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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-28 · Heft 17 (28.4.1899) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 17 (28.4.1899)
Date
1899-04-28
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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pppepp^ - 19h Präs. Graf Ballestrem: Auf die letzte Bemerkung erkläre ich, daß es stch jetzt um die erste Lesung handelt. Abg. Dr. Höffel (Reichsp.): Grausamkeiten kommen bei allen Schlachtmethoden vor, und sie können durch Polizeibestimmungen beseitigt werden. Aber gegen den Antrag, soweit er Jahrtausende alte religiöse Uebungen beseitigen will, muß ich mich umsomehr erklären, als gegen diese Methode des Schlachtens eigentlich nichts einzuwenden ist; auch das Ausland hat sich auf diesen Standpunkt gestellt. Das Beste wäre, wenn man eine sichere Methode hätte, zunächst das Gehirn zu zertrümmern, ohne daß Schmerzen vorhergehen — aber solche Methode giebt es eben nicht. Die Schlachtmethoden sind gewiß der Verbesserung fähig und bedürftig, aber gerade beim Schächten konnte man das einzige, was man ihm vorwirft, die Vorbereitung, verkürzen, und unter diesen Umständen bietet sich kein Anlaß, das Schächten zu verbieten. Ich bitte Sie also nicht nur in meinem, sondern auch im Namen meiner Parteigenossen, den Antrag abzulehnen. Abg. v. Tiedemann (Reichsp.): Nur ein paar Bemerkungen aus persönlicher Erfahrung! Ich habe in Schleswig-Holstein in amtlicher Eigenschaft vielfach Schlachtungen beigewohnt. Ein Ochse, der durch verschiedene Beilhiebe nicht betäubt werden konnte, lief einmal auf die Straße und verübte dort allerlei Unfug. (Heiterkeit ) Wenn dagegen das Schächten durch einen geschickten Schächter vorgenommen wird, so ist es meines Erachtens die am wenigsten grausame Methode der Tödtung. Als Chef der Landespolizeibehörde habe ich eine Anzahl Gutachten eingeholt, aus denen dieselbe Ansicht hervorging. Ich stehe vollkommen auf dem Standpunkt des Abg. Dr. Lieber; wir sollen uns hüten, ohne zwingende Nothwendigkeit in die religiösen Gewohnheiten der Juden einzugreifen. In Deutschland muß Jeder nach seiner Faeon speisen können. (Beifall.) Abg. Dr. Oertel-Sachsen (kons.): Herr Dr. Lieber hat mit seiner Aeußerung, daß man nicht in die rituellen Vorschriften der Juden eingreifen dürfe, wenn er sie allgemein gemeint hat, der sächsischen Regierung einen schweren Vorwurf gemacht, den sie gewiß leichten Herzens ertragen wird. Herr Hofmann, ein politisch Herrn Rickert nahestehendes Mitglied des Hauses, bekämpft das Schächten. Herr Rickert sprach uns die Befähigung ab. Ich würde zunächst von den Berliner Sonntagsjägern den Befähigungsnachweis verlangen. (Heiterkeit.) Die Angriffe gegen den früheren sächsischen Minister von Nostiz-Wallwitz und die übrigen Vertreter der sächsischen Regierung sind ganz wirkungslos. Wir in Sachsen sind nicht in der unangenehmen Lage mancher Herren außerhalb dieses Hauses, die weder etwas vergessen noch etwas lernen können und daher der geistigen Versteinerung anheimfallen. (Beifall rechts und Heiterkeit.) Ich nehme der Frage gegenüber einen ganz vorurtheilslosen Standpunkt ein, der Antisemitismus kommt hier für mich gar nicht in Frage. Auf die Gutachten verlasse ich mich sehr wenig. Ich habe in Sachsen in der betreffenden Bewegung gestanden. Das Schächten und seine Vorbereitungen haben in der Regel auf mich den Eindruck gemacht, daß die Thiere eine unerträgliche Oual empfinden müssen, trotz der feinsten modernen Maschinen, die dabei angewendet werden. Der Gesetzentwurf ist eine Forderung der Menschlichkeit, und in Sachsen wird die betr. Verfügung nach wie vor in Kraft bleiben, und Sachsen wird damit wieder an der Spitze Deutschlands marschiren. (Heiterkeit.) Man hat die Verlegung der Leipziger Messe nach Berlin versucht, und ein Berliner Stadtvater wunderte nach Leipzig, um diese Verlegung in Szene zu setzen. Aber die Sache ist ohne Erfolg gewesen, und unsere israelitischen Mitbürger sind nach wie vor mehr oder weniger gern gesehene Gäste in Leipzig und verzehren dort das antisemitische Fleisch mit gutem Appetit und Gesundheit. Unsere jüdischen Mitbürger befinden sich in Sachsen so wohl, daß von einer Abnahme der jüdischen Bevölkerung dort nichts zu merken ist. (Heiterkeit.) Es giebt viele sehr gläubige Israeliten, die ruhig nicht gefchächtetes Fleisch verzehren, ohne damit ihre Grundsätze zu verletzen zu glauben. Es hat etwas tief Beschämendes für mich gehabt, ja es hat verletzend auf mich gewirkt, daß ein evangelischer Pfarrer das Schächten mit der christlichen Taufe in Parallele gestellt hat. (Rufe: Pfui!) Daß das ein christlicher Pfarrer thun konnte, thut mir in der Seele leid. Nur aus Humanitätsrücksichten trete ich und eine große Anzahl meiner Freunde für den eingebrachten Gesetzentwurf ein. (Lebhafter Beifall rechts.) Abg. Schräder (Freis. Bgg.): Die Antragsteller beantragen, eine bestimmte Schlachtmethode von Reichswegen einzuführen, und da wäre ihre Sache gewesen, zu beweisen, daß diese Schlachtmethode die beste sei. Sachverständige aber erklären gerade das Schächten für in vielen Beziehungen vorzüglicher. Abg. Eickhoff (Freis.Bolksp.) bemerkt, daß, so lange kein Beweis erbracht werde, daß das Schächten eine unzulässige Thierquälerei sei, kein Grund zu gesetzgeberischem Vorgehen vorliege. Anderenfalls würden er und seine Freunde bereit sein, den Weg der Gesetzgebung zu beschreiten, unbeschadet der Toleranz, welche humanen und frei denkenden Männern zukäme. , Es sprachen noch die Abg. Hoffmann und Liebknecht gegen, die Herren Bindewald und Böckel für den famosen Antrag. Kommissionsberathung wurde von keiner Seite beantragt, so daß die zweite Lesung und mit ihr das sichere Begräbniß des Antrages gleich im Plenum stattfinden wird. * Im Abgeordneten Hause stand in der abgelaufenen Woche auf der Tagesordnung ein Antrag, die Verpflichtung zur Unterhaltung der öffentlichen Volksschulen allgemein den bürgerlichen Gemeinden und Gutsbezirken aufzuerlegen. Diese Frage ist eine von jenen, bei der besonders scharf die Gegensätze innerhalb der Volksvertretung zur Erscheinung kommen; auf der einen Seite stehen die konservativen Parteien, nämlich die Konservative!: und das Centrum, auf der anderen alle anderen Parteien, einschließlich der Freikonservativen, die in Schulfrageu mit der Linken zu gehen pflegen. Zusammenstöße auf Grund dieser Grup- Pirung kehren seit dem Zedlitz'schen Schulgesetzentwurfe besonders oft wieder, und so auch bei dieser Debatte, in welcher die Rechte versuchte, die Frage der Unterhaltungspflicht, also eine finanzielle Frage, mit der Konfessionalität eng zu verkoppeln. Wichtig war, was der Kultusminister sagte. „Der Erfolg des Zedlitz'schen Volksschulgesetzes", äußerte der Minister, „ist meiner Ueberzeugung nach der gewesen, daß heute über die Konfessionalität der Volksschule Einmüthigkeit und wenigstens hier im Hause Einhelligkeit über den verfassungsmäßigen Zustand der Konfessionalität herrscht. Ich bin bereit, bei der Regelung der Schulunterhaltungspflicht mit in Erwägung zu ziehen, wie dieser verfaffungsmäßige, bisher bestehende Zustand der Konfessionalität der Volksschule gesichert werden kann." Es wurde alsdann in namentlicher Abstimmung der obige Antrag abgelehnt und ein konservativer Antrag: „die Unterhaltungslast der Schulen in gerechter Weise zu regeln, aber zugleich den konfessionellen Charakter der Volksschule zu sichern", mit 177 gegen 132 Stimmen angenommen. Damit erscheint von Neuem ein Schulgesetzentwurf nach Zedlitz'schem Muster in Sicht. «5* Der Erlaß über die Aufnahme der jüdischen Religions-Censuren in das Abiturientenzeugniß läßt die Antisemiten nicht zur Ruhe kommen. Aber es ist interessant, zu beobachten, wie sie die Sache verdrehen. Weil die jüdischen Abiturienten keine Prüfung in der Religion zu bestehen haben, könnten sie keinen Anspruch darauf erheben, eine staatliche Anstellung zu erlangen, da für diese die sittliche Qualifikation verlangt werde. Natürlich gilt den Antisemiten das fakultative Zeugniß über genoffenen jüdischen Religionsunterricht nicht als sittliches Reifezeugniß, und sie meinen, daß da der Einwand gegen die Zulassung jüdischer Abiturienten zu Aemtern im christlichen Staate nach wie vor bestehen bleibe. Daß derselbe bisher keine Beachtung gefunden hat, ist ihnen ein Zeugniß dafür, wie weit in der „Toleranz" gegen die Juden gegangen wird! Wie stände es aber, wenn wir von allen Antisemiten ein sittliches Reifezeugniß verlangten? * An die Mittheilung, daß für die Erhaltung deutscher Schulen im Auslande der Reichszuschuß von 150000 Mark jährlich auf

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