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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-05 · Heft 18 (5.5.1899) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 18 (5.5.1899)
Date
1899-05-05
Page
Seite 212 (sequence 8)
Language
German
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212 Westfalen (Sitz in Essen) zur Generalversammlung am 22. und 23. Mai dieses Jahres und ergreift die Gelegenheit, um auf das vierzigjährige Bestehen der Unterstützungskasse des Vereins hinzuweisen, die an Wittwen und Waisen unendlich viel Gutes gethan und unter außerordentlichen Anstrengungen ein beträchtliches Vermögen gesammelt hat. Er hält es für bedauerlich, daß ein vor wenigen Jahren gegründeter Lehrerverein fast gleichen Namens (mit dem Sitz in Köln) durch eine rührige, ausgedehnte Sammelthätigkeit der altbewährten Unterstützungskasse Abbruch thue. Die Versammlung nimmt diese Ausführungen, die von Dr. Frank bestätigt und ergänzt werden, zur Kenntniß. Ein ungezwungener Gedankenaustausch über Amtserlebnisse und -Erfahrungen würzte die Pausen und besonders das gemeinsame Mittagsmahl in den gastlichen Räumen der Rheinlandloge, so daß der Vorsitzende die Versammlung (gegen 7 Uhr Abends) mit freudigen Worten der Anerkennung für die lebhafte Theilnahme der Kollegen und die vielseitigen Anregungen schließen konnte. Der Schriftführer: Rabbiner Dr. Samuel-Essen.. Brief aus Oesterreich. # April 1899. ungernde, dem Elend preisgegebene jüdische Arbeiter jn Boryslav, Plünderungen der Juden in Nachod, Ritualmordfabeln in Polna, das sind die Nachklänge zum diesjährigen Paffahfeste. — Jn Galizien wird dem in den Zündhölzchenfabriken und Naphthagruben fein mühseliges Brod sich erkämpfenden jüdischen Arbeiter der armselige Lohn von täglich 30 bis 40 Kreuzern entzogen — weil er ein Jude ist, in der Fabrikstadt Nachod, im nördlichen Böhme», geht die Pöbelhetze gegen den jüdischen Geschäftsmann und Fabrikbesitzer los, weil ein Fabrikant erklärt, er könne den Lohn seiner Arbeiter nicht erhöhen, sonst müßte er seine Fabrik sperren. Wieso nun der kleine jüdische Geschäftsmann dazu kommt, deshalb sein Hab und Gut verlieren zu müssen, das zu begreifen, reicht unser schwacher Untcrthanenverstand nicht aus; wir müssen uns schon darein fügen, in der neuesten Geschichte der Juden Rußlands, ach, wir sprechen ja von Oesterreich, ein Kapitel mit „Plünderungen und Beraubüngen" zu überschreiben. Im Vorjahre hatten wir sie in Galizien und Prag, diesmal zur Abwechslung im nördlichen Böhmen. Wie es zu den Plünderungen gekommen? Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß sie von langer Hand vorbereitet waren. Der süße Pöbel kam mit Wagen und Rossen, mit Taschen und Körben, und nun begann der moderne Pharaonische Raubzug unter den lustigen Klängen einer Ziehharmonika. Gevatter Schneider und Handschuhmacher, die ehrsamben Bürger, schauten fröhlich zu; offenbar brachte das seltene Schauspiel Abwechslung in das etwas einförmige Leben der guten Stadt Nachod; es hat wohl einen prickelnden Reiz, plündern zu sehen und dabei von Frieden und Friedenszeiten zu sprechen. Die Behörde, bestehend aus einem halben Dutzend Gendarmen, leuchtete wieder durch den Glanz völliger Machtlosigkeit hervor. Militär kam allerdings herangerückt, — als die paar Juden ausgeplündert waren, es sind ja nur Juden; freilich steuerzahlende Bürger, zu deren Schutze man ja sozusagen doch verpflichtet ist. Der Schluß ist, einige Individuen werden eingesperrt, und die Juden mögen fein dazuschauen, wie sie zu ihrem Hab und Gut wieder kommen, denn die Steuer muß ja doch bezahlt werden. Was aber dem Plünderungszuge die Krone aufsetzt, ist folgende erhebende Thatsache: Ist da im Wiener Gemeinderath ein Jude, Lucian Brunner heißt der Wackere, welcher eine Eigenschaft besitzt, die wir sonst gerade nicht allzu häufig bei Juden finden, der Mann läßt sich nämlich nichts gefallen, er zeigt auch Lueger und Strobach die scharfen Zähne. Wie bekannt, hat der Wiener Gemeindcrath sein großes Werk der Befreiung der christlichen Bevölkerung Wiens vom jüdischen Drucke damit begonnen, daß er den Bau zahlreicher Kirchen in der Reichshauptstadt förderte; sicherlich ein frommes Beginnen. Aber nicht die reichen Klöster, Erzbischöfe, Bischöfe und Adligen wollten hierzu beisteuern, sondern der Steuergulden der auch der Plünderung ausgesetzten Juden sollte dazu herhalten. Lucian Brunner forderte nun das Urtheil der obersten Instanz, des Verwaltungsgerichtshofs, heraus, daß die Steuern der Juden nicht dazu da seien, um bestimmte Kultuszwccke zu fördern, sintemal sich die Juden ihre Synagogen auch selbst bauen, indem sie recht tief in ihre Tasche greifen. Lncian wird deshalb von den Gewaltigen Wiens natürlich furchtbar gehaßt, und in einer der letzten Sitzungen der Stadtväter der Residenz tönte ihm das Wort entgegen: Reizen Sie. Jude, die zahme Bevölkerung Wiens nicht, sonst wird sie wild wie die Nachods. Wenn ich Ihnen in der nächsten Zeit von einem frischen, frohen, frommen Raubzuge des wild gewordenen Wiener Volkes gegen Rothschild und Guttlnann nicht berichten werde, wahrlich, die Stadtvertretung der Reichshauptstadt wird nicht schuld daran sein. — Wir haben es herrlich weit gebracht. Nachod und Boryslav, zwei Etappen in der neuesten Geschichte der Juden Oesterreichs. Das Elend der galizischen Arbeiter zu schildern, sträubt sich die Feder. Es ist ein Jammer, nicht am wenigsten verschuldet von den Großen und Mächtige» in Israel. — Wie kann man von diesem entnervten, seines Judenthums sich schämenden Geschlechte Herz verlangen für die bleiche Armuth, für das hohläugige Gespenst, das mit verzerrten Zügen durch die schmutzigen Judengassen Boryslavs und Snialyns schleicht? Wir haben unser herrliches Befreiungsfest gefeiert, in allen Synagogen drängte sich die festlich geputzte Menge, die Hallelujahs stiegen empor aus dem Munde gut geschulter Chöre, die Prediger schlugen die herzgewinnendsten Reden an, und wenn wir nach Hause kamen aus unseren Bethäusern, erhoben und erquickt, und wenn wir uns an die vollbesetzte Tafel setzen wollten, wurde der Biffen nicht zum Moraur, zur Bitterniß in unserem Munde, wenn wir in Zeitungen lasen von dem schweren Elend unserer Brüder in Galizien, von dem Hunger, unter welchem sie seufzen, von dem Leid, das sie tausendfach zu ertragen haben — weil sie Juden sind. Wir feiern die Befreiung von Aegypten, und Tausende unserer Brüder sind die Sklaven bitterster Armuth und Arbeitslosigkeit. Die Zeitungen berichten darüber; freilich nicht die großen „liberalen" Blätter in Oesterreich; die müssen über die Triumphe Perosis schreiben, über wälsche Kirchenmusik und über Siegfried Wagner und Bärenhäuter, über Schönerer und die „protestantische" Bewegung, über tschechische Nachtwächter und pangermanische Reden. Aber wenn auch unsere „freisinnigen Judenblätter" kein Wort haben für das galizische Judenelend, es schreit doch so gewaltig, daß wir den Jammerton hören. Das jüdische Herz schläft, aber es wird erwachen. Jüdische Jungfrauen mögen sich taufe» laffen, um ihr Geld verkrachten Leutnants und Advokaten zuzutragen, jüdische Jünglinge auf teutsch-nationale Helden sich hinausspielen, jüdische Millionäre schauspielerischen Hetären Perlenschnüre reichen, Wagen mit gallonirten Dienern zur Verfügung stellen, wir können es doch nicht glauben, daß diese Jungfrauen, Jünglinge und Millionäre das Kennzeichen des heutigen Judenthnms bilden. Die Juden, welche so begeistert das Paffah feierten, welche sagten: „wir sind Knechte gewesen dem Pharao", sie werden es nicht zulassen, daß Tausende den Jammerruf ausstoßen müffen: „Ach. wir sind noch elende Sklaven, und wir sind euere Brüder." Auf zur Hilfe! Boryslav und Nachod, diese slavischen Namen, dies Slaventhum, es mahnt uns an unser Sklaventhum. Giebt es wirklich noch Knechte

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