Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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,,,Y "H'l" UWilli|iW«UWrtJUMWH >!UH«MD«S^WMWMWWM .■;1. .. ■ ' g'"' ■ ■ ■'. '■■ •' ' : ’ 218 Landschaft? Das ursprüngliche Bild ändert sich in jedem Moment, da er den ganzen Berg umkreisen muß. Plötzlich sieht er die Landschaft wieder, wie sie ihm erschien, als er den Aufstieg begonnen hat. Es dünkt ihm fast, als sei er gar nicht vom Flecke gekommen, als habe der Pfad bei allen Wandlungen der Landschaft, die seinem Auge sich gezeigt haben, nicht weitergeführt. Bald jedoch wird er merken, daß dies ursprüngliche Bild sich ihm von seiner höheren Warte aus nach allen Richtungen erweitert hat, daß es ihm lichter und freundlicher aus dem Dunst herausgehoben erscheint. Und das erfährt er bei jeder Krümmung, die er zurücklegt; dieselbe Landschaft in ihrem Kernpunkte, aber immer umfassender ist der Umkreis geworden, und auf dem hohen Gipfel erscheint sie verwandt und doch unendlich verschieden von dem, was er am Fuße des Berges wahrgenommen, und auf den dunstfreien Höhen dünkt sie ihm in rosiges Licht getaucht. Sollte dies Gleichniß nicht auch den Gang der Menschheit uns erkläre»: Das Ziel ist zu hoch, der Weg zu steil, als daß sie nur so ganz geradeaus wandern könnte. Dann freilich wäre der Fortschritt Allen erkennbar. Auf Krümmungen und Windungen muß sie dem Ziele zustreben, und wer nur gerade an das letzte Stück Wegs denkt, der meint, die Weltgeschichte sei ein Wandern, aber kein Fortschreiten zu einem bestimmten Ziele. Nun ist der ganze Berg umkreist, und wenn sich die Menschheit umsteht, so kommt es ihr vor, als sei sie auf demselben Flecke, auf dem sie vor Jahrhunderten gewesen; aber wie hatte sich doch alles erweitert und geklärt! Als vor einem halben Jahrtausend die Menschheit aus der Barbarei des Mittelalters erwachte und wieder aus dem Quell der alt-klassischen Bildung schöpfte, da nannte sich das Zeitalter direkt das Jahrhundert der Wiedergeburt, als seien Griechen und Römer wieder auferstanden. Und diese Bezeichnung ist gewiß korrekt. Und dennoch hatte die Menschheit den holperige», mühseligen, finsteren Waldessteg durch das Mittelalter nicht ohne Nutzen zurückgelegt. Das wiedererstandene Alterthum war doch eine neue Welt. Die heilige Schrift zeigt uns am Fuß des Berges, am Anfang des Ausstieges ein Paradies und am Schlnß desselben dasselbe Bild, wieder ein Paradies, aber am Anfang wohnen zwei Menschen darin und am Schluß eine unendliche Menschheit. Die Aehnlichkeit ist vorhanden, und doch ist die Verschiedenheit eine ungeheure. So mancher Hochbegabte sah die Schäden der Civilisation und pries die Unkultur, denn hier waltete die Unschuld. Nun, wir können und wollen nicht mehr aus der Kultur in den Naturzustand, aber verwandt sind dennoch diese ersten und die letzten Stufen der Entwickelung; in beiden die Unschuld, hier in der Unkultur, dort auf den Höhen der Kultur und der Erkenntniß. So sehen wir in der Schilderung der heiligen Schrift ein Gottesvolk, in der Zukunft die Gottesmenschheit; dasselbe Bild hier im engen Rahmen, dort unendlich sich weitend, und es ist kein Widerspruch, wenn wir das Ideal zugleich in der Vergangenheit und in der Zukunft erblicken. Aber das Bild ist auf der Höhe nicht nur weiter, sondern auch heller und reiner; und so wird dies Gottesvolk selbst, nachdem es als Lehrer der Menschheit seinen Beruf erfüllt hat, sicherlich auch in sich geklärter und besser, wie wir ja Alle nicht nur durch das Lernen, sondern auch durch das Lehren besser und weiser werden. Diese unsere geistig so hochentwickelte Zeit kann von dieser Urzeit noch manches lernen. Da lesen wir z. B. in dem Schriftwort : „Einen Fremdling sollst du nicht kränken und nicht quälen, denn Fremdlinge seid ihr im Lande Aegypten gewesen; Wittwe und Waise sollt ihr nicht bedrücken! Wenn du sie quälen solltest, wenn sie zu mir rufen werden, ich werde ihren Ruf vernehmen, und mein Zorn wird entbrennen, und ich schlage euch mit dem Schwerte, und eure Weiber werden Wittwen sein, und eure Kinder Waisen"; — und wiederum kurz darauf: „einen Fremden sollst du nicht bedrücken, denn ihr kennt das Gemüth des Fremden, denn ihr seid Fremde gewesen im Lande Aegypten"; oder wenn das Gebot des Ruhetages eingeschärft wird, so lautet die Begründung, damit sich erquicke deine Magd und der Fremdling. Wenn wir solche und ähnliche Sätze lesen, dann erkennen wir wohl, wo die Gegenwart den Mosaismus noch nicht überholt hat. Aber soll uns bange werden, daß die Welt überhaupt vorwärts schreitet zu einem hohen Ziele, da wir doch jetzt ein weites Stück Weltgeschichte überschauen können, und das trotz manchen Stillstandes, manchen Rückschrittes, mancher Krümmung die Hoffnung und Verheißung der Propheten beglaubigt? Die Sonne ist dieselbe im dämmernden Morgenlicht, im leuchtenden Mittagsstrahl; so verwirklicht sich die Idee des Guten und Wahren in den verschiedenen Zeiten der Menschheit in verschiedenen Graden. Darum gebietet uns die Religion an diesem Feste vor allem, hoffend in die Zukunft zu schauen, aber auch rückwärts zu blicken in die Vergangenheit, in die Zeit, da Moseh seine Satzung den Israeliten vorlegte, da zuerst das Morgenroth der Wahrheit am Horizont der Menschheit aufflammte. Pit Woche. Berlin, 10. Mai. (Ä| n seiner gestrigen Sitzung hatte sich der Reichstag zum zweiten T$ Male mit dem antisemitischen Antrag, ein Schächtverbot betreffend, zu beschäftigen. Der Antragsteller selbst, Liebermann von Sonnenberg, ließ diesmal in längerer Rede die bereits hundert Mal wiederholten Scheingründe aufmarschiren und Dr. Lieber erklärte sich Namens des Centrums abermals wider den Antrag. Am Schluß seiner Rede warf ein junger Thierschutzvereinler von der Zuschauertribüne Broschüren in den Saal mit dem Titel: „Für Menschennicht für Ochsenrecht!" Der Präsident ließ den jungen Schwärmer von der Tribüne entfernen. Hierauf sprach der konservative Abgeordnete Dr. Oertel natürlich für den Antrag und zwar aus reiner Humanität, nicht etwa aus Antisemitismus. Auch der Abgeordnete von Tiedeniann sprach sich Namens der Reichspartei gegen den Antrag als einen rein antisemitischen aus. Der Aufmarsch war wirklich genau derselbe wie bei der ersten Debatte — und die Gründe für und wider waren ebenfalls die gleichen. Programnimäßig kam nun der Antisemit Bindewald an die Reihe, der den Gegnern des Antrages Böswilligkeit vorwarf und deshalb zur Ordnung gerufen wurde, worauf er feierlich erklärte, er habe gar nicht die Gegner gemeint. Ganz ebenso verhält es sich wohl auch mit seiner Versicherung, der Antrag sei gar nicht antisemitisch. Namens der Freisinnigen Vereinigung sprach nunmehr der Abg. Schräder gegen den Antrag. Er meinte sehr richtig, daß man schon aus der Debatte habe ersehen können, es handele sich keineswegs blos um eine Frage der Humanität. Dieselbe Anschauung vertrat auch im Namen der Nationalliberalen Dr. Kruse. Mit verdoppelter Heftigkeit wendete sich nun wieder der Antragsteller gegen diesen und gegen die meisten Vorredner, aber es war wirklich rührend, als er schließlich in herzbewegenden Worten das Haus anflehte, doch wenigstens eineResolution anzunehmen, die die genaue Untersuchung der Sache fordere. Nach unwesentlichen Bemerkungen der Abgeordneten Lieber, Tiedemann und Bindewald schloß die Erörterung. Inzwischen hatte sich das Haus völlig geleert. Von den end- und zwecklosen Debatten er-