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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-28 · Heft 17 (28.4.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 17 (28.4.1899)
Date
1899-04-28
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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WWW Punkten abweiche. Die Deputation nahm auch Anlaß, auf die Hetzereien der antisemitischen Presse anläßlich des Mädchenmordes in Polna und insbesondere auf die unbeanstandet gebliebene Besudelung der Amtsehre des dortigen Bezirksrichters hinzuweisen. Der Ministerpräsident gab seinem Bedauern über die Zügellosigkeit gewisser publizistischer Organe Ausdruck und ertheilte bezüglich der Polnaer Affäre beruhigende Zusicherungen. — Das hiesige „Deutsche Bolksblatt" wurde wegen eines blutrünstigen Hetzartikels konfiszirt. — Dem Kreisgericht in Königgrätz wurden bisher 67 Personen unter dem Verdacht der Theilnahme an den Exzessen eingeliefert, u. A. auch ein Händler, der geplünderte Maaren im Werthe von 300 fl. in einem Düngerhaufen verscharrt, die Arbeiter Berka und Winter wurden zu drei- und viermonatlicher Kerkerhaft verurtheilt. — Der Maler Leopold Horowitz erhielt vom Kaiser den Auftrag, ein zweites Bild der verewigten Kaiserin zu malen, das diese im Alter von 35 Jahren etwa darstellt. — Der Abgeordnete Gregorig hat am 17. April im niederösterreichischen Landtage in Form eines Zwischenrufes wieder einen seiner ordinären „Witze" gemacht. Er lautet: „Das sind ja keine Menschen, das sind ja Juden." lEin feiner Witz!) — Aus Ostgalizien kommen erschreckende Nachrichten über die Verbreitung des Flecktyphus. In den Bezirken von Bohorodczany, Kolomea, Stanislau, Kamiamiec u. s. w. hat diese Krankheit den größten Umfang angenommen. In Galizien herrscht jetzt unter der Landbevölkerung eine Hungersnoth, und wer nur kann, entflieht, wandert aus. Die Auswanderung hat Heuer noch nie dagewesene Dimensionen angenommen. Das Elend in Galizien wird durch das Auftreten des Flecktyphus, der eine Begleiterscheinung des Hungertodes ist, in tragischer Weise illustrirt. — Der Rabbiner in Eiwanowitz Leopold Eisler erhielt die vom Kaiser gestiftete Ehren-Medaille für 40jährige treue Dienste als Seelsorger zuerkannt. — Am 22. d. Mts. wurde der im Alter von 58 Jahren verblichene Beamte des Handelsministeriums Jacob Ehrlich zur letzten Ruhestätte geleitet. Ehrlich war bei seinen Kollegen sehr beliebt; er war ein gelehrter Ehronolog, und bis knapp vor seinem Tode arbeitete er an einem größeren Werke über jüdisches Kalenderwesen, das von der Akademie der Wissenschaften in Wien herausgegeben werden wird. — Nach kurzer Krankheit ist hier Herr Berthold Rosenberg im 76. Lebensjahre verschieden. Der Verstorbene war während 42 Jahren ununterbrochen im Dienste der israelitischen Kultusgemeinde und entwickelte stets eine höchst verdienstvolle Thätigkeit. — In Göding ist Dr. Ludwig Lazarus, zn Schönberg Dr. M. E. Proßnitz zum Rabbiner gewählt worden. E. <L Wien, 16. April. Die „Gesellschaft für Sammlung und Konservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums", welche trotz ihres noch kurzen Bestandes infolge der den besten Kreisen angehörenden Mitglieder, als auch der das Kuratorium bildenden hervorragenden Persönlichkeiten unter den jüdischen Vereinen der Residenz einen besonderen Rang einzunehmen berufen ist, versendet eben ihren zweiten Jahresbericht. Ein 69 Seiten starkes Großoktavbändchen enthält: den in der Generalversammlung vom 10. Dezember 1898 zur Verlesung gelangten Bericht über die Thätigkeit im Jahre 1897, den Kassenausweis für den gleichen Zeitraum, das ziemlich umfangreiche Mitgliederverzeichniß sowie jenes der Spender und die hochwissenschaftliche Beilage: „Das Judenthum und die bildenden Künste" gehalten als Vortrag in der Gesellschaft am 3. Januar 1898 von Oberrabbiner Dr. M. Güdemann. Die wortgetreue Wiedergabe dieses Vortrages, der ebensowohl dem hochgeschätzten Oberhirten der Wiener Judenschaft als auch der sehr rührigen Gesellschaft zur Ehre gereicht, gestaltet diese neueste, allgemein das lebhafteste Interesse beanspruchende Publikation zu einer litterarischen Bereicherung von dauerndem Werthe, und sollte dieser Bericht in keinem jüdischen Hause fehlen. Das Büreau der Gesellschaft, I, Rathhausstraße 13, versendet das Bändchen und ist jederzeit bereit, Neuanmeldungen von Mitgliedern entgegen zu nehmen. Das Museum erfreut sich allenthalben großer Beliebtheit, und wachen wir zu der bevorstehenden Reisesaison unsere Glaubensgenossen hierauf aufmerksam. Ion Nah und Fern. --- In Gl ogaü hat die Strafkammer den Termin, in welchem gegen den Grafen Pückler-Klein-TschirnewegenAufreizung zum Klassenhaß verhandelt werden soll, auf den 13. Mai anberaumt. — Die einzige antisemitische Zeitung, die bisher in Schlesien bestand/das „Deutsche VolksbläMist aus Mangel an Abonnenten eingegangen. — Der Oberkantor Moritz Bachrach, seit 1883 Oberkantör in Gleiwitz, ist im Alter von 44 Jahren plötzlich gestoMen. In Frankfurt a. M.ist der bekannte Arzt Dr. Leo Lüwenthal im 48. Lebensjahre gestorben. An seinem Grabe sprachen Vertreter feines Berufes, der Loge und. der jüdischen Wohlthätigkeitsvereine, denen der Verstorbene seine Kraft gewidmet hatte. — In Pilsen wurden auf einer Bank des Stadtgartens Aufrufe gefunden mit der Aufforderung, die Juden todt zu schlagen. — Die in Brünn verstorbene Frau Johanna Rosenthal, Wittwe nach dem am 11. Februar 1893 einem Mordattentate zum Opfer gefallenen Fabrikbesitzer Herrn Max Rosenthal, hat in ihren letztwilligen Verfügungen einen Betrag von 150000 fl. zur Errichtung eines israelitischen Armenhauses gewidmet. — Das Budget der jüdischen Gemeinde Budapest ist für das Jahr 1869 mit 600 996 fl. präliminirt; hiervon entfallen auf Tempelzwecke 60 000 fl., auf Unterrichtszwecke 96 000 fl., für Spitalzwecke 112 000 fl.,-für die Armenunterstützung 50 000 fl., für andere wohlthätige Ausgaben 20 000 fl. und für das Rabbinat 50 000 fl. Bei den Einnahmen siguriren die direkten Kultusbeiträge mit 168 000 fl. Die Zinsen der in der Verwaltung der Kultusgemeinde stehenden Stiftungen stellen sich auf 45 000 fl. — Eine Verfügung des Generalgouverneurs von Kiew macht bekannt, daß es allen inländischen und ausländischen Kaufleuten jüdischer Konfession gestattet sei, während der in Kiew stattfindenden Messen (sogenannten „Kontrakten") dorthin zu kommen und unbehindert Handel zu treiben. Wie gütig! — Die russische Regierung hat den französischen Juden Dr. Nachtel eingeladen, nach St. Petersburg zu kommen, um dort in ihrem Dienste Feldlazarethe nach französischem Muster einzurichten. — Die „Köln. Ztg." hat sich dupiren lassen, indem fie die Meldung aus Petersburg brachte, daß der Generalgouverneur von Kiew gegen die dortigen Studenten, von denen „zwei Drittel Polen und Juden" seien, energisch vorgehe. Die jüdischen Studenten, die nur nach einem sehr geringen Prozentsatz ausgenommen, spielen an den russischen Universitäten, und in Kiew am allerwenigsten, eine Rolle. — Das Dreyfus-Syndikat, diese Schöpfung antisemitischer Phantasie, nimmt neue 50 Millionen Francs auf, also steht zu lesen in H. Rocheforts „Jntransigeant" vom 14. April. Der Lügner meint die — zionistische Kolonialbank! — Der frühere italienische Minister Luigi Luzzeti wurde am 15. d. M. in die französische Akademie an Stelle Gladstones ausgenommen. — Monsieur Drumont ist in Algier eingetroffen und von einer großen Menschenmenge empfangen worden. Drumont ermahnte zur Ruhe. Am Tage seiner ersten Ausfahrt wurde von den Antisemiten ein Cafe mit Steinen beworfen, alle Fensterscheiben und Tische zertrümmert. Am 23. d. M. wiederholten sich die Unruhen. Eine große Anzahl Antisemiten, die sich im Zuge zu dem Gefängniß begeben hatte, in dem Max Re gis eingesperrt ist, kam auf dem Rückwege an der Wohnung des Gouverneurs vorüber. Es kam dort zu einer Kundgebung, in deren Verlaufe Drumont, ferner der Bürgermeister von Algier, Voinot, der Redakteur der „Libre Parole", Jeandrault, und der Munizipalrath Lionne verhaftet wurden. Drumont und Voinot wurden später wieder freigelassen. Auch im Laufe des Abends wurden wieder Kundgebungen veranstaltet, gegen welche die Polizei einschritt. Ein Polizeikommissar und ein Polizist wurden dabei verwundet, 22 Verhaftungen wurden vorgenommen. Erst am späten Abend war die Ruhe wieder hergestellt.' — Frl. S. Strauß, die Nichte des amerikanischen Gesandten bei der Pforte, hat vor ihrer Abreise von Constantinopel in die amerikanische Heimath vom Sultan die Insignien des Schefkiat-Ordens 2. Klasse erhalten. — Einige hundert jüdische Familienväter aus Jemen, Ackerbauer und zum Theik Handwerker, haben sich dieser Tage an den Sultan mit der Bitte gewendet, er möge ihnen in Kleinasien Land anweisen, wo sie sich ansässig machen könnten, da sie in ihren jetzigen Wohnorten grausamen Verfolgungen und dem Hungertode ausgesetzt seien. — Für ihre Verdienste um die Bekämpfung der Pest in Bombay haben die Herren Samuel Efsagi und David Salomon hohe Auszeichnungen erhalten. Der eine wurde zum Khan Bahador, der andere zum Khan Sahib ernannt. — Der bekannte Arzt Dr. S. Watermann ist in New-Iork am 15. v. M. im 81. Lebensjahre gestorben. Derselbe war Expräfident des Ordens B. B. und Mitbegründer des Maimonides-Library. - Dr. M. I. Levi in New-Jork ist zum Sekretär der sMMichen Aerzte-PrüfuNgskommisfivn ernannt worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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