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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-28 · Heft 17 (28.4.1899) · p. Seite 199

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 17 (28.4.1899)
Date
1899-04-28
Page
Seite 199 (sequence 7)
Language
German
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WWWW 199 eines Juden die Vorstellung deS Betruges, des Verrathes zusammenzubringen, um die Volksleidenschasten zu erregen. Mit einem Male entstand die Fabel von dem „deutsch-jüdischen Syndikat", welches bestrebt ist, den Verurtheilten mittelst kolossaler Bestechungen zu befreien, von der Konspiration der „Dreyfusards", von der Versendung bedeutender Summen über Frankreichs Grenzen, um die Syndikatskasse zu vergrößern, und schließlich von der Bestechung von Dreysus- Anhängern — diesmal in Gemeinschaft der Engländer, ja sogar von ganz Europa. Inmitten der französischen Gesellschaft fanden sich Hunderttausende von Menschen, die dieser Fabel Glauben schenkten. Es ist bekannt, welche wichtige Rolle diese Legende von dem Syndikat bei den letzten Wahlen zur Deputirtenkammer, die im Mai vorigen Jahres stattfande», spielte. So z. B. hat der jetzige Justizminister Lebret seinen Aufruf an die Wähler, als er genöthigt wurde, Erklärungen über die Fälschungen zu geben, die dazu beitrugen, Dreyfus zu verurtheilen, mit folgenden Worten geschloffen: „Je reprouve hautement la Campagne infame menee en faveur du traitre par un Syndikat de sans-patrie. Vive l’armee, vive Ja republique!“ Die Pariser Presse, mit wenigen Ausnahmen, hat sich in dieser Affäre unter aller Kritik benommen. Unter den vielen Antisemiten, die sich in der Preffe als Gegner der „Revision" hervorthaten, sind auch Juden zu finden, So z. B.: Elissen, der Administrator der Zeitung „Petit Journal", Arthur Meyer, der Redakteur des „Gaulois", Pollonais, Redakteur des „Soir" und Klotz, Redakteur des „Voltaire", der zu gleicher Zeit Deputirter ist. Von den Obenerwähnten verdient Arthur Meyer besonders bemerkt zu werden. Seine Karriere ist wahrlich eine beneidenswerthe! Er begann mit der bescheidenen Stellung eines Bedienten in verschiedenen Vergnügungslokalen, und als er als wohlbestalteter „Privatsekretär" einer bekannten Löwin der Halbwelt sich befand, knüpfte er Verbindungen mit den Größen dieser Erde an, namentlich in den Salons von Ministern, Börsianern und Sportsmännern, hat dieser Jude es verstanden, seiner Zeitung eine solche Richtung zu geben, wurde er der Dolmetsch der Blüthe der Pariser Aristokratie, die Stütze des Generalstabes und der Liebling der katholischen Geistlichkeit. In der „Affäre" Dreyfus können die Pariser Blätter wie folgt eingetheilt werden. Für Dreyfus: der „Siecle" unter der Redaktion von Aves Guyot; „Droits de I'homme", von der Familie Dreyfus begründet; „Aurore", bei der Clemenceau und Urbaine Gohier als Mitarbeiter figuriren; „Petite Republique" mit James, dem gewesenen Universitätsprofeffor, an der Spitze, der ein sehr fähiger sozialistischer Redner ist; „Radical"; „Journal du peuple" von Sebastien Faure redigirt; „XIX. Siecle", „Rappel", „Grande Bataille", „Cloche" unter Redaktion des Senators Waldeck-Rousseau und „Signal". — Wir muffen noch besonders hervorheben, daß zu den überzeugten Anhängern die französischen Protestanten gehören. Das sind Geschäftsleute, ernste, korrekte, aber wichtigthuende und langweilige Menschen. Ihnen fehlt namentlich der leichte Konversationston, dieser skeptische Spaß des Gedankens, der uns so sehr in Gesellschaft der Franzosen beider Geschlechter gefällt. Gegen Dreyfus wirken folgende Zeitungen: „Libre Parole" von Drumont; „La France juive"; Jntransigeant" von Rochefort; „Journal", „Patrie", Petit Journal", „Echo de Paris", „Gaulois", „Soir", „Eclair". Die Zeitungen unparteiischer Richtung, die aber günstig für Dreyfus gestimmt sind, sind folgende: „Petit Parisien", „Petit Journal", „Figaro", „Temps", „Debüts", „Matin", „Autorits", „Liberls", „Courier du soir". Außer diesen giebt es folgende Zeitungen mit ausgesprochen antisemitischer Tendenz: „Anti-Juif de Paris",! »Expreß Algerien", „Nouvel Anti-Juif Algerien" und mehrere andere. Wäre nicht dieser Zeitungslärm — dann freilich hätte der Dreyfus-Skandal nicht die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich gezogen. Um aber Gerechtigkeit widerfahren zu laffen, muß man gestehen, daß in Anbetracht der moralischen Ohnmacht der französischen Regierungsmänner, die sowohl dem Civil als der Armee angehören, ohne diesen Lärm alles in Dunkel gehüllt wäre. Und wenn am Ende dennoch die Wahrheit siegen wird, — was aber der Schreiber dieser Zeilen ungemein bezweifelt, — so muß man dies eben dem Einfluffe der großen Oefsentlichkeit zuschreiben und außerdem der aufopfernden Thätigkeit einiger Privatpersonen, die sich entschloffen haben, gegen den Strom zu schwimmen, aber durchaus nicht den Fonds der „jüdischen Plutokratie" zu Liebe. Die reichen Juden verhalten sich zur Affäre Dreyfus entweder feindlich oder neutral, da sie sich mehr um den Stand ihrer Kapitalien und der bestehenden Ordnung kümmern. Die mittleren und kleinen Juden sind selbstverständlich für Dreyfus. Und dies ist ja ganz verständlich. Es lohnt sich, an die bekannte Stelle aus Shakespeares „Kaufmann von Venedig" zu erinnern, wo Shylock seinem Rachegesühl so natürlichen Ausdruck giebt. Da die Antisemiten zeterten, daß Dreyfus Recht geschieht, weil er ein Jude ist. daß man seine Frau in seiner Verbannung nicht zu ihm laffen solle, — etwas Aehnliches geschieht nirgends in der Welt, — weil sie eine Jüdin sei (Drumont), daß man die französischen Frauen, die in jüdischen Magazinen kaufen, mit Ruthen peitschen solle (Anti-Juif Algerien), da in jedem Moment gehetzt wurde, so versteht sich von selbst, daß solche Gefühle daraus erwuchsen. Wer von den sogenannten Dreyfusards — die Journalisten dieser Richtung sowohl wie der entgegensetzten bei Seite lassend — hat davon Nutzen gezogen? Zola verlor sein Vaterland und seine Popularität. Der Rechtsanwalt Labor! verlor einen bedeutenden Theil seiner Klientel, ohne von Zola etwas empfangen zu haben, da er auf sein Honorar verzichtete; der berühmte Romancier aber, der nicht besonders gern Geld aus seiner Tasche nimmt, dem edlen Anerbieten seines Vertheidigers und Freundes sich nicht widersetzte... Der Senator Scheurer-Kestner wurde nicht wieder zum Vizepräsidenten des Senats gewählt, wiewohl er als ein Mann durch seine hingebende Thätigkeit in Mülhausen zu Gunsten der Arbeiter bekannt ist und außerdem ein bedeutendes Vermögen besitzt. Trarieux, der frühere Justizminister, ist ganz verdrängt worden und wird schwerlich bei den nächsten Wahlen als Senator wiedergewählt werden. Clemenceau, James, Reinach sind nicht mehr als Deputirte gewühlt worden. Den Oberstaatsanwalt des Kassationsgerichts, Manau, kann man natürlich nicht zu den Dreyfusards zählen. Er erfüllt blos streng und unparteiisch seine Amtspflichten. Dem Typus von Menschen angehörend, die man bei uns die Generation der vierziger Jahre genannt hat, ist er rein wie Krystall in seinen liberalen Ueberzeugungen, mit einer feurigen Jünglingsseele, obwohl er bereits das 70. Lebensjahr überschritten hat. Nach dem Staatsstreich vom 2. Dezember hat ihn Napoleon JII. in einem Gefängn iß verwahrt, und während der ganzen Zeit des Kaiserreiches sehnte er sich nach der Republik, als einem idealen Zustand. Und dennoch, mit welchen Beschimpfungen wird er in dieser Republik überschüttet, ebenso gut wie die übrigen Mitglieder des Richterstandes, die Akademiker, Schriftsteller und Gelehrten! Alle sind jetzt in Frankreich vor den Straßenbeschimpfungen gleich. Wo sind die Zeichen des Syndikates sichtbar? fragen wir. Freilich, man kann keine Zeitungen herausgeben, keine Proklamationen versenden, keine Medaillen prägen, keine Säle sür Versammlungen miethen ohne Geld. Aber alle Parteien geben zu diesem Zweck Geld aus! Und die Anhänger der Revision, die sich 1 I ■ \i

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