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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-05 · Heft 18 (5.5.1899) · p. Seite 214

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 18 (5.5.1899)
Date
1899-05-05
Page
Seite 214 (sequence 10)
Language
German
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214 von Polizeiwegen darüber gewacht zu sehen, daß für die Zukunft gleiche oder ähnliche private gottesdienstliche Bereinigungen, wenn sie wirklich ins Leben treten sollten, innerhalb der königlichen Staaten nicht geduldet werden. Hätte der König indessen auch jene anderen mit der Zeit sich möglicherweise bildenden jüdischen Sekten im Auge gehabt, so hätte hieraus nicht gefolgert werden können, daß die allerhöchste Intention auch dahin gegangen sei, innerhalb der preußischen Staaten auch jede rein wissenschaftliche Forschung in Angelegenheiten des jüdischen Gottesdienstes, der Liturgie und Gebräuche unbedingt und für alle Zeiten zu unterdrücken. Mangelt es aber an einer begründeten Veranlassung, dies anzunehmen, so läßt sich doch blos von der Besorgniß aus, dergleichen rein wissenschaftliche Forschungen könnten mit der Zeit auch Versuche zur Begründung neuer Sekten im Judenthum herbeiführen, ein gänzliches Hemmen der litterarischen Thätigkeit jüdischer Gelehrter in Sachen ihres Glaubens durch die Schlußbestimmung der oft allegirten K.-O. meinem unvorgreiflichen Dafürhalten nach nicht rechtfertigen. Aber auch was die Tendenz und insbesondere die Bestrebungen des Geiger bei diesen rein wissenschaftlichen Forschungen in jüdischen Religionsangelegenheiten anbelangt, scheint es mir an jeder begründeten Veranlassung zur Hemmung seiner diesfälligen litterarischen Thätigkeit zu ermangeln. Ich muß zwar dahingestellt sein lassen, aus welchen Quellen der Herr Oberpräfident seine Notizen zu dem in der fraglichen Hinsicht in seinem Bericht über denselben gefällten Urtheil geschöpft hat. Abgesehen jedoch davon, daß, wenn letzteres wirklich begründet sein sollte, es sich nicht wohl erklären läßt, wie, der Existenz der K -O. ungeachtet, der Dr. Geiger zu der Stelle eines Rabbiners bei der Synagoge zu Breslau hat zugelassen werden können, zumal die Richtung und Tendenz des Mannes in jüdischen Glaubensangelegenheiten, wie sich solche schon in seinem früheren Rabbinerverhältniß zu Wiesbaden manifestirt hatte, nach Ausweis der zwischen den Ministerien der geistlichen und der auswärtigen Angelegenheiten im Jahre 1836 gepflogenen Korrespondenz bereits vor seiner Ernennung als Rabbiner zu Breslau diesseits völlig bekannt war, dürfte sich das von dem Herrn Oberpräsidenten gefällte Urtheil auch aus den von Geiger der Oeffentlichkeit längst übergebenen litterarischen Produktionen in jüdischen Religionssachen durchaus nicht ableiten lassen. Ein Blick auf den Inhalt des S. 459 unter der Rubrik „Nachrichten" befindlichen Artikels, ganz besonders aber auf die Abhandlung „Das Judenthum unserer Zeit und die Bestrebungen in ihm" dürste hinreichen, den Verfasser von jedem Verdacht separatistischer Bestrebungen im Iudenthum zu befreien und ihn vielmehr denen seiner wissenschaftlich durchgebildeten Glaubensgenossen beizuzählen, welche in dem Bewußtsein, auf geschichtlichem Boden zu stehen, die Ueberzeugung hegen, auf diesem Wege einen Ausgleich der Gegensätze in jüdischen Glaubenssachen mit der Zeit herbeiführen und aus diese Weise im Verein mit der Gesammtheit fortschreiten zu können. In keinem Falle dürste sich in Hinsicht des Geiger die Ansicht des Herrn Oberprästdenten rechtfertigen, daß derselbe mit einigen Gleichgesinnten die Stiftung einer neuen Sekte anstrebe, und daß derselbe, sogar der Träger eines neuen sozialen jüdischen Prinzips sei so daß auch in dieser Hinsicht die Druckbestimmung der K.-O. nicht wohl einen begründeten Anlaß geben dürfte, dem Geiger die erbetene Konzession zu versagen. Zwar äußert der Herr Oberpräsident zugleich die Besorgniß, daß die altgläubigen Juden in Breslau diesem neuen litterarischen Unternehmen, welches auf Zerstörung ihrer Dogmatik gerichtet ist, nicht zugeneigt sein dürften, und daß eben dadurch ernstliche Spaltungen unter der dortigen Judenschaft herbeigeführt werden könnten. Wie wenig indessen von einer Zerstörung der alten jüdischen Dogmatik, wie sie der Herr Oberpräsident besorgt, bei der Behandlungsweise der dahin einschlagenden Gegenstände von Seiten des Geiger überhaupt die Rede sein kann, ist zwar oben schon angedeutet, klarer jedoch dürfte dies sich Herausstellen, wenn man auf die einzelnen Theile seiner schon vorhandenen Zeitschrift näher eingeht, welche in starken Heften ausgegeben werden sollen, auch nach Absicht auf die formale Behandlung der einzelnen Materien nur für Gelehrte, keineswegs aber für das größere Publikum berechnet ist, wie sie denn überdies gänzlich daxguf verzichtet, Neuigkeiten mitzutheilen, um sich auf diese Weise populär machen zu wollen." Der Minister schließt damit, daß, wenn in Preußen die Erlaubniß nicht ertheilt würde, die Zeitschrift entweder auswärts gedruckt, oder daß die Hefte mit Aenderung des Titels als Theile eines Buches erscheinen würden. Er schlägt daher vor, der Zeitschrift ohne Weiteres die erbetene Konzession zu ertheilen. Geiger sandte noch zweimal, am 12. Februar und 28. April 1841, Schreiben an den Minister, die im Original bei den Akten befindlich sind; das letztere war 8 Tage nach bem Fällen der Entscheidung datirt. Diese Entscheidung, welche von den drei obenerwähnten sog. Censur-Ministern erlassen war, wurde am 20. April 1841 an den Oberpräsidenten Merkel gerichtet und gestattet, größtentheils mit Anführung der Sätze aus dem Werther'schen Bericht, das Erscheinen der Zeitschrift. Zur Erklärung des vorstehenden Berichtes ist nicht viel zu bemerken. Die Schilderung des Berliner Tempels bedürfte vielleicht im Einzelnen der Berichtigung; denn daß bei dieser Vereinigung nicht blos die reichsten, sondern zugleich die gebildetsten und die für die Entwickelung des Judenthunls besorgtesten und um sie verdientesten Männer das Wort führten, ist bekannt genug. Was die von dem Minister angeführte Stelle in Geigers Zeitschrift betrifft, so ist der größere Aufsatz in den nachgelassenen Schriften (Breslau 1875, I, S. 447 ff.) wieder gedruckt. Die andere vom Minister erwähnte Stelle, Seite 459, kann sich nur auf Band IV beziehen. Denn in den ersten 3 Bänden stehen an der genannten Stelle wissenschaftliche Rezensionen oder durchaus unbedenkliche Nachrichten. Die Stelle im IV. Bande dürfte uns freilich auch ungefährlich erscheine;!; den Ueberbedenklichen jener Zeit dagegen, die schon in der Anwendung des Wortes „Fortschritt" eine Gefahr erblickten, konnte die folgende Stelle einen kleinen Schauder erregen. Es ist der Anfang eines größeren Artikels über jüdische Zeitschriften, mit dem der IV. Band schloß, unterschrieben Berlin, den 15. Jan. 1839, und lautete so: „Das Bestreben, die Juden ebenmäßig mit in den Kreis der rascher sich bewegenden Geschichte zu ziehen, hat, wie wir früher gesehen, für die äußeren Verhältnisse, nach verschiedenen Stadien, seinen Ausdruck in Zeitschriften gefunden. Die Juden sollten als Menschen und Bürger in den Standpunkt der Zeit eintreten und ebenbürtig sich den Anderen anreihen in allgemeiner Bildung, im gewerblichen Leben und in ihrem Berhältniß zum Staate. Die höhere Stufe geschichtlicher Bewegung mußte nun folgen, das Bestreben, daß die Juden als solche gleichfalls ein Ausdruck der fortgeschrittenen Zeit seien, das Judenthum lebendig werde für die ganze Stellung und Bildung, welche seine Bekenner angenommen hatten und immer mehr annehmen. Während man früher auf das Judenthum in seiner überkommenen Gestalt meist blos hinfah, inwiefern diese mit den die Gedanken erfüllenden Bestrebungen zusammenstieß; während früher blos einzelne Versuche von einzelnen sich mehr von der Gesammtheit lostrennenden Theilen zu einem geschichtlichen Fortschreiten gemacht wurden; während endlich auch andererseits Berbesserungsversuche mehr gewissermaßen in der menschenfreundlichen AWcht, den Niedrigstehenden emporzuhelfen,'unternommen wurden; machte sich nun das Bedürfniß geltend, dem Judenthum als einem lebendigen Glieds des religiösen Organismus in der Gegenwart sein Leben zu sichern, ein rein religiöses Bedürfniß, unabhängig von anderen aus dessen Erfüllung entstehende Bortheilen, allgemein, weder blos für Höherstehende noch blos für Zurückgebliebene, sondern aus dem geschichtlichen Drange der religiösen Entwickelung hervorgehend. Zum Aussprechen dieses Bedürfnisses, welches nun Zeitidee geworden war, mußten sich besonders Diejenigen gedrungen fühlen, welche ganz in der Mitte des jüdisch-religiösen Lebens, aber auch innerhalb der geschichtlichen Fortbewegung standen."

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