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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-28 · Heft 17 (28.4.1899) · p. Seite 203

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 17 (28.4.1899)
Date
1899-04-28
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
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203 Kaiserreiches, änderte er fast in jedem Jahrzehnt seine politische Ueberzeugung. Mit der Redseligkeit des Alters plauderte er in späteren Jahren Verschiedenes über seine politischen Wandlungen aus, was für uns von Interesse ist. Ich muß mich leider auf das Nothwendigste beschränken. Den Winter 1842/43 verlebte WeiL in Berlin, und seine Beschreibung eines Hofballes im königlichen Schlosse, die mit der Versicherung schließt, daß der König von Preußen nur vier solcher Bälle zu geben brauchte, und eS würde in Berlin kein Hahn nach den Demokraten krähen, erregte großes Aussehen. Auf diesem Ball passirte ihm angeblich das Malheur, daß er dem König auf den Fuß trat. Er faßte sich aber rasch und sagte: Sire, ma töte tot ou tard, reparera le tort de mon pied.“ Der König lachte und befahl, weiter zu tanzen. Später widmete Weill dem König sein Buch: „Le livre des rois“ (1852), ohne vorher die hierzu nothwendige Erlaubniß eingeholt zu haben. Er hatte aber zwei mächtige Protektoren in Berlin, nämlich den Professor Stahl, der sich mit ihm über exegetische und theologische Fragen gern unterhielt, und den Redakteur der „Kreuzzeitung" Hermann Wagener, der seine Artikel gern aufnahm. Der König nahm also trotz seiner Kühnheit die Widmung an und schickte ihm sogar eine goldene Dose mit einem liebenswürdigen Brief, den er nach dem Krieg 1876 albern genug war, zu vernichten. Die Dose aber hat er auch nach jenem Kriege nicht zurückgeschickt. Wie Weill selbst erklärt, korrespondirte er für die „Kreuzzeitung", um den französischen Staatsstreich zu bekämpfen, nachdem er das ihm vom Kaiser angebotene Amt eines Aufsehers der ausländischen Presse mit einem Gehalt von 25 000 Francs abgelehnt hatte. Sobald aber die Kreuzzeitung die Juden angriff, trennte er sich von ihr. Man sieht, Alexander Weill war ein geistiger Nomade. Er band sein Rößlein heute an diesen Pfahl und morgen an jenen Strauch, aber das Amüsanteste bei der Geschichte ist, daß er jede Wandlung mit voller Ernsthaftigkeit und Ueberzeugungstreue durchmachte. In Paris war Weill, wie es scheint, wirklich sehr angesehen. Er verkehrte viel mit Victor Hugo, mit Balzac, mit Dumas und allen anderen geistigen Kapazitäten. Er war der intime Freund Heinrich Heines und Ludwig Börnes. Bei Heine führte er sich mit einem bekannten frivolen Räthsel, das er kühn Jbn Esra zuschreibt, zum ersten Mal ein. Heine, der für solche kleine Frivolitäten sehr empfänglich war, nahm ihn freundlich auf, und es entspann sich von da ab eine intime Beziehung, die nur von Zeit zu Zeit durch die Klatschsucht oder Wichtigthuerei Weills unterbrochen wurde. Ein Ausfluß dieser Untugenden war auch das bekannte 1883 erschienene Buch: „Souvenirs intimes de Henri kleine", in dem er neben vielen geistreichen Gedanken und schönen Erinnerungen auch eine Masse alberner und unwahrer Geschichten erzählte. Unter anderem behauptete er auch, die religiöse Wandlung Heines und seine Rückkehr zum Judenthum veranlaßt zu haben. Sicher ist jedenfalls daß der Dichter in seinen letzten Lebensjahren oft und gern mit ihm religiöse Gespräche führte. Noch lieber aber hörte er ihn singen. Alfred Meißner erzählt darüber eine hübsche Geschichte. Heine ließ sich nämlich in den letzten Jahren seines Lebens sehr oft von Weill die altjüdischen Melodien Vorsingen. Die dicke Mathilde wunderte sich aber nicht wenig, wenn sie dieses unerhörte musikalische Lamento, dieses Tremoliren und Quinqueliren zu Ohren bekam. Als Weill seine erste Melodie vortrug, verkroch sich der Pudel Minka unter dem Sopha, und Kokotte, der Papagei, wollte sich zwischen dem Käfiggitter erhängen. „Mr. Weill, Mr. Weill," rief Mathilde ängstlich, „treiben Sie doch den Spaß nicht zu weit." Weill fuhr aber auf Geheiß Heines fort, zu singen. Nun wandte sich Mathilde an ihren Gatten und fragte dringend: „Henri, sage mir doch, was sind das für Lieder?" „Es sind unsere guten deutschen Volksgesänge," erwiederte Heine, und bei dieser Aussage ist er hartnäckig verblieben. Ich komme zum Schluß, nämlich zu der Epoche der philosophischen und religiösen Wiedergeburt Weills. Eines Tages kam er auf den Gedanken, den Pentateuch wieder einmal im Urtext zu lesen. Es schien ihm nun, als hätte ihn „eine göttliche Fackel erleuchtet", als er plötzlich die Entdeckung machte, „daß durch den Pentateuch sich zwei verschiedene Religionen schlängelten, zwei religiöse Hauptsysteme, so verschieden von einander wie der Tag von der Nacht", nämlich die Religion Moses und die Esras. Dieser gewaltigen Entdeckung ividmete er nun sein ganzes ferneres Leben. Mehr als sechs Bücher hat er darüber geschrieben. Das 1. hieß Meise, le Talmud et le Evangile, das 2. La paroie nouvelle, das 3. Le nouveau Sinai, das 4. Le Pentateuque seien Mol'se et seien Esra, das 5. Vie et doetrines authentiques, de Moise seien des texles hebreux jusqu’ä ce jour completement incompris, das 0. Le Pentateuque Mosaiste. Und alle diese Bücher schrieb Weill, ohne eine Ahnung von den Resultaten deutscher Bibelkritik zu haben, deren seltsame Hypothesen er eigentlich durch seine Extravaganzen gewissermaßen lächerlich gemacht hat. Er wurde dadurch sozusagen: der Don Quixote der Bibelkritik. In diesen Schriften forderte er alle Brüder der Erde, Rabbiner, Pastoren und Muftis, zum Zweikampf heraus, und in deren Schweigen sah er die Bestätigung seiner Anschauung. Er lebte also der festen Ueberzeugung bis zu seinem Tode, daß er die rein mosaische, prinzipielle Religion von allen Jrrthümern gereinigt und wiederhergestellt habe. Sein Werk, so meinte er, werde die Thora, d. h. das Gesetzbuch, aller civilisirten, denkenden Und vernünftigen Nationen werden. Nun darf man aber nicht glauben, daß der kleine Weill übergeschnappt war. Er ist nur zeitlebens das, was ein Frankfurter Bachur schon 1825 von ihm sagte, nämlich „ein kleiner Schaute" gewesen. Wie sein ehrsamer Vetter aus der Manch« rief er noch im Sterben: „Meine Religion ist die beste der Welt und ich der unglücklichste Ritter auf Erden — aber es ziemt sich nicht, daß meine Schwäche diese Wahrheit verberge. Stoßt zu mit der Lanze, Ritter!" Und dieser Ritter war kein verkappter Barbier, sondern vielleicht ein scharfer Kritiker. Im Ernst gesprochen, war aber Alexander Weill nichtsdestoweniger ein ehrlicher und begabter Mensch; auch in seinen extremsten Ansichten steckte ein Körnchen Wahrheit und eilte Fülle von Geist. Er liebte das Judenthum, er glaubte an Freiheit, an Recht und Liebe, und er hatte den Muth, seinen Glauben immer offen zu bekennen. So ist ihm ein freundliches Andenken sicher. G. K. U ILLETON Nie Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. IV. f er Professor unterdrückte mit Mühe ein Lächeln. „O, Fräuenlogik!" dachte er, „sie oktroyirt nichts auf! Weil sie's nicht vermag. Was war's denn, was sie bis eben versucht hat? Und wenn sie jetzt könnte, wie sie wollte, wohin würde sie mich wohl von der gefeiten Schwelle ihres Hauses verbannen, die eifrige Streiterin? Ich fürchte, ihre Gefühle für mich haben eine verzweifelte Aehnlichkeit mit denen des Mönches in Heines „Disputation": „Ach, anstatt zu disputiren, lieber möcht' ich schmoren, braten auf dem wärmsten Scheiterhaufen Dich und Deine Kameraden!" Nun, ganz

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