Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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224 —-— Es war ihr vergönnt, bedeutenden Männern in ihrem bescheidenen Heim eine gastliche Stätte zu bereiten; in Ostpreußen zählten Johann Jacoby, Kosch. Professor Jung und Ludwig WaleSrode, in Wien Friedrich Hebbel, Hieronymus Lorm, Ludwig August Frankl, Leopold Kompert und S. H. Mosenthal zu den Freunden ihres Hauses, und im Umgailg mit diesen Persönlichkeiten wuchs ihr geistiger Horizont. Rahel Meyer lieferte den Beweis, daß ideale Gesinnung mit praktischer Lebenstüchtigkeit sehr gut vereinbar sind; jeder tüchtigen Leistung zollte sie auch volle, unbegrenzte Anerkennung. Nur wenige Jahre durfte sie sich des reichen Erfolges ihres letzten Romans „In Banden frei" noch erfreuen. Ihren Lebensabend brachte sie, getragen von der Liebe und Verehrung ihrer Kinder und Enkel wie eines auserlesenen Freundeskreises, in. Berlin zu. Am 8. Februar 1874 endete der Tod dieses reichgesegnete Frauendasein. In unserer Zeit des Hastens und Jagens erscheint das Vierteljahrhundert, das seit dem Heimgänge einer der vorzüglichsten Schriftstellerinnen des modernen Judenthums verstrichen ist, als eine bei Weitem längere Zeitepoche. Aller Orten und in allen Schichten des gebildeten Judenthums regt sich in unseren Tagen mächtig das Streben, das Interesse für jüdische Geschichte und Litteratur wieder zu beleben, und gewiß bedarf es nur dieses kurzen Hinweises, um Rahel Meyers treffliche Schöpfungen, welche eine herz- und geisterfrischende, erhebende und belehrende Lektüre insbesondere für jedes Frauengemüth bilden, dem Schattenreiche der Vergesienheit, dem sie anheim zu fallen drohen, zu entziehen. EUILLETON Die Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. fVI. em traurigen Brautstande folgte eine trostlose Hochzeit. Aeußerlich war alles wie immer bei solchen Feierlichkeiten, das Haus in festlichem Schmuck, die Gäste festlich gekleidet, vor allein die Frauen, die, funkelnd von Geschmeide, in reichen Prunkgewändern einherschritten. In dem großen Vorderzimmer des ersten Stockes, in welchem schon mehr als eine Braut aus der Familie da Silva unter den Trauhimmel getreten, war dieser auch heute aufgeschlagen. Auf den schweren, silbernen Leuchtern brannten zahllose Kerzen, alles war scheinbar von Licht und Glanz erfüllt, und darüber breitete sich ungreifbar, aber von Jedermann deutlich empfunden, der bleierne Druck tiefer Traurigkeit. Es war ein schönes Paar, das sich während der heiligen Handlung gegenüber stand. Steinhardt, in voller Blüthe der Manneskraft prangend, vor ihm Regina, schön wie ein Märchen, aber unter dem langen Schleier ebenso farblos wie die sie umrieselnden weißen Atlaswogen ihres Kleides. Und als die Ceremonie begann, da versagte ihre mühsam gewahrte Fassung. Sie brach in Thränen aus und weinte, während die Feier ihren Fortgang nahm, so herzbrechend, daß ihr Bruder Alphons sie mehr als einmal mit besorgten Blicken streifte. Freilich, seine Hauptsorge galt nicht ihr. Sah er's doch, der Bräutigam ließ kein Auge von ihr und harrte nur sehnsüchtig des Moments, da die Trauung beendet war, um die Geliebte in seine Arme zu ziehen und sie aus der Tiefe seines liebenden Herzens heraus zu beruhigen. Alphons wußte seine Schwester wohlgeborgen > für das, was sie fahren lassen mußte, würde ihr Ersatz werden. Nein, sein Hauptantheil gehörte jener Gestalt zur Rechten der Braut, die die marmorne Unbeweglichkeit ihrer wahrhaft fürstlichen Haltung nur, als sie dem Brautpaar vorschriftsgemäß den Becher mit Wein darbot, aufgab. Sie vergoß keine Thräne, aber die beiden rothen Flecken auf ihren sonst völlig erblaßten Wangen färbten sich tiefer und tiefer. Und einmal, als der Bräutigam seiner Braut den Ring mit der uralten Formel: „Ich nehme Dich zum Weibe nach dem Gesetze Mosis", an den Finger steckte, da durchlief sie vom Scheitel bis zur Sohle ein leiser Schauer, und sie machte eine unwillkürliche Bewegung. Ihr war's, als müsse sie Hinausrufen: „Es ist ja nicht wahr, Ihr wollt es ja nicht halten, das Gesetz!" — Dann, als am Schluß der Ceremonie die Schale zerbrochen wurde, und der alte Rabbiner, der vor vielen Jahren sie selbst getraut hatte, daran anknüpfend einige Worte in dem Sinn sprach, daß, so wenig wie jene Scherben je wieder heil lind ganz, je wieder werden würden, was sie früher gewesen, so wenig sollte der heute geschloffene Bund ausgelöscht und alles wieder sein können wie vordem, — da schloß sie, wie von plötzlicher Schwäche überwältigt, eine Sekunde die Augen. Wie nun hierauf Regina sich hastig zu ihr wandte, noch ehe sie auf den Mann ihrer Wahl zuschritt, da riß sie ihre einzige Tochter mit mächtiger Leidenschaft an sich, umarmte und küßte sie, als wollte sie sich nimmer von ihr trennen, und doch zllgleich auch, als nähme sie Abschied von ihr fürs Leben. Es war das einzige Mal an diesen! Tage, daß ihr Gefühl die von ihrem Willen gezogenen eisernen Schranken durchbrach. Bei der nun folgenden Hochzeitsmahlzeit präsidirte sie mit ihrer gewohnten herrscherhasten Ruhe an der mit dem alterthümlichen Familienstlber der da Silvas reich geschmückten Tafel. Gleichmüthig sah sie, während die Näherstehenden sich immer mehr dem Bann unsäglicher Melancholie verfallen fühlten, unter den Nichtbetheiligten sich allmälig die bei solchen Gelegenheiten übliche, mehr oder weniger lärmende Fröhlichkeit entwickeln. Ja, sie gewann es sogar über sich, auf einzelne hingeworfene heitere Bemerkungen in ihrer gewöhnlichen vornehmen Weise einzugehen. Wie furchtbaren Zwang sie sich aber anthat, das sahen ihre Söhne bei der Ausbringung des Trinkspruches auf die Gesundheit des jungen Paares. Als sie sich ihr mit den gefüllten Gläsern näherten, erhob sie das ihre wie autoniatenmäßig und stieß mit ihnen an. Als sie es dann aber an ihre Lippen führte, fielen, ohne daß sie weiter mit einer Miene zuckte, aus ihren Augen, die sonst nie weinten, zwei große Thränen in das Glas, und und sie trank sie mitsammt dem Wein. Nachher war, wie häufig bei ähnlichen Anlässen, alles Eile und Aufregung und überstürztes, geschäftiges Treiben. Bis dann mit einem Mal Raphael und Alphons da Silva allein auf dem großen Hausflur standen und inne wurden, die Hochzeit ihrer Schwester sei ein Ding, das gewesen war. Das neue Ehepaar hatte, wie es stets Sitte, die Reihe der Aufbrechenden eröffnet. Jhnr waren alsbald die allgeniach insgesammt wie von dem Gefühl, etwas Ungewöhnlichem beigewohnt zu haben, erfüllten Gäste mit fast stürmischer Geschwindigkeit gefolgt. War es doch noch niemals dagewesen, daß, so wie es hier geschehen, eine Mutter vom Scheiden ihres Kindes nicht die mindeste Notiz nahm, sondern, während die junge Frau den Brautstaat mit dem Reisekleid vertauschte und nachher, als sie herunterkam, um in den vor dem Hause wartenden Wagen zu steigen, ruhig bei den übrigen Geladenen in den Gesellschaftsräumen blieb, als ginge sie die ganze Sache nichts an!