Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
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225 Einen Allgenblick standen jetzt die Brüder stumm neben einander. Die Flurlampen begannen trüber zu brennen, die schwere Luft war vom Dllft welkender Blumen erfüllt, aus den offen stehenden leeren Zimmern, in denen die Wachskerzen tief herabgebrannt, die Möbel unordentlich hin- und hergeschoben waren, sprach ein sonderbares, fast greifbares Etwas von plötzlicher, schwermüthiger Verödung. „Wo ist die Mutter?" fragte Alphons endlich halblaut. Raphael wies nach dem ersten Stockwerk empor. „Wir müffen zu ihr." Oben angelangt, öffnete er leise die Thür des Hauptzimmers, das große Gemach war schon fast ganz in Dunkelheit getaucht, sei es, weil die Lichter von selbst erloschen waren, sei es, weil die aufräumenden Hände der Dienstboten dem bereits nachgeholfen hatten. Nur in einer Ecke brannten noch die Kerzen einer großen Girandole. „Hier ist sie nicht!" sagte Raphael und wollte die Thür wieder schließen. „Wo kann sie dann sein?" Aber Alphons schärfere Augen hatten mehr gesehen. „Laß mich hinein, Raphael!" rief er rasch und drängte sich ohne Weiteres an seinem Bruder vorbei. Er hatte sich nicht getäuscht, in der Mitte des weiten Raumes, dort, wo heute Mittag der Trauhimmel gestanden hatte, lag, wie vom Sturm niedergefällt, so daß die mächtige schwarze Sammetschleppe ihres Gewandes sich gleich einem Trauermantel um sie herumbreitete, hingestreckt eine hohe Frauengestalt. „Mutter!" schrieen die Söhne entsetzt, indem sie auf sie zustürzten und sie behutsam aufrichteten, „was ist Dir?" Von den Beiden mehr getragen als geführt, sank sie auf ein Sopha, die eifrigen Bitten ihrer Kinder, ein Glas Wein zu trinken, Judith herbeirufen zu laffen, matt abwehrend. Der jüngere Brnder bedeutete schließlich seinen Gefährten durch ein Zeichen, davon abzustehen. Dann öffnete er vorsichtig das vom Platz der Mutter am entferntesten liegende Fenster, in deffen Nähe er, die frische Nachtluft einathmend, gedankenvoll stehen blieb, bis Jene sie alle Zwei wieder zu sich rief. „Schließt das Fenster!" sagte sie tonlos. Und als Alphons ihr schweigend willfahrte, fuhr fie mit derselben, gleichsam erloschenen Stimme fort: „Mir ist schon besser. Mich hatte nur der Gedanke, daß ich jetzt keine Tochter mehr habe, einigermaßen ergriffen." „Mutter, Du wirst Dich noch besinnen, noch anders denken!" Einstimmig riefen sie's. „Niemals!" Da war wieder ihre ganze, ungebrochene Energie, die aus dem Worte klang. Aber die Frau, die es hervorstieß, sah seltsam alt und verfallen aus, mit dem harten Zug um die Mundwinkel. „Nie und nimmer werde ich diesen Schlag verwinden. Und das weiß Eure Schwester auch, eine der sogenannten modernen Aufgeklärten hat bei mir nichts zu suchen, bleibt meinem Hause fern. Ach, und dabei aber meine ich doch manchmal, ich muß mir selbst die Schuld beinieflen, daß sie so geworden ist. Ich habe es nicht verstanden, ihre Seele zu hüten!" „Ihre Seele?" murmelte Alphons halblaut, zweifelnd, „was hat das mit der Seele zu schaffen?" - Zum Glück hatte die Mutter es überhört, denn gleichzeitig fragte Raphael vorwurfsvoll: „Mutter, geliebte Mutter, Du, deren ganzes Denken und Sorgen ihren Kindern gehört hat, wie kannst Du das sagen?" „Ja, das sage ich!" Sie war emporgefahren, und ihre dunklen Augen richteten sich mit durchbohrender Gewalt auf die jungen Männer. „Ich muß es falsch angefangen haben. Sehe ich's denn auch nicht an Euch, daß jene Saat des Zweifels in Euren Herzen Wurzel geschlagen hat, daß Ihr gar manche Vorschrift nur widerwillig befolgt?" Die Söhne schwiegen und vermieden, sie anzublicken. Das steigerte die unglückliche Frau in noch heftigere Aufregung hinein. „Und ich habe doch gethan, was ich konnte! Wisset aber, was mich jetzt bewegt, das ist nicht der Schmerz um Regina allein, nein, die furchtbare Angst vor der Zukunft ist's, vor dem, was ich noch an Euch erleben werde. Ich fühle es, wenn Ihr mir dereinst Frauen zuführen würdet, die ebenso dächten wie Emanuel Steinhardt, wenn ich das alles, was Generationen und Abergenerationen unserer Vorfahren heilig hielten, zusammenbrechen sehen sollte, ich würde es nicht ertragen. Schwört mir." rief sie im leidenschaftlichsten Affekt, „daß dies nicht geschehen wird, daß Ihr Eure Hand nur Frauen reichen werdet, die in treuem Festhalten an den Traditionen unserer Väter mit Euch wetteifern, die das von unseren Ahnen ererbte Gut frommen Glaubens unversehrt und treu behütet dereinst Euren Nachkommen überliefern werden!" Lag es an der wechselnden Beleuchtnng der unruhig flackernden Wachskerzen, oder aber erfolgte in der furchtbaren Erregung nunmehr die Reaktion der während des ganzen Tages geübten unnatürlichen Selbstbeherrschung, Raphael und Alphons meinten beide, wie sie sich später gegenseitig eingestanden, noch nie so deutlich gesehen zu haben, wie entsetzlich die Mutter unter den Seelenkämpfen der jüngsten Vergangenheit gelitten hatte, wie tief die Furchen auf der Stirn und um die Augen geworden, wie viele weiße Haare sich in die prächtigen dunklen Strähnen geschlichen, wie unverkennbar überhaupt die ganze imposante Erscheinung den Stempel plötzlichen, über Nacht hereingebrochenen Alters trug. . . War es Liebe, Besorgniß, der Wunsch, vor allem die bedancrnswerthe Frau zu beruhigen? Riß deren eigene Leidenschaft die Anderen gewaltsam mit sich fort? Gleichsam von einem mächtigen Impuls unwiderstehlich getrieben, riefen beide Söhne wie aus einem Munde: „Wir schwören es!" Darauf trat tiefe Stille ein. Deutlich hörte man in der Lautlosigkeit das Knistern des verbrennenden Wachses, die schweren, beklommenen Athemzüge der drei im Innersten erschütterten Menschen. Dann sprach die Mutter zuerst. „Ich danke Euch, meine Kinder!" sagte sie. Sie trat auf die regungslos Dastehenden zu und that, was sie, seit die Knabenzeit ihrer Söhne vorüber, nur noch an Geburtstagen und bei ähnlichen Anlässen zu thun pflegte. Sie küßte sie beide auf die Stirn. „Ich danke Euch!" wiederholte sie. „Und nun laßt uns unser Leben von Neuem beginnen". (Forts, folgt.) Aus dem alten Berlin. 5. Der Rilledichter. fch hatte einen guten Freund, den nannten sie den Killedichter, denn es war kein Fest in der Gemeinde und in den Vereinen, zu dem er nicht in Anspruch genommen wurde, die nothwendigen Prologe und Lieder zu liefern. Er konnte niemals nein sagen, und da seine Gedichte sich leicht sprechen und singen ließen, und da in denselben noch der alte jüdische Geist waltete, der in den Gedichten der Modernen so sehr vermißt wurde, so hatte er vielen Zuspruch. Ein freundlicher Dank war das einzige, was er als Honorar für seine Mühe empfing, denn wer honorirt gern — Gelegenheitsgedichte? Eines seiner am häufigsten gesungenen Lieder war sein Armenlied, von den Chordirigenten Lewandowsky und Rosenfeld kom-