Geisteskranke und Idioten begründet werden. Die Geldspenden sind so reichlich eingeflossen, daß man sicher hoffen kann, noch in diesem Jahre zur Ausführung des Baues schreiten zu können. — Der Herausgeber des „Kurier Warszawski" S. Lewenthal, wurde gegen eine Kaution von einer Million Rubel enthaftet. — Nach einer Meldung des „Bür. Reuter" aus Odessa haben in Nikolajew mehrere Tage lang ernste antisemitische Unruhen stattgefunden, bei denen einige Personen getödtet wurden. Die Russische Telegraphenagentur bezeichnet jedoch die Meldung der Blätter, wonach infolge antisemitischer Unruhen über Odessa der Belagerungszustand verhängt worden wäre, mit dem Bemerken als jeder Begründung entbehrend, daß an kompetenter Stelle von irgend welchen Unruhen in Odessa nichts bekannt sei. — Das einzige jüdische Blatt in russischer Sprache, der „Woschod" in Petersburg, ist in diesen Tagen für 35 000 Rubel an eine Gesellschaft verkauft worden. Die Leitung wird Herr M. Kulischer übernehmen. Der bisherige Herausgeber A. Landau wird krankheitshalber feinen Wohnsitz verlegen. — Eine Anzahl Mitglieder der Patriotenliga verhinderte in Paris eine Vorstellung im Theater, wo ein Spottlied auf Drumont und die Antisemiten gesungen wurde; von dort zog die Bande vor die Rothfchild'sche Bank in der Rue Laffitte und stieß Todesrufe gegen die Juden aus, wurde indeß von Schutzleuten aus einander gejagt. — Ein Richter des höchsten Gerichts enthüllte dem „Soir" folgende entsetzliche Thatsachen. Dem Gerichtshof gehen täglich zahlreiche Briefe aus Deutschland, Italien, ja sogar aus Rußland zu. Diese Woche ist eine Bibel eingetroffen, mit dem Ersuchen, sie Dreyfus zuzustellen. Vergangene Woche kamen zwei oder drei Erbauungsschriften mit der Bestimmung, Dreyfus zu bekehren, aus Berlin. Ein Pastor schrieb Mazeau, er vermache seine ganze Bücherei letztwillig Dreyfus. — In Algier hat am i. d. eine Bande arbeitsloser Juden mit dem Ruf: „A bas les capitalistes! A bas les richesYDu travail!“ sich vor die Wohnung des Großrabbiners und dann vor das meist von Juden frequentirte Cafe de Paris begeben. Sechs von ihnen wurden als Exzedenten verhaftet. — In Tunis wurde der frühere Redakteur des antisemitischen Blattes „Le Pierrot" aus Algier wegen dreier Vergehen: Bertrauensbruch, Fälschung von Papieren und Mißbrauch von Dokumenten, verhaftet. Dieser wackere Mitbürger hat noch vor wenigen Wochen auf Empfehlung des antisemitischen Deputirten Morinaud den akademischen Palmenfrack erhalten. — Katholische Blätter berichten von der Gründung eines „jüdischen Diakonissen-Ordens" in Jerusalem. Es handelt sich aber um einen Verein jüdischer Frauen und Mädchen, die sich der Pflege der Kranken und der Jugend widmen wollen.— Die jüdischen Gemeinden in Jerusalem haben den Rabbiner Bechor Aaron Alharif zum Chacham Baschi der heiligen Stadt einstimmig gewählt. — In Philadelphia hat am 9. v. M. eine Religionsdisputation zwischen den Rabbiner I. Leonard Levi und dem katholischen Priester Dr. I. E. S mith über den Stifter des Christenthums stattgefunden. Die armerikanischen Blätter berichten aber nicht, wer Sieger geblieben. — Rev. Dr. S. Hecht in Milwaukee ist zum Lektor für Talmud an der Universität Wisconsin ernannt worden. — In Chicago wurde kürzlich ein großes jüdisches Waisenhaus mit einem Kostenaufwand von 360 000 Markfeierlich eröffnet. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.