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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-28 · Heft 17 (28.4.1899) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 17 (28.4.1899)
Date
1899-04-28
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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- 201 - auch uns nach dieser Richtung hin Opfer, haben wir Euch doch nach dieser Seite hin der Opfer viele gebracht. Entschließt Ihr Euch zu diesem Schritte, unser Dank und der Lohn Gottes werden die Ernte Eurer hochherzigen Arbeit sein. . Alexander WM. in intereffanter Mensch, ja, man kann wohl sagen, ein Original ist gestorben. Wenn man unter Original einen Ausnahmemenschen, ein individuell geartetes Wesen, eine in sich abgeschloffene Natur versteht, so war Alexander Weill ein solches Original, und gerade deshalb wird es schwer werden, seine Biographie zu schreiben. Elsäffer von Geburt, Jude seinem Bekenntniß nach und Schriftsteller von Beruf, war Alexander Weill ein Charakter von eigenartiger Färbung, und da Charaktere von ausgesprochener Eigenart heute auch in Frankreich so selten sind wie echter Bordeaux, so konnte er zeitlebens zu keiner festen Position gelangen. Er war weder Deutscher noch Franzose, weder als Schriftsteller noch als Journalist bedeutend genug, um in dieser oder in jener Position zu einem großen Namen zu gelangen, und fast könnte ich auch sagen: er war weder Jude noch Christ; aber hier stock' ich schon, denn es wäre eine Ungerechtigkeit gegen den kleinen und hoffentlich seligen Weill. Er war in der That ein Jude, und zwar ein begeisterter, zu Zeiten sogar ein fanatischer, obwohl er gelegentlich sogar Mitarbeiter der „Kreuzzeitung" war. Wie schade, daß er selbst nicht dazu gekommen ist, sein ganzes bewegtes Leben zu beschreiben! Vielleicht hätte man in der Schilderung dieses in beständigen Extremen sich bewegenden Lebenslaufes die Erklärung für seine Originalität geflinden, denn in seinen letzten Jahren ist Weill selbst zu der Erkenntniß von den» tiefen Zwiespalt gekommen, der durch sein ganzes Leben geht. Was man sein will, muß man ganz sein. Er hat aber immer zwischen Thür und Angel gestanden, und so ist es gekommen, daß ihn weder die Deutschen noch die Franzosen ganz als den Ihrigen betrachten können. Er steht weder im Brockhaus' noch im Larouffe, und das war der Kummer seines Alters. Nichtsdestoweniger ist er volle 88 Jahre alt geworden. Er hat also sein Unglück mit Würde getragen. Am Ende war es auch gar nicht so schlimm, denn in seiner Einbildung war Weill nicht nur der größte Journalist sondern auch der größte Dichter, der in Deutschland und in Frankreich in diesem Jahrhundert gelebt hat. Das genügte ihm, und da er zudem eine brave und kluge Frau besaß und reichlich zu leben hatte, so fehlte ihm wenig zu seinem Glück. Freilich war nur die zweite Hälfte oder gar das letzte Drittel seines Lebens von solch glücklicher Resignation erfüllt. In seiner Jugend mußte er sich tüchtig plagen, aber gerade seine Jugend ist für uns von besonderem Jntereffe, und ich will es versuchen, die Geschichte seiner ckeunesse, die er selbst geschrieben, hier in Kurzem zu skizziren. Alexander Weill wurde am 10. Mai im Jahre des großen Kometen, wie er bescheiden hinzufügt, 1811 in Schirein, einem Dörflein im Elsaß, geboren. Man braucht nur eine der vielen elsässischen Geschichten von Erkmann - Chatrian gelesen zu haben, um sich das Milieu zu vergegenwärtigen, in dem Weill seine erste Jugend verlebt hat. Die Elsäffer Juden sprachen deutsch, d. h. mit elsässisch jüdischer Färbung. Seine Mutter, die Tochter eines angesehenen Rabbiners, sprach immer in biblischen, halb deutsch, halb hebräischen Sprichwörtern, dennöch hat er vor seinem 20. Jahre nie eine deutsche Grammatik kennen gelernt, und trotzdem hat er später gut deutsch geschrieben. Er war also ein begabter Knabe; in seinem 5. Jahre übersetzte er das erste Buch Mose ins Deutsche und kannte jedes Kapitel auswendig. Im 7. Jahre fing er an, Französisch zu lernen, Mid er behauptete, diese Sprache seit jenem Jahre zu studiren und dennoch ihrer nicht ganz mächtig zu sein. Dies hinderte ihn aber nicht, zu erklären, daß er in ganz Europa der einzige Schriftsteller sei;' der beide Sprachen ganz beherrsche. „Ich könnte hinzufügen: und auch das Hebräische, denn ich habe in meinem 17. Jahre nicht allein hebräische Verse gedichtet, sondern auch in hebräischer Sprache einen Traktat geschrieben, den ich selbst nicht mehr ganz verstehe." Das erklärte Weill im Jahre 1889. Als er acht Jahre alt war, las er. während er die Kühe seines Vaters auf der Gemeindeweide hütete, in deni 3. Kapitel des Buches der Könige den bekannten Traum Salomonis, in dem der junge König sich von dem Herrn ein verständiges Herz und einen reinen Geist erbat, damit er das Gute von dem Bösen unterscheiden könne. Dieser Traum erregte das Herz des jungen Knaben in ganz außerordentlicher Weise. Er erzählte ihn seiner Mutter, dem Ortsrabbiner, und Alle waren überzeugt, daß aus dem Knaben ein großer Rabbi werden würde. Am Sabbath seiner Barmizwah hielt er in der Synagoge eine Rede, halb deutsch und halb hebräisch, die eine Stunde dauerte. „Gott weiß, was ich ihnen alles sagte, ich weiß es selbst nicht mehr, sondern erinnere mich blos, daß ich ihnen versprochen, all die Pflichten eines braven Juden zu erfüllen und nie meinem Gotte untreu zu werden." Bald darauf wurde der Knabe nach Metz und später nach Nancy geschickt, um dort die Talmudschule zu besuchen. Er hatte eine wichtige Mitgabe fürs Leben erhalten, nämlich eine wunderbare Stimme, und ihr verdankte er die Mittel für seinen Unterhalt in jenen Städten. Aber der Vater war mit dieser Karriere nicht zufrieden, er hatte 7 Töchter zu versorgen und wollte deshalb aus seinem einzigen Sohn einen Vieh- und Pferdehändler machen, wie dies ja damals im Elsaß allgemein üblich war. Ein Jahr lang hielt es Weill im elterlichen Hause aus, dann lief er davon, wie er sagt, mit Hilfe seiner Mutter und des Ortsrabbiners, und zwar nach Frankfurt a. M., wo damals eine berühmte Jeschiwa bestand, an der auch elsässische Baclnuim studirten. Die zwölf Besten von ihnen erhielten ein Stipendium von 2 Thalern monatlich und Mittagstisch in verschiedenen frommen Haushaltungen. Weill, obwohl der jüngste von diesen Elsäffern, war schon nach 6 Monaten der erste Freischüler. Dank seiner schönen Tenorstimme wurde er im 18. Jahre Vorbeter und Baal Koreh in der Hospitalsynagoge, aber er übte diese letztere Funktion keineswegs gedankenlos aus. Gerade in jener Zeit entstand in seinem Geist ein fürchterlicher gottloser Kampf, der ihm allen Schlaf raubte und ihn wirklich unglücklich machte. Während er gcwiffe Stellen laut vorlas, tauchten in seinem Gedächtniß andere Stellen oft desselben Wortlautes auf, die schnurstracks zu den ersten in Widerspruch waren oder schienen. Er führt selbst einige dieser Stellen an und schließt mit der Frage:?,Jst das nicht für einen orthodoxen Juden geeignet, ihn wahnsinnig zu machen?" Mehr als ein Jahr lang kämpfte er gegen diese Klüfte und Abgründe, dann verlor er allen Glauben, und am Ende faßte er den Entschluß, dem Rabbinerberuf zu entsagen. Exzentrisch, wie er war, trieb er jede Idee in seiner Jugend wie im Alter aufs Aeußerste. Der Sohn seiner Wirthin und Wäscherin spielte die Flöte, er unterrichtete Weill in dieser Künste lind dieser gab ihm Unterricht im Französischen. Dabei lernte er auch die Schwester des Knaben, ein lustiges Mädchen, das im Opernballet tanzte, kennen und gab auch ihr Unterricht im Französischen. Sie neckte

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