Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1899)
- Date
- 1899-04-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 sprechung neu erschienener Schul- und Lehrbücher. 5. Bericht vom Delegirtentag des Verbandes der jüdischen Lehrervereine. 6. Anträge und Besprechungen. II. Tag: 7. Lehrprobe (Kollege Blach-Halberstadt.) 8. Die Ethik des Judenthums und Herbarts fünf ethische Ideen. (Kollege Dr. Spanier-Magdeburg.) 9. Berbandsthema: Welche Anforderungen sind an die jüdischen Lehrer und Lehrerbildungsanstalten zu stellen und müssen von beiden erfüllt werden? (Kollege Samuel- Bleicherode.) Für den Nachmittag des zweiten Pfingsttages ist bei schönem Wetter ein Ausflug nach dem Harz in Aussicht genommen. Sl Frankfurt a. M., 20. April. Der fünfte Jahresbericht des Vereins für jüdischeKrankenpflegerinnen bietet ein erfreuliches Bild. Dieser Verein besteht seit 5 Jahren und hat in dieser Zeit 31 Schülerinnen ausgebildet. Die Zahl der Schwestern beträgt jetzt 19. Die Pflegethätigkeit erstreckt sich sowohl auf Krankenhäuser als auch auf Privatpersonen und beschränkt sich nicht auf Juden allein. Ein Beweis für das Vertrauen, welches der Verein erworben hat, ist die Thatsache, daß auf Ersuchen des Krankenhauses der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg seit dem ersten März d. I. eine der bewährtesten Kräfte des Vereins, Clara Gordon, die Stellung einer Oberin des genannten Krankenhauses angetreten hat. Der Vorstand ist bemüht, die Erbauung eines eigenen Schwesternhauses zur Ausführung zu bringen, und hofft, bereits in kurzer Zeit in den Besitz eines geeigneten Bauplatzes zu gelangen, so daß noch in diesem Frühjahr der Grundstein des neuen Heims gelegt werden kann. Die Geldmittel find jedoch noch nicht genügend, und richtet der Vorstand an die Freunde seiner Bestrebungen deshalb die Bitte, das geplante Werk zu unterstützen. Obwohl die Zahl der Mitglieder sich auf über 900 vermehrt hat, ist dennoch ein Defizit von 2000 Mark zu verzeichnen, hauptsächlich verursacht durch häufig unentgeltlich geleistete Armenpflege und die Penstonsverpflichtungen gegenüber den Schwestern. Die Einnahmen des Vereins betrugen 19 228,25 Mark, die Ausgaben 15127 Mark. Der Penfionsfonds besitzt ein Vermögen von 30 057,34 Mark. *f. Nauheim, 21. April. Mit Beginn der Saison wird der Neubau der israelitischen Kinderheilstätte dem Betriebe übergeben. Das Gebäude verdankt seine Entstehung einer hochherzigen Stiftung der Baronin v. Rothschild in Frankfurt a. M. Das Grundstück der Anstalt umfaßt eine Fläche von ca. 7599 Quadratmetern. Die Anstalt selbst besteht aus einem stattlichen Hauptbau mit daranstoßender großer Gartenhalle und einem weitab liegenden Jsolirbau für eventuelle ansteckende Krankheiten. Das Gebäude ist mit allem hygienischen Komfort der Neuzeit aufs Eleganteste und Praktischste ausgestattet und zunächst mit 50 Betten belegt. Im Untererdgeschoß liegen die Küchen- und Vorrathsräume, im Erdgeschoß der große Speisesaal, Verwaltungszimmer, Schwefterzimmer u. s. w., im ersten Stock die Krankensäle für die Knaben mit Bade- und Waschräumen und im zweiten Stock die gleichen Räume für Mädchen, außerdem Operations- und Verbandzimmer, Arztzimmer mit Vorzimmer und dergleichen. Die Schwestern stellt der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen in Frankfurt a. M., Anstaltsarzt ist Herr Dr. Hirsch, der schon seit fünf Jahren den ärztlichen Dienst in der Kinderheilstätte versieht. a. Nürnberg. 24. April. Bei der Grundsteinlegung einer neuen katholischen Kirche, zu der auch Rabbiner Dr. Ziemlich, Justizrath Josephthal u. A. eingeladen waren, hielt der Erzbischof Dr. v. Schloß aus München eine sehr bedeutsame Rede, in der namentlich folgender Passus tiefen Eindruck auf die Versammlung machte. Der Kirchenfürst bemerkte, man spreche in unseren Tagen oft von Toleranz; ihm (dem Redner) genüge aber nicht Toleranz, der Ausdruck Toleranz leite sich von dem Worte »tolerars* ab, welches gleichbedeutend mit „ertragen" sei. Der Katholik solle aber nicht den Nichtkalholiken als ein Uebel betrachten, welches zu „ertragen" sei; er solle vielmehr auch dem Nichtkatholiken Liebe, die ja jedem Nächsten zu bezeigen sei, entgegentragen. Das sind wahrhaft goldene Worte, die allgemein verbreitet zu werden verdienen l , # Karlsruhe, 25. April. Die Anträge der Antisemiten gegen das Schächten beschäftigten in diesen Tagen unsere erste und zweite Kammer. In letzterer berichtete Abgeordneter Wittum über die Petition einer Anzahl Thierschutzvereine, die Tödtung der Schlachtthiere ohne vorhergehende Betäubung betreffend, und über die Eingabe, die der Oberrath der Israeliten gegen die Petition an das Kultusministerium gerichtet. Die Kommission beantragte mit allen gegen eine Stimme, über die Petition zur Tagesordnung überzugehen. Abgeordneter Birkenmayer (Ctr.) vertrat den Kommissionsstandpunkt, da man mit dem Verbot des Schächtens eingreife in die -religiöse Gesinnung der Israeliten. Abgeordneter Pfisterer (Antisem.) brachte den Antrag auf die Verweisung zur Kenntnißnahme ein. Er befürchte, daß das Haus allzusehr unter jüdischem Einfluß stehe. Jedenfalls seien für das Thier die Vorbereitungen zum Schächten eine große Quälerei. Abgeordneter v. Stockhorner (k.) trat für den Antrag auf Ueberweisung 4in, um der Regierung zu ermöglichen, die Verordnung über die Vorbereitung zum Schächten zu verschärfen. Abgeordneter Geck (Soz.) stimmte für den Kommisstonsantrag. Ministerialrath Dr. Glöckner erklärt Namens der Regierung, daß sie den Kommisstonsantrag aceeptire. Nach einem erst kürzlich erhobenen Gutachten bei dem Medizinalreferenten des Ministeriums bestehe kein Zweifel, daß das Schächten einen schmerzlosen Tod herbeiführe. In Bezug auf die Vorbereitung zum Schächten sei das Ministerium gerne bereit, die betreffenden Verordnungen in Erinnerung zu bringen. Abgeordneter Schüler (Ctr.) verwahrte sich gegen die Unterstellung Pfisterers, als ob das Haus unter jüdischem Einfluß stehe und erklärt, daß seine politischen Freunde dem Kommissionsantrag zustimmten. Abgeordneter Venedey (deutsche Bolkspartei) tritt für einen energischen Thierschutz ein, der gegebenen Falls auch vor rituellen Bestimmungen nicht Halt machen dürfe. Nach den Erklärungen seitens der Regierungsbank stimmte er für den Kommissionsantrag. Abgeordneter Heimburger (deutsche Bolksp.) sprach sich in gleichem Sinne aus. Abgeordneter Milkens (ntl.) vertrat gleichfalls den Kommissionsantrag. Abgeordneter Pfisterer, der Antisemit, wurde wiederholt zur Ordnung gerufen. Der Kommissionsantrag wurde sodann mit allen gegen die Stimmen der zwei Antisemiten und des konservativen Abgeordneten v. Stockhorner angenommen. Die ErsteKammer beschäftigte sich tags darauf mit der Petition um ein Verbot des Schächtens. Der mit drei gegen zwei Stimmen zu Stande gekommene Kommisstonsantrag ging auf Ueberweisung zur Kenntnißnahme, um die Regierung zu veranlassen, von einigen unparteiischen Sachkundigen Gutachten zu erheben. Der Berichterstatter Prälat Schmidt bezweifelte dabei keinen Augenblick, daß diese neuen Gutachten im gleichen Sinne ausfallen werden, wie die vom Oberrath eingezogenen. -Geh. Hofrath Rümelin führte aus, daß mit der Ueberweisung den Petenten zu viel Ehre erwiesen werde. Er halte es für richtiger, zur Tagesordnung überzugehen, da auch die Regierung die gewünschten Gutachten bereits gesehen und selbst erklärt habe, es sei darnach dargethan, daß das Schächten in keiner Weise eine Thierquälerei fei. Nachdem sich Ministerialrath Glöckner im gleichen Sinne wie in der Zweiten Kammer geäußert und erklärt hatte, die Regierung lege auch im Hinblick auf die antisemitische Bewegung Werth darauf, daß über die Petition zur Tagesordnung übergegangen würde, sprach noch Geheimrath Mayer und Geh. Kommerzienrath Diffene für Uebergang zur Tagesordnung. Der Berichterstatter zog den Kommissionsantrag zurück und beantragte Uebergang zur Tagesordnung; die Kammer beschloß einstimmig in demselben Sinne. — Die hiesige jüdische Gemeinde hat einen schmerzlichen Verlust erlitten. Am 18. d. starb im Alter von 61 Jahren Medizinalrath Dr. Albert Seligmann. Derselbe war einer der beliebtesten Aerzte der Stadt, Erster Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde und Mitglied des großherzoglichen Oberrathes. Ehre seinem Andenken! Oesterreich - Ungarn. LH Wien, 24. April. In der Gemeinderaths-Sitzung vom 21. d. Mts. stellten die Gemeinderäthe israelitischer Konfession in einer Zuschrift an den Bürgermeister fest, daß sie nie, weder im Gemeinderäthe noch außerhalb der Sitzungen desselben, sich über die katholische Kirche abfällig geäußert hätten, wie dies der Antisemit Steiner in mehreren Gemeinderathssitzungen behauptet hatte. — Vor einigen Tagen empfing der Ministerpräsident Graf Thun eine Deputation der Oesterreichisch-Israelitischen Union in Angelegenheit der Nachoder Exzesse. Der Ministerpräsident nahm auch die mündlichen Darlegungen der Deputation über die Erhebungen, welche ein Delegirter der „Union" an Ort und Stelle vorgenommen hatte, aufmerksam entgegen. Zur Frage der Haftpflicht bemerkte Graf Thun, daß dieselbe in gründliche Erwägung zu ziehen sei, und daß er sich im gegenwärtigen Stadium über dieselbe nicht äußern könne, zumal die Darstellung der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union von den offiziellen Berichten in wesentlichen