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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-12 · Heft 19 (12.5.1899) · p. Seite 221

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 19 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
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221 Unter keinen Umständen würde z. B. eine Judenfrau des Eastend, die, während sie ihr Kind nährt, Wittwe wird, dazu zu bewegen sein, dies Kind zu entwöhnen, bevor cs zwei Jahr alt geworden ist. Das würde ihr und den Menschen, unter denen sie lebt, für unkeusch gelten und das Andenken an den Ehemann entweihen. Ueberhaupt haben die Frauen eine Naivetät der Empfindungen, um die man sie sehr beneiden könnte. So ist es dem Schreiber Dieses selbst begegnet, daß eine Frau auf die Ermahnung, doch mehr znsammenzuhalten und ihren Nebenmenschen zu helfen, wie der Verein ihr helfe» groß aufschaute und sagte: Ihr müßt Euch erst die zukünftige Welt (aulonr habo) verdienen, darum Heist Ihr mir; ich brauch« das nicht, beim ich leide hier und komme darum später ins Paradies (gan Eden). Wunderbar ist es, wie verhältnißmäßig rasch die russischen Juden zu Engländern werden. Die Eingewanderten lernen schon nach wenigen Monaten, sich in der englischen Sprache verständlich zu machen, vor allein allerdings ganz junge Leute, Männer wie Frauen. Es sind auch in fast allen öffentlichen Schulen des Eastend Abendklaffen eingerichtet, in denen jungen Leute» unentgeltlich Unterricht im Englischen ertheilt wird. Die erste Generation, die einwandert, lernt wohl Englisch, bleibt aber immer ruffischer oder polnischer Jude. Die zweite Generation ist schon vorwiegend englisch und vermeidet ängstlich, beu jüdisch-deutschen Jargon noch zu sprechen, obwohl er nicht schlechter klingt als das schauderhafte Englisch, daß sie verbrechen. Die dritte Generation hat aber alles abgelegt, was an ihre polnische Herkunft erinnert, allerdings fast immer damit auch das Festhalten an den Religionsgebränchen ihrer Väter. Die Wohlfahrtseinrichtungen sind sehr mannigfaltig. Eine der »eueren mtb sehr nützlichen ist das Beaufsichtigen der einlaufendcn Schisse in den Docks, um alleinstehende junge Mädchen, die aufs Gerathewohl nach London kommen, vor schlimmeren Gefahren als Noth und Hunger zu bewahren. Es ist unglaublich, wie sorglos vertrauend die Leute in Rußland, besonders in Polen, ihre Kinder in die Fremde schicken. Ohne jede genaue Adreffe kommt solch ein Mädchen hier an, hat keine Ahnung von der englischen Sprache, noch viel weniger von der Größe Londons, und nur zu oft fällt sie dann Leuten in die Hände, die gut dafür sorgen, daß ihre Spur vollständig verloren geht. Auch hier hat eine Nebenabtheilung des Board schon unendlich viel Gutes geschaffen und ist noch immer mehr bestrebt, dies System der Ueberwachnng auszudehnen. Dem Uebel in London kann so ziemlich scharf auf die Finger gesehen werden, wenn auch noch immer Fälle Vorkommen, daß Mädchen verschwinden. Und obwohl man den Entführern auf der Spur ist, kann man ihrer nicht habhaft werden, weil eine ganze ungeheuere Bande internationaler Gauner besteht, die mit einander durchstechen und vor keinem Verbrechen zurückschrecken. Auch hier wirkt der Board, indem er seine Mitglieder veranlaßt, die eingewanderten Juden darauf hinzuweisen, welchen Gefahren sie ihre Verwandten aussetzen, wenn diese ohne genügende Legitimation in die Welt reisen. Es ist unmöglich, hier alles zu erwähnen, was im Eastend gethan und geleistet wird, um dem Elend unserer jüdischen Mitbürger abzuhelfen. Aber als Beweis dafür, daß vieles gethan wird, kann es wohl gelten, daß es unendlich schwer fällt, eine Familie zur Rückkehr in die russische Heimath zu überreden, daß der Aermste der Armen lieber im freien England hungert, als im heiligen Rußland verkommt. * * -r- Dem untröstlichen Elend der großen Masse der eingewanderten Juden im Eastend steht die tröstliche Abhilfe der Einzelnen gegenüber, welche in wahrhaft fürstlicher Weise gewährt wird. Voran geht die Familie Rothschild, die fast bei allen ständigen Einrichtungen, namentlich Schulen und Wohlthätigkeitsaustalten, mit großen Summen jährlich zu Hilfe kommt. Ist die große Jews Free School, in der 5000 arme Kinder unterrichtet und zweimal im Jahre vollständig neu gekleidet werden, doch eine Rothschild'sche Gründung, die fast allein von Rothschild'schem Gelde unterhalten wird. Man spricht von ganz fabelhafte» Summen, die den jährlichen Armenetat der Familie Rothschild ausmachen sollen. Doch will ich lieber keine Summen nennen; denn mehr noch als diese Summen, so enorm sie sein mögen, wiegt die persönliche Hilfe, die persönliche Antheilnahme aller Glieder der Familie Rothschild, wo es sich darum handelt, Gutes zu thun und Thränen zu trocknen. Keine Noth, keine Armuth ist ihnen zu gering, um Abhilfe zu schaffen. Man kann sicher sein, stets freundliches Entgegenkommen bei ihnen zu finden, wenn man für wirkliches Elend ihre Hilfe sucht. Neben ihnen ist die Familie Goldschmidt -Lucas wohl mit diejenige, welche am unermüdlichsten der Noth im Eastend zu sterrern sucht. Bei Wind und Wetter gehen die Damen der Familie in die Wohnungen der Armen und Kranken, um sich selbst zu überzeugen, was Noth thut, und durch ihr Erscheinen oft mehr zu helfen und mehr Trost zu verbreiten als durch Geldspenden. Man muß den englischen Juden überhaupt nachrühmen, daß sie nicht nur niit Geld dem Elend abhelfen, sondern noch viel niehr durch ihr unermüdliches persönliches Sichbetheiligen an allen Arbeiten des Board. Die zahlreichen alten Institute, wie Waisenhäuser, Blindenanstalten, Altersversorgungsheime, der Besuch der Hospitäler, die Ueberwachung der englischen Board-Schulen, in denen regelmäßig Tausende von polnischen Judenkindern unterrichtet werden, die Einrichtung der Krankenpflegerinnen, kurz alles, was eine Großstadt an Wohlthätigkeitseinrichtungen besitzt, hat an seiner Spitze Männer und Frauen aus den ersten englischen Familien, und nicht nur der Form oder der Eitelkeit wegen. Nein, alle diese Frauen und Männer arbeiten mit einem Eifer und einer Selbstverleugnung, von der ein großer Theil der deutschen Juden mit seiner Indifferenz viel lernen könnte. Dabei geht ein demokratischer Zug durch das Ganze, obwohl diese englischen jüdischen Familien sehr oft dem englischen Adel angehören. Jeder Mitarbeiter ist ihnen willkommen, wenn er nur etwas leistet, und viele von den Mitgliedern des Board, denen Rothschilds sonst nur ein Begriff sind, verkehren ganz gleichberechtigt mit ihnen und den anderen Familien, sobald sie sich auf dem gemeinsamen Gebiete der Wohlthätigkeit begegnen, alich wenn der eine Theil nur der Gebende ist, der andere der Rathende und Ausführende. Sehr viel wird auch von den reichen Familien gethan, um den jüdischen Eastendbewohnern einmal einen Tag der Erholung zu verschaffen. In der bereitwilligsten Weise stellen die Familien ihre Landsitze, die in der Nähe Londons liegen, den Armen zur Verfügung. Ganze Schulen werden auf einen Tag ins Freie geführt, dort bewirthet und mit Sonderzügen hin- und zurückbefördert. Aber nicht den Kindern allein wird diese Freude bereitet, sondern auch ihren Müttern. Rührend ist es. diese Frauen zu beobachten, die sonst Tag ein Tag aus in ihrer dumpfen Stube hocken und oft kaum die frische, würzige Luft vertragen können. Auch darin zeigt sich der vornehme Sinn der englischen reichen Juden, daß sie die Armen genau mit dem Pomp und der fürstlichen Freigebigkeit bewirthen wie ihre hochgeborenen Gäste, und wehe dem Lakaien, der eine arme Polenfrau schief ansehen würde. Eine sich sehr bewährende Einrichtung des Board sind seine Arbeitsräume. Dort giebt die Präsidentin des großen Frauenvereins an etwa 200 Frauen wöchentlich zugeschuittene Arbeit, die diese Frauen

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