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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-28 · Heft 17 (28.4.1899) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 17 (28.4.1899)
Date
1899-04-28
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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- 202 - ihn wegen seiner Schüchternheit und fragte ihn eines Tages plötzlich: „Ist es wahr, daß es Ihnen verboten ist, ein Christenmädchen zu lieben?" — „Gewiß," antwortete Weill. — „Nicht einmal zu küssen?^ fügte sie hinzu. — „Es wäre das eine sterbliche Sünde," sagte er ihr. — „Aber ein Judenmädchen dürfen Sie doch Wen?" — „Ja, aber blos um der Heirath willen; nach dem talmudischen Gesetz, wenn ein Mann ein Mädchen küßt oder ihr ein kleines Geschenk giebt und ihr vor zwei Zeugen sagt: Mit diesem Kuß erwerbe ich Dich als mein Weib, müssen sie sich, um getrennt zu werden, einen Scheidebrief schreiben." — „Das ist ja gar nicht übel," rief sie, stand auf, fiel ihm mit einem Sprung um den Hals und gab ihm drei lautschallende Küste auf den Mund, indem sie sagte: „Nun sind Sie dreimal verdammt und fahren in die Hölle, dort treffen Sie mich ganz gewiß, und dort tanzen und singen wir mit einander, und mein Bruder spielt uns Strauß'sche Walzer auf seiner Flöte." Aber der fromme Bachnr konnte dem gottlosen Mädchen nicht böse sein. Er fastete trotzdem drei halbe Tage, um die Küsse abzubüßen. Der ganze Vorgang hat, wenn man Weill glauben darf, einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Er eröffnete ihm eine tiefe Kluft. Auf einmal schien ihm sein ganzes Leben verfehlt und seine Frömmigkeit als „eine reine Dummheit". Nun schlug er ins andere Extrem über und wurde Atheist. Eine Plaudertasche, wie er nun einmal war und während seines ganzen Lebens geblieben ist, wagte er einigen Genoffen gegenüber atheistische Aeußerungen. Diese wurden dem Rabbiner Salonion Trier, der Weil! protegirte, hinterbracht. Aber dieser würdige Mann antwortete den Denunzianten: „Ich kenne Euch und den kleinen Weill ganz gut. Ihr redet wieWeise und handelt wie Thoren; der Weill hingegen spricht wie ein Thor, aber seine Lebensweise ist die eines klugen Jünglings." Diese Aeußerung des frommen Mannes klingt ziemlich glaubwürdig, glaubwürdiger jedenfalls als die unmittelbar darauf folgende. Weill erzählt, daß der Rabbiner in seinem Studirzimmer zu ihm selbst sagte: „Seit einiger Zeit, mein Junge, bist Du auf Unrechte Wege gerathen. Ich kenne das, das vergeht, besonders der Jrrthum. Ich gebe Dir das Diplom eines ausübenden Rabbiners, an Wiffenschaft fehlt Dir nichts, aber nur unter der Bedingung, daß Du nach dem Elsaß zurückgehst, um Dich dort zu verheirathen. Die Heirath giebt dein Manne Gewicht und Ueberlegung. Und noch eins. Du schwörst mir, daß Du Dich nie taufen lasten wirst." Ohne lange zu überlegen, anwortet Weill, daß er die zweite Bedingung leichter als die erste annehmen könnte. Seine Eltern hätten ihn am Tage seiner Barmizwah mit einem reichen, aber häßlichen Mädchen aus Hatten verlobt, die er aber nie heirathen werde; daß er jedoch niemals übertreten würde, das könnte er beschwören. Er glaube nicht an das Judenthum, wie könnte er an das Christenthum glauben. Man kann sich nun ungefähr denken, welche Szene sich hierauf abspielte. Weill gelang es jedoch, den Rabbiner zu besänftige», und er erhielt trotzdem das Diplom. Mit einem bescheidenen Fragezeichen schließen wir diese Episode seines Lebens ab. Nun legte er das Talmudstudium ganz bei Seite und ging zu den Reformern über. Dr. Michael Creiznach, der bekannte Frankfurter Pädagog, las mit ihm den Homer und den Tacitus. Mit Dr. Ludwig Schlesinger, dem bekannten Uebersetzer des Jkkarim, las er den Shakespeare, mit Anderen die göttliche Komödie von Dante, allein die Weltgeschichte von Rottek. Als er der Konskription wegen nach dem Elsaß zurückkehrte, erkannte ihn kein Mensch. Er hütete sich natürlich, den frommen Eltern die Wahrheit über seinen Seelenzustand zu sagen, allein er verrieth sich doch schon in den ersten Wochen. Auf die Nachricht hin, daß er am Sabbath die Flöte spiele, wollten sich seine Eltern „Schiwah" setzen, zum Zeichen der Trauer, als wäre er todt. Um sie zu versöhnen. predigte er einigemal in der Synagoge. Aber er ist offen genug, einzugestehen, daß die Zuhörer seinen Gesang den Predigten vorgezogen hatten. Eines Tages kam es zwischen ihm und seinem Vater zum Bruch, und er verließ die Heimath und kehrte nach Frankfurt zurück. Selbstverständlich wurde er jetzt Journalist, und zwar als Mitarbeiter des französischen Blattes „Le Journal de Frankfort“. Eines Tages brachte sogar die Didaskalia ein Gedicht von ihm. Nun saß er Tag und Nacht und schrieb große Romane und Novellen aus dem Elsaß. Einmal versuchte er es. eine Korrespondenz so zu schreiben, als käme sie aus Paris. Er legte sie seinem Freunde Theodor Creiznach. dem Sohn des oben Genaimten, vor, und dieser schickte sie an die Zeitung „Die elegante Welt". Man sieht, Weill war der geborene Journalist. Ec schrieb jetzt regelmäßig Pariser Briefe in Frankfurt. Durch diesen Versuch ermuthigt, korrespondirte er nun auch mit anderen Blättern und mit hervorragenden Schriftstellern. Er wurde mit Karl Gutzkow bekannt, der zu jener Zeit in Frankfurt lebte, und dieser führte ihn in die Litteratur des jungen Deutschland ein. Man kann sich denken, welche Verwirrung nun in seinem Kopf entstand. Er war nun nicht mehr blos Atheist, sondern geradezu Judenfeind und Republikaner. Seine politischen und religiösen Ueberzeugungen legte er in einer Broschüre nieder „Kolladi und sein Freund", eine Antwort auf alle philosophischen Lebensfragen. Ein befreundeter Buchhändler druckte sie auf Pump und hat entweder alle Exemplare verkauft oder einstampfen lassen. Nun wurde er alle 14 Tage auf die Polizei gerufen und verwarnt. Ein reicher Frankfurter Senator Köster hatte ihn lieb gewonnen und wollte aus ihm einen protestantischen Pfarrer machen, wenn er deflen Nichte hätte heirathen mögen. Diese war aber noch häßlicher als die Perle von Hatten. Weill gab also weiter Stunden und schrieb Artikel. Das Geld, das er damit verdiente, schickte er der Mutter nach Hause, die, wie es scheint, in ärmlichen Verhältnissen gelebt hat. Der Verleger des oben erwähnten französischen Journals, Durand, fesselte Weill, der ihm als eine sehr nützliche Kraft erschien, immer mehr an sein Blatt. Die Polizei aber löste diese Fesseln, indem sie ihn mit der Ausweisung bedrohte, da er eine Zeit lang selbst Redakteur eines kleinen Journals, „Die Frankfurter Iris" war und für dieses manche feuergefährliche Artikel schrieb. Nun riethen ihm die Freunde, nach Paris zu gehen. Durand wollte ihn dem Conservatoire als Tenor empfehlen. „Mit Ihrer Stimme kommen Sie überall durch," sagte er zu ihm. Als nun Durand selbst nach Paris übersiedelte, entschloß sich Weill auch zu diesem Schritt. Und als er aus der Diligence in der Rue de Montmartre abstieg, war er 26 Jahr alt und hatte 26 Francs als sein ganzes Vermögen in der Tasche. Damit schließt die erste Hälfte seines Lebens ab. Ueber seinen mehr als sechzigjährigen Aufenthalt in Paris hat Weill leider keine Memoiren geschrieben, aber vielleicht welche hinterlassen. Er selbst theilt seine Biographie folgendermaßen ein: „Mein erstes Leben war rein rabbinisch-talmudisch, mein zweites Leben war blos litterarischdeutsch, meine Auswanderung nach Paris hat dieses Leben nicht ganz unterbrochen, wenn auch zum Theil stückweise zerbröckelt. Dies dauerte bis zu der Februarrevolution, wo ich. von dem politischen und sozialen Strudel ergriffen, meine deutsche Feder gegen die si«uzösische ganz austauschte. Mein drittes Leben, nach dem nationalen Staatsstreich, ist eine rein philosophische Wiedergeburt, während der ich alle Litteratur bei Seite legte." Als Politiker hat Weill so ziemlich allen Extremen gedient. Anfangs leidenschaftlicher Republikaner, später begeisterter Sozialdemokrat, nach dem Staatsstreich ein eifriger Anhänger des zweiten

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