Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1899)
- Date
- 1899-04-28
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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.i- > mjk "i 198 besitzt, seine Härte und Grausamkeit fühlen zu lassen. Die sötben ausgesprochene Meinung bezieht sich auf alle Völker, unter anderen auf uns sowohl wie auf die Franzosen. Und auch in unserer Gesellschaft giedt es Anzeichen des Rückschrittes, sowohl des geistigen als moralischen, im Verhältnis; zu den vorgehenden, besseren Epochen unseres historischen Lebens, wie z. B. in den sechziger Jahren. Dastelbe gilt auch von den Franzosen. Was aber die „Affäre" anbetrifft, die sie so sehr bewegt, und die zu gleicher Zeit die ganze gebildete Welt in Athem hält, so scheint es uns nothwendig, wieder darauf zurückzukommen und dieselbe zu besprechen, bis man offiziell den Schlüssel des Räthsels gefunden, bis man das Endresultat verkündet hat: Wer ist schuld — der Verurtheilte oder die Richter? Und wenn wir über die „Affäre" sprechen, so geschieht es nicht daruin, um einen Ausgang aus dem Labyrinth zu finden, den die Umstünde bieten. Lasten wir diese Umstände gänzlich bei Seite. Uns beschäftigt sozusagen die soziale Psychologie dieses Falles und besonders die Frage, welche innere Krankheit diese Wunde an dem Körper Frankreichs hervorgerufen, wie diese „Affäre" mit ihrer ganzen Tragikomödie entstanden ist. Wo ist die Wurzel all dieses Aufruhrs? Wie konnten in diesem Lande, hundert Jahre nach der feierliche» Erklärung der Rechte des Menschen und Bürgers, Gedanken und Gefühle zum Vorschein kommen, die die Erinnerung an die Zeiten der Bartholomäusnacht ins Gedächtniß rufen? Die französischen Schriftsteller erklärten nicht selten, daß ihr Vaterland eine Art von Sonne ist, die die ganze Welt erleuchtet, daß Paris die Spitze der menschlichen Civilisation ist, der Gipfel der Weltanschauung und dergleichen mehr. Wie viele hohle Phrasen, wie viele hochtrabende Worte, wie viel Tinte ist da vergeudet wowen! Und wahrlich, man muß anerkennen, daß Frankreich während einer langen Periode seiner Geschichte ein progressives Element in der Welt war, daß sein Einfluß auf Seite der Bildung, der Freiheit und der Duldung stand. Geschieht dastelbe auch jetzt? Blieb Frankreich auf der früheren Höhe? Merkt man nicht ein bedeutendes Sinken seit der Zeit, da es vom Wunsche erfüllt ist, — wiewohl in WirklHkeit blos in platonischer Weise, — für die verdiente Niederlage von 1870—71 sich zu rächen, die eine nothwendige Folge der unfähigen und ausschweifenden Regierung Napoleons III. war, um wieder den hohen Rang unter den kriegführenden Mächten einzunehme»? Verschiedene Arten von Chauvinisten, Nationalisten, falschen Patrioten, Antisemiten, sind an die Oberfläche gekommen und verleugneten zu gleicher Zeit ihre berühmte ideale Vergangenheit. In der That, was nehmen wir in der gegenwärtigen Epoche wahr? Statt eines unbestimmten, aber sympathischen kosmopolitischen Liberalismus, mit dem die französischen Denker glänzten, hört man Beschimpfungen auf die Fremden, verschiedenartige Verdächtigungen gegen dieselben und den Ruf zu ihrer Verjagung und sogar zur Ausrottung der Juden. Anstatt der Georges Sand, die eine neue Zeit des Fortschrittes für die ganze Menschheit, welche damals von Frankreich geführt wurde, prophezeite, erscheint jetzt Frau Gyp, gleich einem Leitstern, diese unerwünschte Vertheidigerin der Armen! Anstatt Michelet mit seinem philosophischen Optimismus, der Frankreich als den Wächter schilderte, der da auf die Warte der Zeit gestellt ist, die westliche Civilisation vor dem Eindringen der nordischen Barbaren zu behüten, kommen Patrioten in der Form von Deroulede, Drumont, Rochefort und dergleichen zum Vorschein. Statt des Herrn Lamertins .Marsellaise de la paix“, wo gesungen wird: „L’egoisane et la Imine ont seuls une patrie, la fraternite n’a pas!-‘ ertönt ein neues Lied, ein Lied des Raffenhasses „L’autijuil“ betitelt. (Wir scherzen durchaus nicht. Dieses Lied wird jetzt nach der Volkshymne, der .Marseillaise", gesungen.) Als die Franzosen in ihrer Eigenschaft von „Ellies" zu uns kamen, glaubten viele russische Idealisten, daß sie mit der Olivenpalme zu uns gekommen sind, die Gefühle der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in ihrer Brust tragend. Diese Leute ereiferten sich ungeinein. In ihrer Gutmüthigkeit und Naivetät haben sie die politische Seite der Frage nicht erfaßt und waren bereit, selbst Deroulede und Rochefort zu umarmen und die Damen Adam und Gyp an ihr Herz zu drücken. Sie begriffen nicht, daß die Franzosen wirklich sehr froh waren, sich mit uns zu verbinden, sogar mit unserem Volke den Chor der modernen Volkshymne des „l’Antijuif“ anzustimmen, wenn wir uns nur dazu herbeiließen, sie in ihren chauvinistischen Gefühlen zu befriedigen, ihrem Verlangen Dasjenige zurückzuerstatten, was ihnen für ewig verloren gegangen ist. (Revendicetions et esperaaees.) Und jetzt, da eine kleine Enttäuschung darüber entstanden, vernimmt man eine gewiffe Verstimmung, und sieht man sie über uns grollen. Einer der Faktoren dieser bemerkbaren Verwilderung, die man gegenwärtig in Frankreich gewahrt, ist unzweifelhaft dem Siege der Demokratie zuzuschreiben, d. h. der Beherrschung der großen Majorität der Bevölkerung, welche, wie es überall der Fall ist, aus Unwiffenden und dem Proletariat besteht, und dazu noch mit dem Rechte der allgemeinen Stimmenabgabe bewaffnet, die Napoleon III. zu seinem persönlichen Zweck ins Leben rief, mit dem er aber in der Praxis sehr kühn manipulirte. Nur im Bunde mit dem Pöbel und von den Führern abhängig, konnte der Dreyfus-Skandal solche Dimensionen annehmen, der die ganze Welt in Erstaunen setzte. Die antisemitische Kampagne, die einige Jahre hindurch von allerlei Gesindel geführt wird, war es, die Skandal verbreitete. Der Antisemitismus ist nichts anderes als eine sozialistische Agitation, und zwar eine der schädlichsten Formen der Agitation. Das ist nicht das Bestreben, Mittel zur Verbefferung der Lage des schwer leidenden Arbeiterstandes zu finden, den Vertretern desselben einen gerechten Theil von den Reichthümern zu geben, die durch ihre Kraft gesammelt werden. Nein, das ist die Aufreizung zum Haß und zum Neide der Armen gegen die besitzenden Klaffen, der wenig Besitzenden gegen dse Reichen. Und dies alles ist durch eine erlogene Sympathie und dem Wunsche verhüllt, die Armen und Elenden vor den Blutsaugern zu schützen. Dort, wo die Polizei Jedweden ani Kragen faffen würde, der gewagt hätte, den Ruf ertönen zu kaffen: „Nieder mit den Besitzenden!" Nieder mit den Kapitalisten!" kann man mit edler Dreistigkeit rufen: „Nieder mit den JudenI" und dabei kann man noch für einen ganz anständigen Menschen gelten. Sogar einige Leute, die Vermögen besitzen, sind bereit, dieser Art Sozialismus zu huldigen.. So z. B. waren auch einige Gutsbesitzer — indem sie den raschen Niedergang ihrer Einkünfte und ihres Einfluffes sahen und zugleich die wachsende Macht des Kapitals merkten — bereit, ihren Zorn und ihre Flüche auf das Judenthum auszuschütten. Mit diesen Gutsbesitzern zugleich gehen Hand in Hand verschiedene Händler, sogar litterarische, die ihre Konkurrenten zu verdrängen suchen. . . Mit einem Wort, der Jude ist jenes Gespenst, mit welchem man Jeden schreckt, der die Machtdes Geldes beneidet, und mit dem man den schlummernden Fanatismus und Raflenhaß aufreizen kann. Sobald es in Paris bekannt wurde, daß die Frage der Anerkennung der Verurtheilung ein Justizirrthum sei, dessen Opfer ein jüdischer Offizier war, der vom Kriegsgericht wegen Landesverraths verurtheilt wurde, wobei die wesentlichsten Formen des Prozesses verletzt wurden, so verstanden die Antisemiten und Chauvinisten sogleich, wie sie zu handeln haben. Für den Juden soll es keine Gerechtigkeit geben, und es ist nichts leichter, als mit dem Namen