Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1899)
- Date
- 1899-05-05
- Page
- Seite 206 (sequence 2)
- Language
- German
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. ' ' ' '' r ' M^EM»»W«WWW«WWMWD»M«W«»L«««»«»M«»«W^ >o « 206 zwingende Notwendigkeit in die religiösen und rituellen Gebräuche Andersgläubiger einzugreifen. Mit Recht hat der Sprecher der nationalliberalen Partei auf die Erklärung hingewiesen, welche der jetzige Staatsminister Herr v. Miguel bei der ersten Reichstagsverhandlung über die Schächtfrage abgegeben hat: „Wir wollen die rituellen Vorschriften der Juden beobachtet wissen bei jeder neuen Gesetzgebung, erstens, weil wir uns überzeugt haben ans den Gutachten hervorragender Gelehrter, daß diese Art des Tödtens von Thieren keine Grausamkeit ist, gegen die Humanität nicht verstößt/ und anderentheils darüber kein Zweifel walten kann, daß das Schächten durch den religiösen Glauben einer großen Anzahl Deutscher gefordert wird. ... Ich bin überzeugt, daß, so lange in Deutschland die Grundsätze der Toleranz und der gegenseitigen Achtung der Bürger noch Geltung haben, man über solche unzweifelhaft lies eingewurzelte religiöse Gefühle unmöglich hinweggehen kann bei einer Frage wie der vor-' liegenden, wo es doch mindestens für zweifelhaft gehalten werden muß, ob das rituelle Schächten nicht geradezu als eine besonders zweckmäßige und humane Einrichtung anzusehen ist." Die gleiche Ansicht haben, wie gesagt, fast sämmtliche Redner bei der letzten Debatte über diese Angelegenheit mit einer Eiuinüthigkeit und Entschiedenheit ausgesprochen, die keinen Zweifel darüber aufkommcn lassen, daß der Reichstag nach der zweiten Lesung, dit schon morgen erfolgen soll, diesen Antrag endgiltig begraben wird: Aber unsere wackeren Antisemiten haben sich damit nicht begnügt, ihre tiefe und eindringliche Kenntniß der jüdischen Religion an den Tag zu legen, sondern sie haben auch zwei oder gar drei jüdische Autoritäten citirt, von denen allerdings die zuletzt genannte, nämlich der sozialdemokratische Broschürenschreiber I. Stern, ausscheiden muß. Wir können aber auch bei diesem Punkt die Frage stellen: Was würden z. B. die Konservativen sagen, wenn man gegen ihre religiösen Gebräuche die Ansichten eitiren würde, welche gerade die radikalsten christlichen Kritiker innerhalb ihrer eigenen Religionsgemeinschaft ausgesprochen haben? Noch schlimmer steht die Sache aber, wenn die Citate falsch sind. Zwei oder drei der antisemitischen Redner haben am Dienstag sich auf das Buch des sel. Rabbiner Dr. A. Wiener über die Speisegesetze feierlichst berufen. Dr. Vielhaben bat sogar in herzbeweglichen Worten, das Werk des greisen Rabbiners, der am Ende seines Lebens über diese Dinge die volle Wahrheit sprach, vor allem zu berücksichtigen. Aber sowohl dieser Herr wie seine braven Genoffen haben einfach verschwiegen, daß der sel. Dr. A. Wiener auf S. 244 seines Buches den jüdischen Schlachtritus an sich und noch mehr gegenüber der sich jetzt namentlich breit machenden Empfindelei der Thierschützler „für eine aus vielen Gründen höchst empfehlenswert he Institution" erklärt, und daß er in einer Anmerkung ausdrücklich versicherte: „So ist auch, beiläufig bemerkt, von den Koryphäen der medizinischen Fakultäten aller Länder und speziell von den maßgebendsten Autoritäten auf dem Gebiete der Beterinärkunde die Humanität der jüdischen Schlachtweise anerkannt, und ich als rabbinischer Experte, und in meiner kaltblütigen Unparteilichkeit, muß dem aus vollem Herzen zustimmen (wenn ich auch, wie oben zu ersehen, gegen das rabbinische Bestreben, die Schlachtregeln aus der Schrift herauszudeuteln, Einspruch zu erheben habe). Wer die nachdrücklichen Anweisungen der Rabbiner über Thierquälerei kennt und weiß, wie fie, freilich dies auf Grund der biblischen Satzung, die Gefühle des Thieres zu schonen und alles zu vermeiden, eingeschärft haben, was demselben unnöthigen Schmerz verursachen kann, wird jene Ueberzeugung theilen und fich weder von dem antisemitischen wüsten Geschrei noch von der schlecht placirten Sentimentalität gewisser Thierschutzvereinler irre leiten lassen." Und diese» Mann haben die Herren als die größte rabbinische Autorität gegen das Schächten ins Feld geführt. Wir überlaffen allen rechtlich Denkenden die Beurtheilung einer solchen Kampfesweift. Nein, mit dieser Debatte haben die Antisemiten ihr leckes Schifflein nicht wieder flott gemacht, und es war nur ein angemeffenes Finale zu der ganzen Affäre, daß Tags darauf ein fortschrittlicher Abgeordneter die ganze Hohlheit und Nichtigkeit des antisemitischen Demagogenthums im Reichstage sehr ausführlich klarlegte. Am Ende wird die gleiche Erkenntniß sich auch in die Kreise Derer den Weg bahnen, die sich von den antisemitischen Phrasen noch umgarnen ließen, und auch diese werden ihren Führern bald einmal zurufen: „In die Ecke, Besen! Besen! Seid's gewesen." Pit Woche. Berlin, 3. Mai. lle Blätter und alle Parteien im Deutschen Reiche beklagen heute das Hinscheiden des ehemaligen Reichsgerichtspräsidenten Dr. Eduard Simson, den sie vor allem als einen der besten deutschen Patrioten feiern. So dürfen denn auch wir heute konstatiren, daß dieser Mann aus dem Judenthum hervorgegangen, das er nicht einmal freiwillig verlaffen, dem er vielmehr als Kind schon entfremdet wurde, das er aber trotzdem nie verleugnet hat. Ja, zu rechter Zeit wies er sogar mit Stolz auf seine Abkunft hin. Die Szene im Erfurter Parlament zwischen Bismarck und Simson ist ja bekannt. Der damalige Junker Herr von Bismarck widersetzte sich dem Ordnungsruf des Präsidenten, weil er Jude sei. Darauf antwortete Simson schlagfertig: „Sie sind stolz auf Ihre Herkunft, auf Ihren alten Adel, ich auch — zumal ich mütterlicherseits zu jenem Priesterstamm gehöre, den Gott selbst geadelt hat." In den Tagen der schlimmsten Antisemitenhetze hatte auch Simson mancherlei Unbill zu erleiden. Man erzählte damals, daß in der Stadt, wo die Wogen des Antisemitismus besonders hoch gingen, eine Reihe von Offizieren die Einladung zu einem Ball bei dem Reichsgerichtspräsidenten Eduard Simson ablehnte, so daß diese Offiziere erst durch das zuständige Kommando veranlaßt werden mußten, sofort ihre Karten bei dem Präsidenten abzugeben und der Einladung Folge zu leisten. Aber diese Erfahrungen haben den Mann nicht verbittert, besten Andenken das deutsche Volk immer Hochhalten wird. In der Debatte über den Erlaß des Kultusministers, die Religionscensur im Reifezeugniß betreffend, hatten verschiedene liberale Blätter bemerkt, daß die Procedur bei den israelitischen Abiturienten dieselbe sein werde wie bei den katholischen. Das ist, wie uns von fachkundiger Seite berichtet wird, ein Jrrthum. Die katholischen Schüler, die ein hiesiges evangelisches Gymnasium oder Realgymnasium besuchen, werden im Provinz ial-Schulkollegium vor der Reifeprüfung vom katholischen Religionslehrer geprüft. Das Prädikat kommt auf das Reifezeugniß, das auch vom katholischen Religionslehrer unterschrieben wird. Die Meldung stimmt mithin zum größten Theile nicht, und es erscheint aus verschiedenen Gründen nothwendig, dies zu konstatiren. * Den Antisemiten des Reichstages schreibt eine Centrumskorrespondenz ins Stammbuch: „Einen rieflg großen Mund haben die antisemitischen Volksvertreter, wenn es fich um den Bortrag von wohlpräparirten, phrasenhaften Reden handelt; aber wenn es in der Kommission arbeiten heißt, die geschwollenen Redensarten in passende Anträge umgeformt, diese Anträge fachlich vertheidigt und die Gegenanträge mit Sachkenntniß kritifirt