Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1899)
- Date
- 1899-05-05
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Ar. 18. IttJ^Ultötlf«. Serlin. 5. Mai 1899. Weikrge zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 30. April. Die diesjährige ordentliche Generalversammlung der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" fand heute Mittag unter zahlreicher Betheiligung der Mitglieder und Gönner im Hörsaal des Instituts statt. Der Vorsitzende, Sanitätsrath Dr. S. Neu mann, widmete zunächst dem verstorbenen Lehrer und Meister Professor Steinthal einen warmempfundenen Nachruf und gab alsdann an der Hand der gedruckt vorliegenden Jahresüberstcht einen gedrängten Rechenschaftsbericht. Die Dechargeertheilung für den Rechnungsabschluß des Vorjahrs, erfolgte einstimmig. Die nach dem Turnus ausscheidenden drei Mitglieder des Kuratoriums, die Herren Sanitätsrath Neumann, Dr. Heinrich Meyer Cohn und Georg Meyer wurden per aeelamationem wiedergewählt. An Stelle des Rechtsanwalts Dr. Felix Landqu, der wegen gehäufter Berufsgeschäfte stch leider gezwungen gesehen hat, aus dem Kuratorium der Lehranstalt, dem er seit 1887 angehört hatte, auszuscheiden, ist Herr Max Weiß gewählt worden. Eine Diskussion schloß sich an die Erstattung des Geschäftsberichtes nicht an, ein erfreulicher Beweis dafür, daß sowohl Leitung wie Leistungen dieses Instituts ausgezeichnete waren und zum Tadel keine Veranlassung boten. Herr Geheimrath Kristeller stattete dem Kuratorium für sein mühevolles Wirken den Dank der Mitglieder ab. — Unserem in Nummer 17 enthaltenen Borbericht wollen wir noch hinzufügen, daß die sabbathlichen Uebungspredigten der Hörer in den Berliner Gemeindesynagogen unverändert fortgesetzt und mit dem Predigtamt für Festtagsgottesdienste im Jahre 1898 von der hiesigen jüdischen Gemeinde 10 Hörer betraut worden sind. Unter den 31 Hörern des Wintersemesters befanden sich der Nationalität nach 19 Deutsche, 12 Reichsausländer, und zwar 10 aus Oesterreich-Ungarn, 2 au§ Rußland, unter den Hospitanten 2 Deutsche und 8 Ausländer. Sämmtliche Hörer waren Maturi. Der Rechnungsabschluß pro 1898 balancirt in Einnahmen und Ausgaben mit 57 720,75 Mark, die Bilanz stellt stch auf 218 110,60 Mark und die Stipendienkasse in Einnahmen und Ausgaben auf rund 11 230 Mark. Besonderem Wohlwollen der Gönner und Freunde der Hochschule für die jüdische Wissenschaft wird noch die sehr wichtige Darlehnskasse der Hörer empfohlen. eA) Berlin, 3. Mai. Der letzte Diskusstonsabend im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur galt der Frage der jüdischen Melodien. Herr Rabbiner Dr. Ackermann aus Brandenburg hielt den einleitenden Bortrag, in dem er sehr klar und in interessanter Weise die Geschichte des Synagogengesanges schilderte und die Frage der Originalität der jüdischen Melodien sowie ihres Zusammenhanges mit der allchristlichen Liturgie — beides in bejahendem Sinne — besprach. Der geistvolle und von tiefem Wissen zeugende Vortrag wurde von dem zahlreich versammelten Publikum mit wohlverdientem Beifall ausgenommen. In der hieran sich schließenden Diskussion sprach zunächst Herr Dirigent William Wolf in sehr fesselnder Weise über die Herkunft vieler jüdischer Melodien aus der dorischen oder sog., phrygischen Tonart, und Herr Kantor Friedmann über originale jüdische Melodien, die er mit seinem sonoren Organ als Muster vorführte, während die gesanglichen Erläuterungen zu dem Vortrag selbst von Herrn Kantor Weil aus Dessau verständnißvoll und mit wohlklingender Stimme vorgetragen wurden. Der ganze Abend schloß die fruchtbare Arbeitssaison des Vereins in würdiger Weise ab. 22 Berlin, 1. Mai. Der Verein jüdischer Lehrer der Provinz Brandenburg veranstaltet die diesjährige General-Versammlung am 11. d. Mts. in Potsdam, Hotel Stadt Königsberg. Die Tagesordnung lautet: 1. Berichterstattung über das verflossene Bereinsjahr. 2. Berichterstattung über den Delegirtentag des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche. 3. Rechnungslegung und Entlastung des Schatzmeisters nach Prüfung der Kasse durch zwei Mitglieder. 4. Referat über das Berbandsthema: „Welche Anforderungen müssen an die jüdischen Lehrer und Lehrerbildungsanstalten gestellt und von beiden erfüllt werden?" Referent: Kollege Kolodzinski- Weißensee. 5. Anträge von Mitgliedern. 6. Wahl des Vorstandes für das Jahr 1899. 7. Bestimmung über Ort und Zeit der nächsten Versammlung. e. Berlin, 1. Mai. Der Vorsitzende der Jüdischen Lesehalle und Bibliothek, Herr Kommerzienrath Julius Jsaac, hat aus Gesundheitsrücksichten sich veranlaßt gesehen, aus dem Vorstande auszuscheiden und das Amt, welches er seit drei Jahren voller Hingebung und Aufopferung zum Besten des Instituts versehen hat, niederzulegen. Als sein Nachfolger wurde einstimmig Herr Dr. Max Ginsberg, Brücken- Allee 1, gewählt, und hat derselbe sich bereit erklärt, den Vorsitz zu übernehmen. Die Jüdische Lesehalle (Oranienburgerstr. 28) erfreut sich fortdauernd eines regen Besuches, und wird auch die Bibliothek, welche allen Glaubensgenossen zur freien Benutzung offen steht, eifrig benutzt. Die Lesehalle ist geöffnet an den Wochentagen von 1/22 bis 725, Sonntags von 11 bis 2 Uhr und Sonnabends von 11 bis 2 Uhr Nachmittags sowie von 8 bis 10 Uhr Abends. F. Berlin, 2. Mai. Am 22. v. M. veranstaltete die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" für ihren verstorbenen Mitbegründer Gustav Jaeobsohn eine Gedenkfeier im Betsaale des Baruch-Auerbach'schen Waisenhauses. Nachdem Herr Chordirigent William Wolf ein Präludium auf dem Harmonium und ein Quartett das Flemming'sche Lied „Ueber den Sternen" vorgetragen, rezitirte Frau Dr. Fiegel einen von ihrem Gatten verfaßten, auf den Zweck der Feier hinweisenden Prolog und machte damit einen tiefen Eindruck. Alsdann ergriff der Vorsitzende der Vereinigung, Herr Rektor Dr. Adler, das Wort und gab in formvollendeter, von innigem Gefühl getragener Rede ein Lebensbild des Verstorbenen. Er führte u. a. Folgendes aus: In der Stadtschule zu Cremmen, wo sein Vater Lehrer war, erhielt Gustav Jaeobsohn die Elementarbildung und erregte frühzeitig durch seinen Fleiß und seine Begabung das Interesse des Ortsschulinspektors in so hohem Maße, daß dieser selbst den Knaben im Lateinischen und Französischen unterrichtete. Die kümmerliche Lage des Vaters zwang den Knaben, nach Abschluß der Schulbildung sich dem Handwerk zuzuwenden, und er wählte das Buchdruckereigewerbe. Nachdem er die Lehrlingszeit durchgemacht, begab er sich auf die Wanderschaft und kam nach Thüringen und dem Rhein, dessen Schönheit schon frühzeitig seine dichterische Begabung weckte. Vom Rhein begab er stch nach Berlin, wo er als Setzer in der Staatsdruckerei Stellung fand. Sein rastloses Streben veranlaßte ihn, sich in allen Mußestunden, die sein schwerer Beruf ihm ließ, weiter fortzubilden, bis er sich selbst so weit gefördert hatte, daß er mit Erlaubniß des königlichen Ministeriums in das königliche Seminar für Stadtschulen eintreten konnte. Nach einjährigem Aufenthalt in demselben legte er sein Examen ab und wurde von dem ihm wohlgesinnten Rektor Horwitz mit einigen Stunden an der jüdischen Knabenschule beschäftigt. Durch Verwendung seines Gönners wurde ihm eine Lehrerstelle in Schwerin a. W. übertragen. Kaum in gesicherter Stellung, führte er die Gattin heim; doch litt es ihn nicht lange in der kleinen Stadt — der Wunsch, seinen Kindern eine bessere Ausbildung zu Theil werden zu lassen, bewog ihn, nach Berlin überzusiedeln. Hier mußte er in schwerer Arbeit durch Privatstunden seinen Unterhalt erwerben und fand nach des Tages Mühen Ruhe und Glück in seinem Familienleben. Nach mehrjährigem Warten gelang es ihm, eine Stellung an der Mädchenschule der jüdischen Gemeinde zu finden, deren Pflichten er bis kurz vor seinem Tode in gewissenhaftester Weise erfüllte, geliebt und verehrt von allen Kollegen sowie von der großen Anzahl der Schülerinnen, denen er Liebe zur Religion und zum Vaterlande, Liebe zu allem Edlen und Schönen ein-