Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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-U'" 220 Die rumänischen Juden schöpfen frische Hoffnung, da der neue Ministerpräsident Cogalniceanu bei früheren Gelegenheiten in der Kammer energisch für ihre Rechte eingetreten ist. Auch in dieser Session hatte Cogalniceanu schon Veranlassung genommen, gegen Slurdza entschieden aufzutreten, weil dieser zweihundert jüdische Arbeiter unter dem Vorwände, daß sie Anarchisten seien, aus Rumänien ausgewiesen hatte. Selbstverständlich war diese Beschuldigung völlig unbegründet; kein Einziger von den in Roth und Elend Gejagten ist politisch oder sonstwie jemals hervorgetreten. Dieses perfide Manöver des früheren Ministeriums wurde von Cogalniceanu und dem Deputirten Fleva in der Kammer schonungslos bloßgelegt, während ein anderer Deputirter, Scorzescu, im Einzelnen den Nachweis erbrachte, daß die gemaßregelten Arbeiter, die per Schub über die Grenze befördert wurden, indeß ihre Familien im größten Elend zurückblieben, iveder Anarchisten noch Sozialisten waren. Es wäre zu wünschen, daß die Hoffnungen der armen rumänischen Juden auf das neue Ministerium nicht wieder zu Schanden würden. Mohlfahrtsbestrebungen im Londoner Iudenviertei. Bon H. de Roos in London. Sni Eastend von London hat sich durch den jahrelangen Zuzug polnischer und russischer armer Juden fast eine jüdische Stadt inmitten einer englischen Bevölkerung gebildet. Das Anwachsen dieser jüdischen Einwohnerschaft ist vor allem den Freiheiten zuznschreiben, die England Jedem gewährt, der seinen gastlichen. Boden betritt. Andererseits ist das Elend nnd die Armuth in der russischen Heimath so groß, so niederdrückend, daß die Leute lieber den Kampf mit der fremden Sprache und ungewohnten Lebensweise aufnehmen, als in der Heimath zu verhungern und unterdrückt zu werden. Neben den vielen zugezogenen fremden Juden ist das Eastend aber auch von englischen Juden bevölkert. Theilweise sind diese in ganz behaglichen Lebensverhältnissen, bilden eigene Gemeinden und haben eigene Wohlthätigkeitsvereine. Sie sehen auf die zugewanderten Juden etwas geringschätzig herab. Die Armen unter den englischen Eastendjnden betonen stets ihr Engländerthum als größeren Anspruch auf Unterstützung. Sie haben aber vielfach eine Art Frömmelei oder Pietisterei angenommen — wohl von ihren christlichen englischen Nachbarn, die sie, obwohl sie reinlicher sind als die russischen Juden, doch unangenehmer macht. Der jüdische Schutzverein (Board of guardians) ist fast für alle eingewanderten Juden der Pol, um de» sich ihre ganze Existenz dreht. Er ist musterhaft organisirt und bewältigt, obwohl er verhältnißmäßig nur wenige Mitarbeit-r hat, eine Arbeitslast, die fast beispiellos ist. Den Leuten Hilfe zu bringen, das heißt, ihnen so zu helfen, daß sie ein geordnetes, anständiges Leben führen und sich und ihre Familie ernähren können, ist der Hauptzweck des Board. Leider stößt er dabei auf große Schwierigkeiten und Hindernisse, und die freiwiüigen Besucher (Visitors) der Armen des Board werden immer und immer wieder darauf hingewiesen, sich nicht durch zu großes Mitleid verleiten zu laffen, Leuten helfen zu wollen, denen nicht zu helfen ist, weil sie unfähig sind, zu arbeiten, und außer Stande, sich den Gewohnheiten des Landes anzupaffen. In solchen Fällen verweigert der Board die Hilfe in England, erbietet sich aber, die Familie entweder in ihre Heimath zurückzubefördern oder anderwärts anzusiedeln. Den Hauptwerth legt aber der Board auf die Hebung der Sittlichkeit unter den russischen Juden. Beständig wird darauf hingewirkt, den Leuten durch Wort und Beispiel Reinlichkeit und Ordnung zu lehren. Das Elend ist manchmal unbeschreiblich. Im Sommer ist es »och vielfach erträglich, da die meisten von den Leuten Beschäftigung als Schuhmacher, Schneider nnd Cigarettenmacher finden. Wenn aber der Winter kommt und theilweise ein Stillstand in den Werkstätten eintritt, dann ist es nichts Außergewöhnliches, daß man Familien von Vater, Mutter und sechs bis acht kleinen Kindern in einem kalten Zimmer (Bodengelaß oder Kellerverschlag) zusammengepfercht findet ohne jedes Möbel, außer einem Bett und einem Tisch, und ohne alle Nahrung. In solchen Fällen wird, falls ein Visitor deni Board Bericht erstattet, fast immer sofort und unmittelbar geholfen, so daß der erste Hunger gestillt werden kann. Erst danach wird berathen, wie dauernde Befferung geschaffen werden kann. Leider fördert dies Elend auch sehr traurige Erscheinungen zu Tage. Ehemänner verlaffe» heimlich ihre Familien, weil sie wissen, daß der Board Niemand verhungern läßt; und wenn die verlassenen Frauen auch gezwungen werden, ins Arbeitshaus zu gehen, damit man eventuell gerichtlich gegen den Ehemann Vorgehen kann, so ist doch leider die Desertion eines der beliebtesten Mittel, um sich der Verantwortung für eine zahlreiche Familie zu entziehen. Noch schlimmer freilich ist es, wenn die Familienhäupter durch Krankheit oder Siechthum unfähig sind, für sich und ihre Familie zu sorgen. Unglücklicherweise birgt das Leben im Eastend den Keim zu vielen Krankheiten in sich. Vor allem wird durch die Schneider-, Büglernnd Prefferarbeit die Anlage zur Schwindsucht, oft zur Schwindsucht selbst im schärfsten Maße, ausgebildet. Die Broschüre eines der besten jüdischen Aerzte in London „Ueber die Zunahme und das Umsichgreifen der Schwindsucht unter den Juden des Eastend" ist auf Kosten des Board in jüdisch-deutscher und in englischer Sprache gedruckt und so viel wie möglich unter den Eastendjuden vertheilt worden. Daneben hat die Abtheilung der weiblichen Mitarbeiter des Board es sich zur besonderen Pflicht gemacht, auf die jüdischen Frauen des Eastend einzuwirken, daß sie durch größere Reinlichkeit, sowie durch reichlichere Zulassung der frischen Luft in ihre dumpfen Stuben der schrecklichen Krankheit energischen Widerstand leisten. Zu diesem Zwecke sind vornehmlich seit drei bis vier Jahren auch wöchentliche Zusammenkünfte im Eastend veranstaltet, sogenannte Mothers Meetings. Dies geschieht in der Weise, daß an verschiedenen Centren — bis jetzt allerdings nur an sechs — allwöchentlich vier bis neun dem Verein angehörende Frauen der Gesellschaft etwa 30 bis 40 Frauen des Eastend uni sich versammeln und ihnen in einfachster Weise Lebensregeln geben, wie sie den Verhältnissen der armen, gequälten kranken Frauen am angemessensten sind. Da wird ihnen hauptsächlich klar gemacht, daß die Höherstellung der religiösen Gebräuche über materielle und hygienische Bedürfnisse gewiß nicht im Sinne Gottes ist, und daß sie, wenn sie freie Menschen werden wollen, sich zuerst von ihren Vorurtheilen befreien müssen. Es hält sehr, sehr schwer, diese Frauen zu überzeugen, daß sie nicht zu jeder Beschäftigung geschaffen sind. Um zu verdienen, ergreifen sie alle und jede Beschäftigung, selbst auf die Gefahr hin, sofort dabei krank zu werden. Dadurch ist die Sterblichkeit der Säuglinge der jüdischen Eastendfrauen so erschrecklich hoch geworden, daß die englischen Behörden sich veranlaßt gesehen haben, den Board darauf aufmerksam zu machen. Der Aberglaube der Frauen nebenbei ist unbeschreiblich, ebenso groß allerdings auch ihr unbedingter Glaube an ein besseres Jenseits.