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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-05 · Heft 18 (5.5.1899) · p. Seite 215

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 18 (5.5.1899)
Date
1899-05-05
Page
Seite 215 (sequence 11)
Language
German
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215 UILLETON Me Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. V. Sn der That, es war ein seltsamer, trauriger Brautstand. All die fröhlichen Feste, das geschäftige, heitere Treiben, alles, was sonst einem glücklichen Brautpaar zu Theil wird, gab es für Emanuel Steinhardt und Regina da Silva nicht. Die Mutter nahm alle ihr dargebrachten Glückwünsche mit derselben Undurchdringlichkeit entgegen, mit der sie den halb versteckten, leisen oder lauten Vorwürfen der ganz Orthodoxen aus ihrer Umgebung darüber, daß sie ihre einzige Tochter einem solchen Freigeist zur Frau gäbe, begegnete. Ueber das ganze Haus breitete sich allmälig Än Hauch der Verstörung, den zu verscheuchen sich Alphpns und Raphael vergeblich in eifriger Vermittelung zwischen beiden Parteien bemühten. Simonette da Silva richtete freiwillig nie das Wort an das junge Paar. Der Professor reiste übrigens bald ab. Die Ferien gingen zu Ende, und die Pflicht rief seinen jungen Schwager an seine Studien und ihn selbst an die kleine schwäbische Universität, an der er den Lehrstuhl der Philosophie inne hatte, zurück. Und dann waren Mutter und Tochter wieder allein, wieder während der langen Tage auf einander angewiesen wie ehedem. Raphael, der jetzige Chef der vorher von seinem Vater geleiteten Handelsfirma, war Tags über vom Hause abwesend und daher außer Stande, das für beide Theile in jenem beständigen Gegenüber liegende furchtbar Peinliche mehr als vorübergehend abzuschwächen. Denn es war ein anderes Miteinanderalleinsein als ehedem. Ein Alleinsein, so voll von schwülem Unausgesprochenen, daß es Jede von ihnen bisweilen unerträglich dünkte. In den ersten Tagen nach der Verlobung hatte Simonette da Silva zu ihrer Tochter gesagt: „Such' Dir Deine Ausstattung ganz nach Deinem Geschmack aus." Und als Regina darauf schüchtern gefragt hatte: „Kommst Du nicht mit, Mutter?" da war ihr als Antwort ein so eisig abweisendes „Nein!" geworden, daß sie sich verletzt abgewendet hatte. Nach und nach erwachte dann auch in dem Mädchen ein gewisser Trotz. Sollte sie ihren Weg allein gehen, nun gut. sie würde es können, bis sie ihre Hand in die ihres auserwählten Führers durchs Leben legen durfte. Allein oder mit einer Freundin oder zuweilen in Begleitung der treuen Judith machte sie ihre Einkäufe, froh, wenn sie für kurze Zeit dem verdüsterten Hause den Rücken kehren konnte. Wo es sich unauffällig thun ließ, ging sie dem in Unnahbarkeit versteinerten Frauenbilde aus dem Wege, von dem bestimmten Gefühl durchdrungen, ihr Anblick gereiche der Mutter nur noch zur Qual. Und Jene pflegte sich ihrerseits in fluchtähnlicher Hast in ihr Zimmer zurückzuziehen, wenn ausgerichtete Bestellungen, durchs Haus getragene Packete mit Anschaffungen für „Fräulein da Silva" sie an das erinnerten, was sie nach Kräften zu ignoriren bestrebt war. Die einzige Notiz, die sie davon nahm, war, daß sie in dem letzterwähnten Fall meist nachher durch Minna, das Hausmädchen, die betreffenden Rechnungen einfordern ließ, um sie alsbald, ohne ein Wort darüber zu verlieren, zu begleichen. Es schien dabei, als habe sie nur noch den Wunsch, später durch nichts mehr an die ganze Angelegenheit erinnert zu werden, und erledige deshalb alles vorher. Aber Mutter und Tochter litten Beide namenlos unter der I unnatürlichen Situation.! Regina konnte wenigstens Trost in den Briefen ihres Verlobten, s der jetzt in der süddeutschen Stadt sein Heim zum Empfang eines jungen Weibes herrichtete, finden. Die Mutter aber hatte keinerlei Ersatz, keinerlei hoffnungsfreudige Aussichten für die Zukunft. Und wenn Raphael bis tief in die Nacht hinein, lange nachdem sich die Familienglieder offiziell zur Ruhe begeben hatten, aus dem Schlafgemach der Mutter das monotone Geräusch ihrer leisen, unermüdlich hin-und herwandcrnden Schritte vernahm, wenn in Reginas Zimmer das Licht manchmal nicht eher erlosch, als bis bereits der junge Morgen den Horizont mit hellerem Schein färbte, dann sagte er sich wohl rathlos: „Sie gehen Beide daran zu Grunde." Sodann aber machte er sich auf, pochte an die Thüren von Mutter und j Schwester, um Jene bittend, mahnend zu veranlaffen, der Natur ihr? Recht zu gönnen. - * I - I u Ursprünglich hatte der Brautstand fünf Monate dauern sollen. f Die Mutter, die aus ihrer Reserve keine Minute herausgetreten war, j hatte Raphael alle dahin bezüglichen Besprechungen mit dem Proj 'feffor überlaffen und, als ihr das Resultat mitgetheilt wurde, sich j zparauf beschränkt, dasselbe mit dem ihr eigenen, stolz-unnahbaren \ Kopfneigen zu genehmigen. j Der auf Allen lastende Zwang war aber unerträglich, so daß! die Mutter nach dem ersten jähen Zusanimenschrecken ein halbes t ^Aufathmen nicht unterdrücken konnte, als Regina eines Tages ein s in einem Brief an sie als Einlage gekommenes Schreiben Emanuels, , das die mit der Erklärung, seine Vorbereitungen seien beendet, be-? gründete Bitte, den Hochzeitstermin um vier Wochen vorzuschieben, enthielt, leise vor sie legte. Aeußerlich völlig unbewegt sagte sie I dann: „Mir ist selbstverständlich alles recht. Aber wie ist's? Kannst Du es einrichten?" Ihre Tochter hatte mit hungrigen Augen jede ihrer Bewegungen verfolgt. Aber der harte, fremde, metallene Klang ihrer Stimme s ließ, mehr noch fast als der eigentliche Wortlaut der Entgegnung, auch in Regina jede weitere Regung gleichsam gefrieren. Im selben Ton antwortete sie: „Jawohl. Mutter!" „Gut also, dann macht, was Ihr wollt!" Sie richtete ihre Augen wieder auf das Buch, in dem sie las.; „Mutter!" Halb unbewußt war ihr der heißflehende Anruf entschlüpft. Simonette sah nicht auf. „Du marterst Dich und mich unnütz, Regina," sagte sie eintönig, „wenn Du aber überhaupt noch meine i Ansicht hören willst, — je eher wir dieser Tortur ein Ende machen, desto beffer für uns beide." (Forts, folgt.) Rermniscenzen an Tis?a-Gs;1ar. Von Karl Eötvös.') echzehn Jahre sind seit jenem Prozeß verstriche». An alle Gestalten, die in dem Prozeß sigurirten, und an alle Details j des Prozesses kann ich mich nicht mehr erinnern, aber an den kleinen Moriz erinnere ich mich noch ziemlich gut. Der Junge war schon damals ein großes Räthsel und ist es vor einem großen i) Anläßlich der in den Blättern aufgetauchten und wieder dementirten Nachricht von dem Ableben des Moriz Scharf erzählt Karl > Eötvös im „Egyetsrtüs" folgende Reminiscenzen an den Prozeß von Tisza-Eszlär, in welchem Eötvös bekanntlich als Bertheidiger des Hauplangeklagten fungirte. Die Red.

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