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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-05-05 · Heft 18 (5.5.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 18 (5.5.1899)
Date
1899-05-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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63» Jahrgang. Nr. 18. Berlin» 5. Mai 1899. eitung des Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Br- Ludwig Philippson-Bonn. Verlags-Grpedition: löerlin, Äerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Hi ü; i 3lt|)lXlt. Leitartikel: Aus dem Reichstage. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Generalversammlung des Rheinischen Rabbiner- Verbandes. — Brief aus Oesterreich. — Ein ministerielles Votum über Abraham Geigers wissenschaftliche Zeitschrift. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Feuilleton: Die Abtrünnige. V. Von Paula Fa der. — Reminiseenzen an Tisza-Eszlür. Von Karl Eötvös. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus Westpreußen, Lissa i. P., Aus der Provinz Posen, Dresden, Hamburg, Frankfurt a. M., Wien, Odessa. — Bon Nah und Fern. — Sprechsaal. Aus dem Reichstage. Berlin, 2. Mai. er sich davon überzeugen will, daß der sogenannte Radanantisemitismus in Preußen wenigstens abgewirthschaftet habe, der lese das stenographische Protokoll über die Reichstagsverhandlungen vom 25. v. M. Wie anders klang der Ton, in dem die Antisemiten früher von dieser Stelle aus sprachen! Früher sprachen sie, als wenn sie die Herren des Hauses wären, und diesmal redeten sie, als wen» sie für ihre Anwesenheit um Verzeihung bäten. Erst gegen Schluß der Sitzung übte der Muth in der Brust des wackern Malermeisters Bindewald seine Spannkraft aus. Aber auch diese oratorische Leistung ersten Ranges, in der der gefeierte Historiker nichts mehr und nichts weniger unternahm, als die gesammten Judenverfolgungen des Mittelalters zu rechtfertigen, machte nicht mehr den geringsten Eindruck in diesem Hause, das sich zum dritten Mal innerhalb 10 Jahren mit demselben Antrag gegen das Schächten zu beschäftigen hatte. Aber noch niemals war die Zahl der Gegner dieses Antrags eine so große, noch niemals traten die einzelnen Parteien so geschlossen und einmüthig gegen den Antrag auf wie am letzten Dienstag. Mit Ausnahme der 10 Antisemiten, einiger Konservativen und Bauernbündler sowie des guten Herrn Stöcker, der ja die Religion zu schützen vorgiebt, haben sämmtliche Parteien des Reichstags durch ihre Wortführer ausdrücklich und bestimmt erklären lassen, daß die Staatsgesetzgebung in die religiösen Satzungen anerkannter Religionsgemeinschaften sich nicht einzumischen habe, und daß im Speziellen das Schächten nicht nur keine Thierquälerei, sondern vietmehr die mildeste Art der Tödtung von Schlachtthieren sei. Wir haben also vollauf Grund zur Zufriedenheit mit dem Verlauf jener Debatte, viel mehr Grund jedenfalls als der antisemitische Antragsteller, dessen Ausdruck der Zufriedenheit am Schluß der Sitzung einen stürmischen Heiterkeitserfolg hatte. Wir können es deshalb unterlaffen, auf die Frage selbst noch einmal einzugehen, zumal da diese durch die Gutachten der hervorragendsten Autoritäten und durch die einzig kompetenten Erklärungen der gesammten deutschen Rabbiner bereits zur Genüge geklärt ist. Nur einige Bemerkungen wollen wir uns gestatten, die sich uiis bei der Lektüre des stenographischen Protokolls aufgedrängt haben. Zunächst erscheint es uns mehr als merkwürdig, daß sämmtliche antisemitischen Redner die antisemitische Tendenz des Antrags in Abrede zu stellen versucht habe». Auch die Thierschutzbereine pfstgen, wenn sie gegen das Schächten petitionirt haben, ausdrücklich zu erklären, daß sie Werth darauf legen, nicht als Antisemiten angesehen zu werden. Aber beide können doch die Thatsache nicht aus der Welt schaffen, daß die Agitation gegen das Schächten mit dem Anschwellen der antisemitischen Strömung zeitlich zusammenfiel und aus dieser Antrieb und Kraft gewonnen hat. Die antisemitische Partei war es allein, welche 1887, 1894 und 1895 Anträge auf Erlassung eines Schächiverbots einbrachte, und nur antisemitische Abgeordnete haben zu Gunsten dieser Anträge gesprochen und gestimmt. Die Petitionen gegen das Schächte», mit welchen im Jahre 1894 die baierische Volksvertretung sich zu beschästigen hatte, sind ebenfalls von den Antisemiten (antisemitische baierische Volkspartei) ausgegangen. Der einzige deutsche Staat, in welchem das Schächten unmöglich gemacht wurde, Sachsen, ist zugleich derjenige, in welchem die antisemitische Partei die größten Erfolge aufzuweisen hatte, und in dem einzigen außerdeutschen Staat, in welchem die Schächtgegner ihr Ziel erreichten, in der Schweiz, ist der gegen den Willen der Bundesregierung im Wege der allgemeinen Volksabstimmung (Referendum) zu Stande gekommenen Erlaffung des betreffenden Gesetzes eine beispiellose Verhetzung der Massen borausgegangen, wobei naturgemäß der Thierschutz nur den äußeren Vorwand gebildet hat. Dafür marschirt aber auch Sachsen nach der Versicherung des Herrn Dr. Oertel „wieder einmal an der Spitze Deutschlands und der Kultur!" Nicht minder wichtig ist es, zu konstatiren, daß sämmtliche antisemitischen Redner in sehr eingehender Weise sich mit der Frage beschäftigt haben, ob das Schächten wirklich eine Gesetzesvorschrift der Juden sei. Die Aeußerungen, die dabei gefallen sind, legen von einer durch keinerlei Sachkenntniß getrübten Objektivität Zeugniß ab; aber die Frage wird wohl gestattet sein: welches Geschrei und welche „sittliche Empörung" würden dieselben Herren anstimme», wenn etwa jüdische Abgeordnete, was, Gott sei Dank, noch nicht vorgekommen ist, Untersuchungen über religiöse Gesetze oder Bräuche a nd crer Religionsgenossenschaften anzustellen wagen würden? Was dem Einen recht ist, das muß aber dem Andern immer billig sein. Der wohlthnende Gesammteindruck der Debatte im Reichstag beruht nach unserer Meinung hauptsächlich darauf, daß sämmtliche Redner gegen den Antrag ausdrücklich keinen Zweifel darüber gelaffen haben, daß das religiöse Moment in dieser Frage für sie in elfter Reihe stehe, und daß man sich hüten müsse, ohne absolut;:s

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