Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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WWW - 222 nähen müssen und dann mit zwei bis drei Schilling die Woche bezahlt bekommen. Einem großen Theil der Frauen muß das Nähen erst beigebracht werden und noch mehr die Reinlichkeit. Aber schon nach wenigen Wochen zeigen die meisten der Frauen den größten Ehrgeiz, die Arbeit sauber und gut abzuliefern. Diese Einrichtung ist vom wohlthätigsten Einfluß auf die Familien der Frauen, die meistens Wittwen sind. Bei Eröffnung der Arbeitsräume im Herbst müffen ebenso Viele zurückgewiesen werden, wie angenommen werden können, weil die vorhandenen Mittel nicht zu mehr reichen. Am Ende jedes Jahres werden die selbstgefertigten Sachen für ganz billiges Geld den Frauen zum Kauf angeboten und die übrigbleibenden an die Hospitäler vertheilt. Eine ganz neue Einrichtung, von der man viel erwartet, ist die Jewisli dispensary oder Stellung von Arzt und Apotheker. Vorläufig scheinen noch Rangstreitigkeiten dem Erfolge im Wege zu stehen. Man hofft aber jedenfalls, die armen Juden des Eastend allmälig dahin zu bekommen, daß sie sich lieber den guten praktischen Aerzten der Dispensary anvertrauen als den englischen Aerzten, die meistens keine Silbe von dem verstehen, was der Patient in seinem jüdisch-deutschen Jargon ihnen vorklagt. Freilich wird es nicht leicht sein, den Missionsärzten entgegen zu arbeiten. Denn man mag über ihre Mission denken, wie man will, eine weiche Hand und eine weiche Stimme haben sie, und das thut einem armen Kranken wohler als — nun, sagen wir — glaubensgeuössischer Hochmuth. Dabei sind die Vortheile für den Kranken groß, denn die Mission giebt Arznei und oft auch Milch und Eier und stärkenden Wein umsonst und verlangt nur, daß der oder die Betreffende an den Missionsandachten Theil nimmt. Das thun die Leute denn, wenn auch heimlich, und glauben keine allzu große Sünde damit zu begehen. Der Board versucht natürlich dem die Spitze zu bieten, kann es aber ruhig mit ansehen, wenn die Missionen es sich Tausende und Tausende von Pfunden kosten lassen, um eine Seele zu gewinnen.. Er verweigert aber die Hilfe, wenn Jemand notorisch zu den Missionsgesellschaften geht und von diesen Almosen oder Arznei annimmt. Zu erwähnen ist noch eine Hauptabtheilung des Board, die sich mit Darlehen (Ivans) beschäftigt. Arbeiter, die, sei es durch Krankheit oder anderes unverschuldetes Unglück, etwas in Stockung gerathen sind, und die durch wenige Pfund in den Stand gesetzt werden können, ihre Familie selbständig zu erhalten, bekommen diese Darlehen, die sie dann allwöchentlich in Beträgen von sechs Pence oder ein Schilling abtragen müssen. Hat Jemand ein Darlehen bekommen imd ohne genügenden Grund nicht zurückgezahlt, so bekommt er so leicht kein zweites wieder. Die Lage des jüdischen Arbeiters ist in London insofern ungünstiger als die seines christlichen Genossen, als er den Sabbath hält und dadurch der Konkurrenz nicht gewachsen ist. So ist er, um nur einigermaßen Schritt halten zu können, dem gräulichen sweating- System verfallen. Er arbeitet daher leider für sogenannte Hungerlöhne und zieht sich obendrein dadurch den Haß der englischen Arbeiter zu. Aber auch das wird sich ändern, je mehr Aufklärung und westliche Kultur diesem armen, gehetzten Menschen zugeführt wird, und je mehr er einsieht, daß der englische Arbeiter mit seinem Achtstundentag und festen Lohn ebenso weit und weiter kommt als er unter dem srveatinx-System, bei dem er oft 16 Stunden arbeiten muß und kaum das Brod für seine Familie erhält. Selten kommt es unter jüdischen Arbeitern vor, daß sie sich dem Trunk ergeben, was ja leider bei dem englischen Volk ein nur zu viel verbreitetes trauriges Laster ist. Im Hause tragen sowohl der erwachsene Sohn wie die erwachsene Tochter ihren Verdienst zusammen, um die Familie zu ernähren. Leider soll nur die Spielwuth und die Prunksucht recht leicht unter den Juden des Eastend Boden gewinnen. Doch wird beständig von dem Board davor gewarnt und vor allem den Frauen immer von Neuem eingeschärft, nicht auffallende Farben zu tragen und sich einfach und bescheiden zu kleiden. Man kann eben nicht verlangen, daß dies geknechtete Volk nun gleich von seiner Freiheit den richtigen Gebrauch mache, und muß versuchen, es langsam und beharrlich Schritt für Schritt der äußeren Kultur des Westens entgegenzuführen. Der äußeren Kultur aber nur, denn die innere Kultur, die Kultur des Herzens, besitzt es oft mehr und besser als wir. Missend und gläubig. Von Dr. I. Ziegler in Karlsbad. fie in Berlin und Breslau eröffneten hebräischen Sprachkurse setzen mit richtiger Erkenntniß den Weg fort, den die Litteraturvereine in Deutschland betreten haben. Als ob die Wiedererweckung Israels zielbewußt und nicht einem unklaren Zwange folgend vor sich gegangen wäre, traten die Litteraturvereine mit ihren Vorträgen auf, um das deutsch erzogene Israel auch für seine eigene Sache zu erwärmen, damit es dann die zweite Stufe, die Kenntniß der heiligen Sprache, erklimme, begeistert, unbekümmert um Hinderniffe und Schwierigkeiten. — Was soll das aber? Welches ist das Endziel aller dieser Bemühungen? — Doch nur Eines: Israel soll nicht nur gläubig, es soll wissend gläubig sein. Denn Hebräisch zu lernen und dieser Sprache in Schrift und Wort eventuell mächtig zu sein, ist ja auch rühmenswerth, aber, gestehen wir es nur offen, für die Masse der Gebildeten, und diesen gilt ja vorzugsweise die Aufforderung, wäre dieses Schlagwort nur von ganz geringer Wirksamkeit. — Was seit Esra das Ergebniß Jahrhunderte langer Arbeit war, Gesammt-Jsrael zu einem Volke von Priestern und Lehrern auszubilden, das soll in unseren Tagen, nachdem die geistige Mühe so vieler Generationen vollständig verworfen zu sein schien, von Neuem angestrebt werden. Ein Ziel, würdig der Namen, die um seine Fahne sich schaarten! Doch ist es nothwendig, sich vor allem über diese mistende Gläubigkeit klare Begriffe zu machen. Verstehen wir darunter, daß der Jude in den religiösen Gesetzen wieder bewandert sei, daß er wieder sein Blatt Gemoro lernen könne? Ich glaube nicht. Die das wünschen, brauchen die Kurse nicht, und die, für die dieselben errichtet werden, haben für den Zweck nur geringe Empfänglichkeit. Die ganze Begeisterung wäre erfolglos, wenn man dadurch das „Lernen" des Mittelalters aufleben laffen wollte, und wer das „Lernen" des jüdischen Mittelalters kennt, wird wahrlich diesen Wunsch nicht für fördernswerth erachten. — Unter wissender Gläubigkeit, die dem heutigen Judenthum Noth thut, verstehe ich das liebevolle, hingebende Sichversenken in den erhabenen Geist der Propheten und eine religionsphilosophische Schulung. Jeder gebildete Jude soll seine Religion, ihr Wesen, ihre Prinzipien, ihre Lehren verstehen und kennen, damit endlich der banale Satz: „Wenn man nur an Gott glaubt und Gutes thut, ist man religiös und ein guter Jude" aus unserem Redeschatze verschwinde. — Verstehen und lieben mit Andacht und Bewunderung wird aber der Jude seine Propheten nur dann, wenn er die Kraft dieser Gottesmänner durch Verständniß der Sprache wieder erkennen wird. Dem Christen, der die heilige Schrift