Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 223 nie im Urtext gesehen und gekannt, ist die Uebersetzung heilig genug, für den Juden ist diese eine Profanisirung, eine Entkleidung der religiösen Weihe, er verliert die Liebe zur Bibel, sobald er dem Urtext entfremdet wird. Darum soll Verständnitz des Urtextes das vornehmste Bemühen sein. Noch viel schlimmer als der Bibel, erging es unseren Religionsphilosophen. Es ist geradezu trostlos, wie diese herrlichen Werke unsereni Geiste und Gedächtniffe entrissen wurden. Und doch giebt es nichts, wodurch die Religion tiefer in unseren Herzen Wurzel fassen könnte, als die jüdischen Religionsphilosophen, di« Saadja, Abraham ibn Daud, Bachja ibn Pakuda, Juda ha Levi, Maimuni u. s. w.. die keineswegs veraltet sind, deren Deduktionen auch heute noch jeden Gebildeten mit dem höchsten Interesse erfüllen können! Die Neubelebung des Jndenthums hat kein besseres Mittel als die religionsphilosophische Schulung. Daß dieses Mittel bisher unangewendet blieb, ist ja verständlich, nun aber, da ei» neues Geschlecht dem Judenthum junge Liebe entgegenbringt, darf es nicht vergessen werden. Allerdings so, wie es mit den Editionen unserer Religionsphilosophen heute bestellt ist, darf es nicht bleiben. Es ist gewiß nicht nöthig, unsere Religionsphilosophen hebräisch — das ja auch nur zumeist Uebersetzung ist — zu lesen; das wäre sogar für den Zweck schädigend, sie sollen in guter deutscher Uebersetzung gelesen werden. Ist diese vorhanden? Nein! Wohl sind deutsche Uebertragungen da, doch brauchen die erst recht einen Kommentar. Die Uebersetzungen sollen verständlich und schön sein. Wären diese vorhanden, dann könnte für die Litteralurvereine eine wahrhaft segensreiche Thätigkeit ersprießen. Wie im Ghetto „Schiur" gelernt wurde, und zwar Talmud und Schulchan Aruch, so soll in unserer Zeit jeder Rabbiner Propheten und Religionsphilosophen als Schiur lehren. In alten Zeiten hat bald der eine, bald der andere Theilnehmer am Schiur das Referat über eine Szugja erhalten, an die sich die lebhafte Debatte schloß; in ähnlicher Weise soll in diesem modernen Schiur kapitelweise das Referat, darauf die Debatte vorgenommen werden. Ich denke mir keine höhere Aufgabe der Litteraturvereine in Verbindung mit dem Gemeindebunde und Rabbinerverbande in Deutschland, als, entweder durch Preisausschreibung oder durch Beauftragung, für gute Uebersetzungen unserer Religionsphilosophen und für billige Volksausgaben derselben Sorge zu tragen. Die Zeit ist günstig. Ein neues Keinem und Sprossen durchzieht die ganze Judenheit. Stufenweise soll unserer Jugend die Religion durch die heilige Sprache näher gebracht werden. Möge das Studium unserer Religionsphilosophen als unentbehrliche Staffel erkannt und von den maßgebenden Faktoren bald der Judenheit erschlossen werden; an den Rabbinern wird es gewiß nicht fehlen, den Schiur für Propheten und Religionsphilosophen in allen Gemeinden einzuführen. Nahel Meyer. Ein Gedenkblatt von Regina Neisser. f er Werth eines Buches besieht zumeist darin, daß man es oft, wieder und wieder zur Hand nimmt und dabei Freude und Erhebung empfindet, daß es bildend und veredelnd auf den Charakter, überhaupt erzieherisch fördernd wirkt. Zu jenen Büchern zählt der Roman: „In Banden frei" vonRahel Meyer, einer Schriftstelleriu, deren Name vor. einigen Wochen, als ihre i": Enkelin an der Berliner Universität als erster weiblicher Doktor der Philosophie promovirte, nach langer Zeit wieder genannt wurde. In diesem Frühling sind dreißig Jahre dahiugegangen, daß das „Institut zur Förderung der israelitischen Litteratur" jene interessante Charakterstudie auf kulturhistorischem Hintergründe veröffentlichte, welche in kürzester Zeit allgemeine Verbreitung, ja Berühmtheit erlangte; und die Begeisterung für dieselbe war wahrhaft und echt, nicht erheuchelt. Man fragte und forsckte nach der Verfasserin; ältere Leute wußten sich zu erinnern, das; zehn Jahre zuvor, 1859, ebenfalls das „Institut zur Förderung der israelitischen Litteratur" eine biographische Novelle „Rachel" von derselben Schriftstellerin herausgegeben hatte, in welcher diese, angeregt durch die unvergleichlichen Darbietungen der berühmten französischen Tragödin, u elche sie einige Jahre zuvor in Berlin bewunderte, kurz nach deren allzu frühem Heimgange, ihr Leben geschildert hatte. Aber schon bei Weitem früher hatte das Talent der hohen Zielen zustrebenden Schriftstellerin Beachtung und Würdigung erregt; 1853 war ein Roman, „Zwei Schwestern", aus ihrer Feder erschienen, den der Königsberger Professor Alexander Jung „eine der herrlichsten Schöpfungen auf dem neuesten Litteraturgebiete dieses Genres" nannte; später schilderte sie in einem Roman „Wider die Natur" ein Stück Wiener Leben; größere und kleinere Arbeiten erschienen in verschiedenen Zeitschriften, eine Novelle „Neigung und Berechnung" in der Wiener Wochenschrift „Die Neuzeit" von Simon Szanto, mehrere Aufsätze „Das Theater Franyais und seine dramatischen Künstlerinnen" in der „Oesterreichischen Zeitung". Auch dramatisch hat sich Rahel Meyer versucht; einige ihrer Lust- und Schauspiele wurden auf Berliner Bühnen aufgeführt, dieselben zeigten sich jedoch als zu wenig bühnenwirksam, da sie der belebten Handlung entbehren. Geistvoller Dialog und feiner gesellschaftlicher Ton sind ihnen jedoch nicht abzusprechen. Mit dem trefflichen Roman „In Banden frei" hat sie ihrer Freundin Frau Lina Davidsohn, mit welcher sie seit den Kindertagen eine selten ideale Freundschaft verband, ein liebe- und pietätvolles Denkmal errichtet. An scharfem Geist und ausgeprägtem Charakter der Rahel Levin ähnlich, liebte es Frau Davidsohn, iljre. Gedanken und Empfindungen in kurzen aphoristischen Geistesblitzen zu äußern, welche Rahel Meyer oft in ihre Schriften aufgenommen hat; jene Freundin war es auch, die sie überhaupt veranlaßte, sich schriftstellerisch zu versuchen. Die Heldin des Romans „In Banden frei", die charakterstarke, zielbewußte, geist- und gemüthvolle, sympathische Pauline, wiederspiegelt Frau Davidsohns Persönlichkeit, Art und Wesen. Ueber den Lebens- und Werdegang Rahel Meyers giebt uns M. Kayserling in seinem trefflichen Werke „Die jüdischen Frauen in Geschichte, Litteratur und Kunst" (Leipzig, Brockhaus 1879) höchst interessante Mittheilungen. Hier sei nur erwähnt, daß sie das, was sie geworden, einzig und allein aus sich selbst wurde. Schon in der Schule erregten ihre Aufsätze das Erstaunen der Lehrer und riefen deren Zweifel hervor, ob diese auch selbständig gearbeitet; „das Kind ist die Mutter der Frau", vielleicht zeigte sich damals schon die spätere litterarisch schaffende Schriftstellerin. Das Leben Rahel Meyers spielte sich auf drei verschiedenen Schauplätzen ab, in Danzig, Wien und Berlin. Inmitten der rastlosesten treuesten Pflichterfüllung als Gattin, Mutter und Hausfrau strebte sie unablässig, ihre Bildung zu erweitern und zu vervollkommnen; selbst nicht reich mit Glücksgütern gesegnet, war sie ein Wohlthäterin der Armen, und insbesondere war sie bedacht, Hilfsbedürftigen lohnenden Erwerb zu verschaffen. Ihr Erstlingswerk, „Die Schwestern", entstand, während sie die Schularbeiten ihrer Kinder überwachte.