Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1899)
- Date
- 1899-04-28
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
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- 200 - v in Gegner des Chauvinismus und der Unverantwortlichkeit, welcher Macht es auch sein mag, verwandelten, sie besitzen keine größeren Mittel als jene Gruppen, gegen die sie kämpfen. Und die Chauvinisten haben sehr geschickt die Position an der Seite der Antisemiten eingenommen. Als einige Militärchefs verschiedener Unregelmäßigkeiten beschuldigt waren, stellten sie sich in der Pose, die an die Marschälle Napoleons I. erinnerte, und riefen aus: „Die Armee, das sind wir!" Wiewohl die Rede von ihnen und nicht von der Armee war, so schloffen sich die Chauvinisten diesem Ruf laut an, daß das ganze Volk erzitterte, und der Effekt war erreicht. Die Dreyfus'sche Epopöe beweist deutlich, wie gefährlich es ist, die Basis einer Jahrhunderte alten Civilisation unter dem Vorwand anzutasten, als ob es zum Nutzen des Staates geschähe (raison d’^tat), und den Nationalisten der neuesten Formation und unechten Patrioten verschiedener Benennungen zu folgen, die ihre falsche Liebe zum Vaterlande durch die Verfolgung der andersglaubenden Elemente ausdrücken, die Haß und Zwietracht säen und die im Lande Unzufriedenheit gegen die bestehende Ordnung Hervorrufen. Die Ferienkolonien nnd die Kinder der kleinen Städte. Von Lehrer S. Jacobfohn in Labischin. fie Ferienkolonie ist unzweifelhaft eine segensreiche Einrichtung. Man ist zu der klaren Erkeuntniß gelangt, daß die Existenz der Ferienkolonie ein wahres Bedürfniß ist. Es ist daher auch an ihrer Erweiterung und an der Verbefferung ihrer Einrichtungen viel gearbeitet worden. Wie viele arme Kinder, die in ihrer körperlichen Entwickelung mangels der häuslichen Pflege und Bequemlichkeit zurückgeblieben sind, haben da nicht ihr Heil gefunden und ihre Gesundheit wieder hergestellt? Die Nachwelt wird dem Urheber dieser WohltW ein unsterbliches Denkmal setzen. Gewiß, jedes menschenfreundliche Herz war gern bereit, sei es in Spenden, sei es in anderer zweckdienlicher Weise, dieser guten Sache ein Opfer zu bringen. Nur möchte man sich fragen: Welche Kinder und welche Orte sind zu berücksichtigen? Die Lösung dieser Aufgabe ist leider nicht ganz ohne Fehler und nicht ohne Hintansetzung von Verhältniffen, die dieser von echter Subjektivität ausgegangenen Einrichtung fern stehen, erfolgt. Nicht ohne Fehler schon deswegen, weil man, indeni man nur Kinder armer Familien der Großstadt im Auge hatte und noch hat, die Kinder der mittleren und kleineren Städte dagegen hierbei gar nicht in Betracht zieht. Es erweckt dies den Anschein, als ob dieselben Riesennaturen seien und in der frischen freien Luft alles das finden, was den großstädtischen Kindern durch die Erholungsreisen ersetzt wird. Wenn ich auch auf der einen Seite zugeben muß, daß gute Luft der Gesundheit zuträglich ist, so muß ich auf der anderen Seite entschieden in Abrede stellen, daß das allein der integrirende Theil des Zweckes der Erholungsreisen ist: es gehört vielmehr dazu auch gute Pflege u. s. w., denn „Salz und Brod macht Wangen roth". Danach würde die Folgerung der Großstädter ungefähr so lauten: Gepflegt können die schwächlichen Kinder in der großen Stadt auch werden; folglich ist es nur die Luft, die den Menschen kräftigt. Nicht so, liebe Freunde! Unsere Kinder hier in der kleinen Stadt haben ja gute, frische Luft. Und woher kommt eS nun, daß ein großer Theil derselben — in meiner Schule allein ca. 15 Kinder — sehr elend ausfieht, bleichsüchtig ist und an der Migräne leidet? Worin ist hierfür der Grund zu suchen? Ich weiß es nicht, denn ich bin kein Mediziner. An irgend etwas muß es doch liegen! Ist wohl dort, von wo so viele Anregungen zu philanthropischen Zwecken ausgegangen, Jemandem eingefallen, über unsere Kinder und unsere Verhältnisse nachzudenken? Hat man sich da gesagt, man müffe die kleinen Städte für die gute Sache im Jntereffe der schwächlichen Kinder unbemittelter Familien ihrer Gemeinden zu gewinnen suchen? Schwer wäre es freilich nicht geworden. Sieht nian es doch daraus, daß unsere guten Kleinstädter zur Zeit, da das Versandgeschäft in Großstädten losgeht, sich auf diesbezügliche Anfrage sofort bereit erklären, eine stattliche Zahl von Ferienkolonisten in Pflege zu nehmen. Dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, dem Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens u. s. w. sind sie ohne Zögern beigetreten. Die Frage: Warum ist nicht die Aufforderung an kleine Gemeinden ergangen, im Jntereffe ihrer schwächlichen, unbemittelten Jugend den: Verein für Ferienkolonien beizutreten? bleibt für mich offen. Ist doch ärztlicherseits einigen unbemittelten Kindern hiesiger Gemeinde angeordnet worden, irgend ein Soolbad zu ihrer Stärkung aufzusuchen. Dieselben waren, da ihre Eltern unbemittelt sind, auf die Hilfe Anderer angewiesen. Allein sie wurden überall, wo man anklopfte, mit leeren Ausreden abgewiesen, die Schwierigkeit, die man ihnen in anderer Hinsicht bereitete, gar nicht gerechnet. Fordert man von den Kleinstädtern Opfer für schwächliche, unbemittelte Kinder der Großstadt, so ist es nicht mehr als recht und billig, wenn wir verlangen, daß man unserer Jugend, die schwach ist und der Erholung auch bedarf, auch eine kleine Aufmerksamkeit von Seiten der Großstadt zuwendet. Wird man fragen: Warum wendet man sich nicht an die richtige Adreffe mit Anträgen oder Vorschlägen, damit Remedur geschaffen werde? so antworte ich einfach: Es müßte 1. Sache derjenigen Stelle, von der der Antrieb zu so vielen edlen Institutionen ausgeht, sein, auch hierzu die kleinen Gemeinden zu animiren, und 2. müßte ein Komitee gebildet werden, das die Aufgabe hat, auch für diese gute Sache zu wirken und anzuregen. Die Kosten hierfür dürften auf eine einfache, nicht allzu schwere Weise zu beschaffen sein. Bedenke man die Lage der Kleinstädter, erwäge man auf der anderen Seite das Leben in der Großstadt mit seinen Abwechselungen, Zerstreuungen, die ihren Kindern geboten werden, — ich habe, als ich vor Kurzem in Posen war und den zoologischen Garten besuchte, auf dem Gange dorthin die Wahrnehmung gemacht, daß alles aufgeboten wird, um den Kindern, sei es auf freien Plätzen, sei es in Gärten, ja selbst im zoologischen Garten, durch vorzügliche Gerüste, Schaukeln rc. mannigfaltige Zerstreuungen zu bereiten, — man muß staunen. Ich, als Lehrer in einer kleinen Stadt und Familienvater, fragte mich unwillkürlich: Was für Zerstreuungen haben unsere Kinder außer der . . . frischen Luft? Man sieht, daß die Kinder der Großstadt wirklich leben, während unsere Kinder nur vegetiren, wenn ich mich so ausdrücken darf. Unsere armen Wesen sind nicht allein des Glückes, in der großen Stadt zu leben, nicht theilhaftig, sondern sie müffen vieler Vergnügen, die die Großstadt wegen der Jugend veranstaltet, entrathen. Und wie ist man zudem für das leibliche Wohl der Kinder bedacht, abgesehen von der geistigen Speise, die man ihnen darreicht, die aber unsere Kinder entbehren 'müffen? Freunde der Jugend, schließt auch die Kinder der Kleinstadt in Euer Herz, Ihr, auf die sich die Blicke der Kleinstädter richten, werdet nicht auf Schwierigkeiten stoßen, wenn Ihr die Kleinstädter auffordern werdet, Eure Bestrebungen zu unterstützen, damit sich die Wohlthat der Ferienkolonien auch auf unsere Kinder erstrecke. Bringt