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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-05 · Heft 18 (5.5.1899) · p. Seite 216

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 18 (5.5.1899)
Date
1899-05-05
Page
Seite 216 (sequence 12)
Language
German
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216 Theil dcr gebildeten Welt heute noch. Daß an der Aussage des Moriz Scharf kein wahres Wort gewesen, darüber war ich mir ohne längeres Nachdenken im ersten Augenblick klar, sobald ich das ganze Material des Prozeffes durchgesehen hatte. Hatte man doch Esthers Solymossys Leiche mit unberührtem Halse bei Dada aus der Theiß gezogen, und außerdem gab es tausend Umstände, welche die Grunds losigkeit der Aussagen des Moriz Scharf bewiesen. Warum machte * er also diese Aussage? Er war nicht kränklich, nicht blöd, auch nicht von Visionen geplagt. Während dcr Gerichtsverhandlung war er ein wohlgenährter, rothwangiger, lustiger Junge, — man sah ihm an, daß er gut genährt ward. Seine Mutter habe ich nicht gekannt. Das Weib seines Vaters war seine Stiefmutter. Seinen Vater beobachtete ich genau; auch dieser war ein kräftiger, gesunder Mann mit rothen Backen. Ein gemüthlicher jüdischer Feldarbeiter mit gutem ungarischen Humor, wie ich deren noch wenige gekannt habe. Sein eigentliches Handwerk war die Flickschusterei, weil aber diese wenig abwarf, verdingte er sich als Feldarbeiter. Gemüth und Humor lassen auf eine unverdorbene Seele und auf gesunden Bern stand schließen. Der kleine Moriz glich, was die Gesichtszüge und die Gestalt betraf, ganz seinem Vater. Aber auch separat forschte ich Moriz auf die Kraft seines Geistes aus. Die war gar nicht schwach. Seine Geisteskraft überragte entschieden diejenige dreizehnjähriger Knabe». Woher also stannnte die Aussage? Nebenher bemerke ich, daß es mir beim Studium der Blutbeschuldigungs- Prozesse ausfiel, daß die belastenden Zeugen häufig Judenknaben waren, und zwar in der Weise, daß der betreffende Knabe feM genommen und von den Juden abgeschloffeu wurde; nach einem gewissen Zeitraum sagte dann der Junge aus, daß es eine Art hatte. So geschah es im 1794 er Perer Prozeß und, wenn ich mich nicht irre, auch im 1764er Süroser Prozeß. Ganz genau so geschah es auch im Eszlürer Prozeß. Mein Verdacht konnte kein anderer sein, als daß man den kleinen Moriz für die Aussage absichtlich vorbereitet habe. Die Gerichtssprache nennt dies „Präpariren". Kein vereinzelter und auch nicht der erste Fall in weltberühmten Prozessen. Die Zeugenaussage des französischen Dauphins, des Sohnes der guillotinirten Königin Marie Antoinette, ähnelt diesem vollständig. Auch der kleine Dauphin war von der Welt völlig abgeschloffen. Auch ihn reizte man gegen seine eigene Mutter auf. Auch ihm träufelte man eine solche Aussage ins Gehirn, gab man eine Aussage in den Mund, welche vollständig unwahr und unglaublich war. Einmal, wenn es meine Zeit gestatten wird, will ich das Seelenleben dieser beiden Zeugen auf physiologischer Basis vergleichen. Dasjenige des Dauphins und das Moriz Schorfs. Bei Moriz ging die Vorbereitung nicht leicht, wenigstens nicht rasch. Ein Jahr lang war er gefangen. In der ersten Hälfte dieser Zeit legten Zwang und Furcht ihm die Worte auf die Lippen. In der zweiten Hälfte bezeichnete er bereits leichthin, keck, tollkühn, ja prahlend seinen Vater und die übrigen Juden als Mörder. Vorerst machte man ihm die Juden haffenswerth. Sodann machte man ihm seinen Vater haffenswerth. Sein Fühlen und Denken wurde widernatürlich. Großmannssucht, Ruhmbegier, die sichere Hoffnung, den Herrn spielen zu können, erfüllten sein Herz — all das, wenn man die Juden verurtheile. Und dann machte man ihn hinwieder glauben, die Juden würden ihn todtschlagen, wenn sie die Freiheit wieder erlangen. Für all dies lieferten Untersuchung unb Verhandlung viel Material, zahlreiche Beweise. Sein Vater, Josef Scharf, wollte absolut nicht daran glauben, daß sein Sohn aus aufrichtigem Empfinden spreche. Unter den Angeklagten war auch ei» älterer Jude mit langem, grauem Barte, eine schöne, patriarchalische, biblische Gestalt. Eines Tages sagt Josef Scharf vor Gericht zu seinem Sohne: — Lieber guter Sohn, sieh Dir diesen alten Mann an, seinen grauen Bart, sein ehrliches Gesicht. Was hat dieser Mann Dir zu Selbe, gethan? Warum willst Du diesen ehrlichen greisen Mann an den Galgen bringen? Der Knabe blickte den Greis an. Sein Antlitz wurde roth, irgend ein Gefühl trieb sein Blut aufwärts. Allein er zuckte dann die Achseln und antwortete: — Was kümmert es mich, was immer mit dem gemeinen Juden geschieht! Sein Vater fährt ihn an: — Was sprichst Du da. bist denn Du kein Jude? — Gewiß nicht. Will auch keiner sein. Und wandte sich von seinem Vater ab. Der alte Scharf wankte zu seinem Sitzplatze. Er sprach nicht mehr. Er setzte sich. Aber den Kragen seines Rockes faßte er lind zerriß ihn mit eiserner Hand. Der Präsident, durch das Knirschen des Stoffes aufmerksam geworden, blickte hin: — Scharf, was thun Sie da? Dcr Vater schaute nicht einmal hin nach dem Präsidenten. Mit der großen, rauhen Taglöhnerhand verdeckt er das thränenüberströmte Antlitz und sagt langsam: — Ich habe einen Tobten und zerreiße darum mein Kleid. Im Saale waren zweihundertdreißig Menschen anwesend. Fast Jedem traten Thränen in die Augen. Der Vater beweint seinen Sohn, der für ihn gestorben war, seinen Sohn, der gestorben ist, weil er gegen seine Raffe und sein Geschlecht von Haß erfüllt wurde und den Gott seiner Väter verleugnete. Der Sohn aber bewegt seinen Kopf gleichmüthig von rechts nach links und summt leise ein Spottlied. Nie habe ich eine mehr seelenerschütternde Szene gesehen. Und solcher Szenen gab es sehr viele in diesem Prozeß, welcher der seltsamste Prozeß der Welt war. Die Dreyfus- Affäre beginnt ihm von Weitem zu ähneln. Wenn ich einmal die wahre Geschichte dieses Prozesses werde schreiben können, dann wird die Welt staunen und zugleich vieles lernen. Und sie wird den ungarischen Richterstand hochachten dafür, daß er vor der öffentlichen Meinung der Welt nicht zurückschrak und sich ihr nicht beugte, sondern Gerechtigkeit übte und die Unschuldigen freisprach. Ich habe diesen kleinen Moriz bedauert. Ich zürnte Denen, die ihn ein Jahr lang gefangen hielten. Aber unter dem fürchterlichen Druck der öffentlichen Meinung konnte ich ihn nicht befreien. So sehr ich es auch bedauerte, ich habe über die Angelegenheit nie mit ihm gesprochen. Ich habe den Ursprung, die Entwickelung, die Befestigung seines Geständniffes klar gesehen. Ich wollte meinen klaren Blick nicht durch ein Privatgespräch mit ihm stören kaffen. Wer seine Lehrmeister waren, danach forsche ich nicht. Geschickt und glücklich waren sie nicht. Denn sie faßten sein erstes großes Geständniß schriftlich ab, ließen es ihn einlernen und oft hersagen, so daß er, als er vor den Gerichtshof kam, seine Rede so ableierte, als ob er schon des häufigen Hersagens seiner Lektion übersatt wäre. Deshalb habe ich den Präsidenten gebeten, er möge den Zeugen auffordern: — Könnten Sie Ihr Geständniß nicht in Versen hersagen? Die Wuth der „öffentlichen Meinung" hat mich bei diesen Worten umtobt. Aber durch den tobenden Lärm hörte ich sehr gut, wie das kleine Heer der wahrheitliebenden Geister in allen Theilen der Welt auflachte. Dainals war dieses Heer ein kleines, jetzt ist es grenzenlos. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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