Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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MDWWWWWWWWWWVSWWWWMWWWWWWW^^^^WM - 226 - ponirt. Es wurde bei allen Vereinsfesten gesungen, bevor die Sammlung für die Armen begann, um dafür Stimmung zu machen. Es hatte immer einen gutklingenden Erfolg, denn es brachte jedesmal ein gutes Erträgniß für die Armen. Das Armenlied lautete: Freude herrschet hier im Saale, Froh find wir vereint. Während bei dem kargen Mahle Mancher Arme weint. Während uns in Lust und Scherzen Froh die Stunden flieh'n. Siechen viele edle Herzen In dem Elend hin. Freunde, wollt die Herzensfreude Heute Ihr erhöh'n. Dürft Ihr bei dem Bruderleide Nicht gefühllos steh'n. Freunde, gebt mit vollen Händen, Daß der Armen Schmerz Möge sich in Freude wenden, Freunde, gebt mit Hand und Herz. Als sich hier in Berlin die Rabbiner zu einer Berathung. versammelten, wurde ihnen von Gemeindemitgliedern ein Festmahl gegeben, in einem Liede sollte ihnen der Willkommengruß geboten werden, natürlich sollte ihn wieder der Killedichter liefern, der seinem Aufträge in folgender Weise nachkam: Auf dreien Säulen stehet fest die Welt, Auf Gotteslehre, die man fleißig übe. Der Tempeldienst ist dieser zugesellt. Die dritte Säule ist die Menschenliebe. Die Stadt, die Menschenliebe übt so gern. Ruft Heil Euch zu der Gotteslehre Meister, Die da hierher geeilt von Nah und Fern, Zum Tempeldienst die Herzen zu begeistern. In Gottes Namen seid willkommen hier. All Euer Thun gereiche uns zum Segen, Daß sich im Judenthume für und für Zu neuem Schaffen alle Geister regen. Damit der alte Glaube neu erwach'. Und froh wir rufen mit deS Königs Weisen, Ja, dieser Tag, der Herr hat ihn gemacht. So laßt uns jubeln, laßt den Tag uns preisen. Mögen für heute diese beiden Proben aus den unzähligen Gedichten des Killedichters genügen. Mein Freund hat mich ersucht, seinen Namen nicht öffentlich zu nennen, wer sich aber für diesen interessirt, dem kann er privatim genannt werden. David Hirschfeld. * Die Erzählungen des Herrn David Hirschfeld erwecken zahlreiche Reminiscenzen in unserem Leserkreis, von denen wir eine aus dem koscheren Restaurant von Frank hier noch mittheilen wollen. Trotz der sprichwörtlichen Grobheit des Wirthes scheint es in diesem Speisehause doch ganz vergnügt hergegangen zu sein, wenigstens könnte man dies annehmen, wenn man den Streich kennen lernt, welcher dort einem der Stammgäste, einem gewissen M., gespielt worden ist. Besagter M. gehörte zu den Protegees der Frau Frank, bekam oft einen Extra-Leckerbissen vorgesetzt, und als es einmal Gänsebraten gab, wie wir jetzt wissen, einen bei Franks seltenen Genuß, hatte ihm die Frau Wirthin die gebratene Gänseleber zugedacht. M., hocherfreut, bat die Frau, ihm das Frühstück um zwölf Uhr bereit zu halten, er wolle erst „Unter den Linden" spazieren gehen und sich ein Stündchen „Appetit anlaufen". Er macht sich also seelenvergnügt auf den Weg, läuft in der Königstraße und „Unter den Linden" herum und trifft dort einen Bekannten,- welcher auch bei Frank speist. Es entwickelt sich ein kurzes Gespräch: „Nun, M., was spazieren Sie schon Vormittag hier herum?" „Ich will mir ein bischen Appetit anlaufen, Frau Frank macht mir um Zwölf eine schöne gebratene Gänseleber zum Frühstück!" Und was thut nun dieser falsche Freund: Er geht schnurstracks zur Frau Frank, bringt einen schönen Gruß vom Herrn M., derselbe sei leider plötzlich unwohl geworden, könne deshalb nicht kommen — und nun läßt er sich selbst das kostbare Frühstück vorsetzen! Als er sich nach dem letzten Bissen den Mund mit der Serviette abwischt, ist es Punkt zwölf Uhr und herein tritt Herr M. mit angelaufenem Appetit. Tableau! Von demselben Herrn M. erzählt man auch, daß er einen Freund, der ihm eines schönen Oktobertages auf der Börse die Mittheilung machte, er beabsichtige nach Nizza zu reisen, erstaunt gefragt habe: „Jetzt, in der Grieben-Saison?!" 8. Da von meinem Jugendfreunde, Herrn David Hirschfeld, die Geheimnisse der Berliner Judengasse aufgerollt wurden, so gestatten Sie wohl auch mir, Ihren geschätzten Lesern eine andere „Schul", die sogenannte Mausche Bischitz-Schul, Jüdenstraße 52. deren damaliger Vorsteher, Rabbi Leib Schlesinger, Schwiegersohn von Reb Mausche Bischitz war, vorzuführen. Diese Synagoge, die älteste, die Berlin hatte, die vor der Heidereutersynagoge entstand, wurde Anfangs des 17. Jahrhunderts von drei aus Prag oder aus dem kölnischen Städtchen Beschitz vertriebenen Juden gegründet. Daher habe auch die Nachkommenschaft dieser Flüchtlinge den Namen Beschütz angenommen. Auf dem alten Friedhof in Prag befinden sich noch einzelne Grabdenkmäler, die den Namen „Beschitz" aufweiseu, also auch wahrscheinlich Flüchtlinge, die späterhin nach dort zurückgekehrt sind. Die kleine Synagoge wurde bis Ende der vierziger Jahre von einem großen Theil der im Centrum wohnenden frommen Juden alltäglich besucht. Jeden Morgen war Geheimrath Jacob Abraham Meyer (Jekef jofe) einer der ersten in der Schul. M. W. Meyer (Meyer jofe), ein sowohl sin allgemeinen Wissen als auch hauptsächlich in jüdischer Grammatik bewanderter Mann, betete an Wochentagen, wenn kein Leidtragender zugegen war, häufig vor; N. Israel, Jacob Goldschmidt, Bendix Elkisch (letztere Beide Gründer der Firma Bendix Co.), Joseph Moser (Großvater der H. Pincus), L. A. Marcuse, (Vater des Geheimraths), Dr. Sachs (als er in der Klosterstraße wohnte), mein seliger Vater Levin Ury, bevor er zum Vorsteher der großen Schul (so wurde früher die alte Synagoge genannt) erwählt wurde, der Vorsteher L. H. Schlesinger, dessen Bruder Daniel Schlesinger, (Schwiegersohn der Gabbete Rüben Meyer), bildeten mit noch vielen Anderen die täglichen Besucher des kleinen Gotteshauses. Am Sabbath, Neumond, Chanukah, Chol-Hamoed kamen auch der Geheimrath Joel Wolfs Meyer (Joel jofe) (Vater des Vorsitzenden unseres Gemeindevorstandes) selbstredend am Succothfeste mit Lulow und Eßrog, Jtzig Meyer (Jtzig jofe) und noch viele Andere, die einzeln aufznzählen ich mir versagen muß. An Festtagen betete Herr Daniel Schlesinger (Reb Daniel) mit großartigem Erfolge vor; er benutzte hauptsächlich die Beer Bamberger'schen Synagogenmelodien (Kantor war Ascher Lion) zu seinen Vorträgen. Sein Neffe, Herr Daniel Schlesinger junior, ein bekannter, hochgebildeter Talmudist, der gleichzeitig in wissenschaftlicher Beziehung auf der Höhe der modernen Bildung stand und erst vor einigen Jahren starb, hielt den Thoravortrag an Sabbath und Festtag. Er soll, wie Fachmänner erklären, der korrekteste Kt*eh gewesen sein und auch längere