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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-12 · Heft 19 (12.5.1899) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 19 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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müdet, suchten die Herren Abgeordneten das Weite. Liebermann von Sonnenberg hatte deshalb beantragt, die Abstimmung über seinen Antrag auszusetzen. Als das Haus dennoch die Abstimmung beschloß, bezweifelte er die Beschlußfähigkeit — und diesmal hatte er in der That Recht. Die Sitzung hatte damit von selbst ihr Ende erreicht. Ani Schluß versprach der Abgeordnete Singer, noch in der nächsten Sitzung zu beantragen, daß der Gegenstand überhaupt von der Tagesordnung abgesetzt werde und dies ausführlich zu begründen. Trotz seiner arg beschränkten Arbeitszeit und der Fülle wichtiger Vorlagen, die noch der Erledigung harren, hat der Reichstag nunmehr zwei volle Sitzungen mit der Berathung dieses von vornherein todten Antrags unnütz verbraucht. Wir glauben nicht, daß die Erwägungen, die man an diese Thatsache allgemein knüpft, den Antisemiten zu gute kommen werden. Und doch war es ja nur die reinste Hmnanität gegen die Thiere, die sie leitete! Die Auseinandersetzung zwischen Herrn v. Kardorff und Herrn Stöcker im Reichstage war auch für uns von Jntereffe. Wie es scheint, wittert der Letztere Morgenluft. Der Abgeordnete v. Kardorff meinte allerdings, Herr Stöcker solle sich nicht so in den Vordergrund drängen, „denn es giebt keine Partei, die ihm noch über den Weg traut". Die dem ehemaligen Hofprediger nahestehenden Blätter sind allerdings anderer Ansicht. Sie „schauen aufrecht und freudig in das kommende Morgenroth", denn sie haben erfahren, daß die Stimmung gegen ihren Helden in maßgebenden Kreisen umzuschlagen angefangen habe. Abwarten! * Der am 6. d. in hohem Greisenalter verstorbene Kardinal- Erzbischof von Köln Philipp Krementz bewies den Mitgliedern anderer Konfessionen und namentlich unseren Glaubensgenoffen jederzeit eine entgegenkommende Haltung. Die Achtung, die er ihnen bei jedem Anlaß bezeugte, hat nicht nur in Köln reichen Segen gestiftet und zu dem freundschaftlichen Verhältniß der verschiedenen Religionsgemeinschaften am Rhein viel beigetragen. Zur Zeit der russischen Judenverfolgungen 1892 schrieb der Erzbischof an Rabbiner Dr. Frank, dem er sein besonderes Wohlwollen stets zuwendete: Köln, 10. Januar 1892. An dem traurigen Loose Ihrer verfolgten Stammesgenossen nehme ich um so herzlicheren Antheil, als wir Katholiken die unablässige grausame Bedrückung unserer polnischen und ruthenischen Glaubensgenossen dortselbst auf das Schmerzlichste empfinden. Ich kann den edlen Bestrebungen der Komitees, welche den ans ihrer russischen Heimath indirekt Vertriebenen ein anderweitiges Unterkommen zu beschaffen sich bemühen, nur den besten Erfolg wünschen. In hochachtungsvoller Ergebenheit Dr. PH. Krementz, Erzbischof von Köln. Bei seiner Erhebung zur Kardinalswürde sagte er zu der jüdischen Deputation, die ihn beglückwünschte, er werde nach wie vor ein Prediger des Friedens unter den Konfessionen sein, und schloß mit folgenden Worten: „Mögen wir in unserer religiösen Ueberzeugung auseinandergehen, dgs mag jeder Mensch mit seinem Gott abmachen, aber die Menschen sollen in Werken der Nächstenliebe und Tugend wetteifern und in Ruhe und Frieden trotz verschiedener religiöser Anschauungen mit einander leben." * Was selbst nicht einmal das verlogenste Antisemitenblatt zu behaupten wagte, das hat ein sogenanntes parteiloses Blättchen in Hannover zu Stande gebracht, nämlich die Wohlthätigkeitsbestrebungen der verewigten Baronin Hirsch anzugreifen, indem es anläßlich der Veröffentlichung ihres großartigen Testaments folgenden Satz schrieb: „Die als Wohlthäterin der Menschheit viel gerühmte, jüngst verstorbene Baronin Hirsch hat, wie sich ausweist, zum allergrößten Theil mit ihren Millionen nicht die Menschheit im Allgemeinen, sondern ihre Glaubensgenossen ganz speziell bedacht. Es ist dies gewiß ihr gutes Recht, und unrichtig ist es, wenn man die Stisterin deshalb jetzt angreift. Nur in etwas verändertem Lichte erscheint ihre Mildthätigkeit." Und zum Schluffe heißt es: „Ganz verschwindend ist die verhältnißmäßig kleine Summe von 2t/a Millionen Francs, die der Allgemeinheit in Form der Jubiläumsstiftung in Oesterreich zu gute kommt. Es hieße das Andenken der edlen Frau beleidigen, die während weniger Jahre mehr als 15 Millionen Francs für allgemeine und nichtjüdische Zwecke gespendet hat, wenn man auf diese Insinuationen noch etwas erwiedern wollte. 4> Ueber den Deutschen- und Judenhaß in Russisch-Polen erfährt man aus der Zuschrift eines angesehenen Kaufmannes daselbst folgende für uns besonders interessante Details: „Die gehässigen Ausfälle, welche verschiedene polnische Blätter gegenüber den Deutschen in neuerer Zeit bringen, sind nur Folgen des Benehmens von in Lodz ansässigen Deutschen, die zuerst angefangen haben, sich in gehässigen Allüren gegen die ihnen unbequemen jüdischen Konkurrenten zu ergehen und durch böswillige Lügen gegen die Juden zu Hetzen; diese Deutschen haben die Polen gelehrt, wie man gegen eine Minorität vorzugehen habe, wenn sie unbequem wird. Ich bestreite es ganz entschieden, daß an den letzten Krawallen gegen die Juden in Lodz Polen in außergewöhnlichem Maße betheiligt waren, vielmehr kann ich Namen von angesehenen deutschen Bürgersöhnen der Stadt Lodz nennen, die Messer und Steine an den Pöbel vertheilten, die Massen zum Plündern anfeuerten und als Anführer wirkten. Ich kann verschiedene Namen von Deutschen nennen, welche seinerzeit, als die ausländischen Juden von Rußland ausgewiesen wurden, durch Denunziationen die Polizei auf ausländische Juden aufmerksam machten, welche sich nicht scheuten, offen ihre Befriedigung über jenen grausamen, so viele Existenzen vernichtenden Ukas auszudrücken, weil er Leute betraf, die ihnen zwar Konkurrenz im geschäftlichen Leben machten, sonst aber nie persönlich ihnen nahe getreten waren. Deutsche waren es, welche zuerst Religions- und Rassenhaß zu predigen begannen, und da wundert man sich, daß sich nunmehr die Polen, nachdem sie sich an dem ihnen vorgehaltenen mageren „Judenknochen" hungrig geknabbert hatten, nach einem fetteren Bissen umsehen." * In Rußland werden auch die ausländischen Juden bekanntlich anders behandelt als die Nichtjuden. Einen eklatanten Fall dieser verschiedenartigen Behandlung hat das „Berliner Tageblatt" jüngst zur Sprache gebracht und sich dadurch ein wahres Verdienst erworben. Jüdische Kaufleute bedürfen nämlich nach einer neuen Verordnung erst der Genehmigung des russischen Finanzministers, um einen Gildeschein zur Reise nach Rußland zu erlangen. Ausländische Kaufleute anderer Konfessionen können unter Nachweis ihrer Religions zugehörigkeit das Dokument ohne Weiteres erhalten. Es versteht sich von selbst, daß Deutschland und England, ebenso auch Amerika, diese verschiedenartige Behandlung ihrer Bürger, diese Eintheilung ihrer Unterthanen in Staatsbürger erster und zweiter Klasse sich auch vom heiligen Rußland nicht werden gefallen laffen. Es bedarf in der That nur einer nachdrücklichen Verwahrung, um diese Ungerechtigkeit. die von irgend einer Behörde des Zarenreiches neuerdings ersonnen wurde, um die Juden zu ärgern — oder auch aus anderen Gründen, baldigst zu beseitigen. Freilich müßten sich angesehene Männer in dieser Sache bemühen, um das Jntereffe jener Staaten zum Schutz des Rechtes wachzurufen. *

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