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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-28 · Heft 17 (28.4.1899) · p. Seite 204

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 17 (28.4.1899)
Date
1899-04-28
Page
Seite 204 (sequence 12)
Language
German
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204 so schlimm hat sie es wohl nicht mit mir vor." Laut sagte er: „Nur eins erlauben Sie mir noch zu bemerken. Ich stehe auf dem Standpunkt des reinen Deismus und bin als Jude, wenn auch^ vielleicht nicht im Geist der allerstrengsten Satzungen, erzogen worden. Ich kann mir Gott nicht so kleinlich denken —" Von Neuem fiel sie ihm ins Wort. „Genug, Herr Professor. Diese Weisheit habe ich gestern bereits aus erster, oder ich muß wohl sagen, aus zweiter Hand gehabt. Denn in Ihnen darf ich doch vermuthlich den intellektuellen Urheber jener Aussprüche erblickeu. Machen wir ein Ende. Sie begehren die Hand meiner Tochter Regina unter Bedingungen, denen ich meinen Segen nicht ertheilen kann. Meine Tochter indessen ist ihr eigener Herr und bedarf, um über sich zu verfügen, meiner Einwilligung nicht. So muß ich, nachdem sie mir gestern bereits erklärt hat, in dieser Sache ihren eigenen Weg gehen zu wollen, ohne auf mich zu hören, geschehen lasten, was ich nicht, zu ändern im Stande bin. Wenn ich mich nun von diesem Moment an nicht gänzlich von-ihr zurückziehe, so geschieht dies um Reginas Vater willen, in dessen Sinn ich nicht handeln würde, stieße ich sein liebstes Kind einfach aus dem Hanse und überließe es seinem weiteren Schicksal. Nein, sie wird unter meinem Dach bleiben wie bisher, ihre Hochzeit wird gefeiert werden, als vermählte sie sich ganz nach meinem Herzen. Dann aber, sowie ich sie unter Ihrem Schutz weiß, sind wir fertig fürs Leben mit einander. Parlamentiren mit meinen Ueberzeugungen thue ich nicht. Sie existirt dann nicht mehr für ihre Mutter, wie ihre Mutter nicht mehr für sie. Es sei denn, sie kehrte zurück und sähe ihr Unrecht ein. Dazu jedoch sehe ich. ehrlich gestanden, nicht viel Aussicht. Und jetzt mag sie kommen und selbst die Entscheidung hören." Ohne ihm zu einer Entgegnung Zeit zu lasten, schritt sie zur Thür: „Regina!" Wie hingeweht stand das Mädchen im nächsten Augenblick im Zimmer. Und als die Mutter sah, wie sie sich ohne Weiteres neben den Mann ihrer Wahl stellte, als sie die Beiden sich gegenüber sah, wie eng verbündete, ihr feindliche Gegner, da krampfte sich ihr Herz in so bitterem Weh zusammen, daß ihr sekundenlang die Sprache versagte. Dann aber ließ der sie ergreifende Schmerz ihre Worte noch knapper und härter klingen, als es ohnehin ihre Absicht gewesen war. „Wir sind fertig, Regina. Und das Ergebniß ist, wie Du's voraussahst. Ich frage Dich jetzt also feierlich: „Du beharrst auf Deinem gestrigen Entschluß?" „Ja, Mutter!" sagte die Tochter laut, wenn sie auch gleichzeitig bis an die.Lippen erblaßte. Steinhardt mußte im Stillen die den beiden zarten Geschöpfen innewohnende Kraft der Selbstzucht bewundern. Keine Muskel zuckte an ihnen, während die zwei Worte das Zimmer wie mit etwas Körperlichem zu erfüllen, in der eingetretenen tiefen Stille fort und fort zu tönen schienen. Die Mutter sprach zuerst: „Dann bleibt es also auch bei dem, was ich gestern gesagt habe. Einzelheiten besprechen wir ein anderes Mal." Damit wandte sich die hohe, in rauschende schwarze Seide gekleidete Gestalt, Simonette da Silva hatte seit dem Tode ihres Gatten nie wieder Farben getragen, der Thür des Nebenzimmers zu. Regina warf sich ihr in den Weg. „Mutter, Mutter, hast Du kein Wort für mich, für mein neues Leben?" Sie schob sie bei Seite, nicht unfreundlich, aber mit fester Hand. „Du hast gewählt, mein Kind. Gieb mich frei." Und sie schloß hinter sich die Thür. „Komm mit mir, Regina!" sagte der Professor leise. „Deine Mutter muß sich erst beruhigen." Im nächsten Moment lag das Zimmer verlassen. Sie hing wie gebrochen in seinen Armen. „Ach, es war schrecklich. Es ist zu furchtbar, so um sein Glück kämpfen zu müffen, sich zu der Nächsten, Liebsten in unausgleichbaren Gegensatz zu bringen." Er küßte sie innig auf die gesenkten Augen. „Weine nicht, mein Lieb. Es wird kein unausgleichbarer Gegensatz sein. Die Mutter wird nachgeben." Sie schüttelte muthlos den Kopf. „Niemals. Du kennst sie nicht." Am anderen Ende der Vordiele wurde nunmehr die gebückte Gestalt einer alten Dienerin sichtbar. „Sieh, dort ist Judith. Wenigstens einen aufrichtigen Glückwunsch will ich jetzt für uns haben. Komm her, Judith, sieh, so sieht eine Braut aus!" rief sie der Alten mit einem schwachen Versuch, zu scherzen, zu. In überströmender Freude eilte Jene herbei. „Also wirklich, Reginchen? Jst's die Mutter zufrieden?" Und als Regina nichts entgeguete, fuhr sie eilig, mit fast mütterlicher Zärtlichkeit, während sie das schweigsame Mädchen liebkoste, fort: „Nun, laß nur, Herzenskind, laß nur; gieb Acht, es wird noch alles gut. Wiflen's die Brüder schon? Nein? Nun, es ist ja augenblicklich auch keiner daheim. Ich will die Minna wenigstens zu Raphael aufs Komtor schicken." „Nein, Judith, thu'es lieber nicht!" versetzte Regina mit erstickter Stimme. „Sie erfahren es noch früh genug. Ach, so wie anderswo, wo eine Braut im Hause die ganze Familie mit Jubel erfüllt, ist es hier nicht." „Es wird noch alles gut. Reginchen!" wiederholte Judith tröstend. Dann wandte sie sich plötzlich mit dem einer wohlgeschulten langjährigen Dienerin eigenen Gemisch von Respekt und Vertraulichkeit zu dem Profeffor. „Verzeihen der Herr Professor, wenn ich mir jetzt etwas herausnehme, aber seit seinem ersten Jahr ist das Kind unter meiner Obhut und Pflege gewesen. Es ist ein sehr gutes Kind. Und entschuldigen der Herr," —sie musterte ihn, halb unschlüssig, mit einem äußerst drollig wirkenden kritischen Blick vom Kopf bis zu den Füßen, — „sie muß sehr gut gehalten werden. Man muß sie sehr lieb haben. Nichts für ungut!" Der Profestor niußte unwillkürlich lachen. „Beruhigen Sie sich, Judith," sagte er gutlaunig und klopfte der ein wenig unsicher zu ihm Aufschauenden freundlich auf die Schulter. Dann zog er seine Braut zärtlich an sich. „Sie soll es auch sehr gut bei mir haben, soweit ich etwas dazu zu thun vermag." „Na, Gottlob!" Ehe die Getreue noch mehr hinzufügen konnte, erschallte aus dem Kellergeschoß ein lautes „Judith", was die Angerufene bewog, mit dem hastigen, an die Adreffe der Beiden gerichteten bekannten hebräischen Segenswunsch „Nochmals Mastel und Broche!" hinwegzueilen. Steinhardt und Regina blickten einander an. „Die treue Seele!" sagte das Mädchen dann schmerzlich lächelnd. „So hat sich wenigstens ein Mensch hier im Hause aus vollem Herzen mit mir, für mich gefreut." „Aber, Regina, — und Deine Brüder? An sie denkst Du gar nicht? Werden sie sich nicht freuen? Oder bist Du auch in ihren Augen jetzt nur noch die Abgefallene?" „Nein, das ist es nicht. Sie denken wohl im Grunde ihrer Seele nicht viel anders als ich. Aber ihre Anschauungen haben sie bisher noch in keiner Weise mit Jemandem in Zwiespalt gebracht. Aas in solchem Fall werden würde, wie sie dann entscheiden würden, das kann ich nicht Voraussagen. Allein, um sich jetzt mit mir wahrhaft zu freuen, dafür haben sie zu sehr inmitten des ganzen Zwistes gestanden. Wollte Gott, ich könnte Judiths Optimismus theilen! Nein, das wird nicht wieder gut, Emanuel; ich weiß es. ich habe heute meine Mutter verloren. Was für ein Brautstand steht uns bevor! — Mir bangt vor den nächsten Wochen, . ." (Forts, folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion; Max Bauchwitz in Berlin.

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