Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-28 · Heft 17 (28.4.1899) · p. Seite 194

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 17 (28.4.1899)
Date
1899-04-28
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228329--55436-3291637
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

' ■ ■ ■ - ■ ';■!' - 194 -- von Subskriptionen gedeckt werden sollten. Der Ueberschlag entsprach den damaligen Verhältnissen. Seither sind 46 Jahre verflossen; die Verhältniffe haben sich auf allen Gebieten wesentlich verändert; geblieben ist aber der Wohlthätigkeitssinn in Israel, der immer bereit ist, wo es die Begründung oder Erhaltung eines lebensfähigen Werkes gilt, große Opfer zu bringen. Was im Jahre 1853 auch nicht einmal mit kleinen Mitteln gelungen, das könnte in unserer Zeit mit größeren vielleicht eher erreicht werden. Die Skizze des Planes einer Ackerbauschule schloß damals mit der Hoffnung des Schriftwortes: „Wenn auch dein Anfang klein ist, so wird doch deine Zukunft sehr glücklich werden", und mit der Mahnung aus den Sprüchen Salomonis: „Wer sein Feld bearbeitet, wird satt Brod haben". Diese Hoffnung und jene Mahnung, sie können nicht veralte». Sie gelten auch für uns und für die Zukunft unserer Jugend, der wir ein neues Feld der Bethätigung erschließen, indem wir überall Ackerbauschulen begründen. Are Woche. Berlin. 26. April. ndlich ist null auch nach mancherlei Fährnissen der vielberufene antisemitische Antrag gegen das Schächten vor den Reichstag gelangt. Während dieser Antrag anderwärts noch die Maske des Thierschutzes vornimmt, tritt er hier offen als antisemitische Bosheit auf. Und das ist das Gute an der Sache. Wir geben iit Folgendem den interessanten Bericht über die gestrige Sitzung: Auf dem Tische des Hauses war eine Anzahl von Schlachtapparaten allsgelegt, mittelst deren eine schmerzlose Tödtung von Schlachtvieh lllöglich ist. Zur Begrülldung des Antrages ergreift das Wort Abg. Dr. Vielhaben (Antisem.): Mit der Entwickelung der Kultur hat auch das Interesse für die Thierwelt zugenommen. Ueberall haben sich Thierschutzvereine gebildet, die eine sehr segensreiche Wirksamkeit entfalten. Diese Vereine bezwecken u. a. auch ein Verbot der Vivisektion und des Schächtens der Schlachtthiere. Gegen das letztere hat sich auch unsere Partei wiederholt gewandt, und der von uns jetzt eingebrachte Gesetzentwurf richtet sich wieder gegen diese Unsitte. In der Schweiz besteht bereits das Verbot des Schächtens. Die im Alten Testament gegebenen Vorschriften für das Schächten können für die heutigen Juden nicht mehr als verbindlich angesehen werden, und ein Verbot des Schächtens würde kein Eingriff in die jüdische Religion sein. Redner citirt einige Ausführungen aus der Broschüre eines Rabbiners, wonach die Schächtvorschriften keine eigentliche jüdische Religionsvorschrist, sondern mehr ein äußerlicher Ritus seien, der auch dazu diene, die Juden unter einander zusammenzuhalten. Die Rabbiner sind allerdings an der Beibehaltung dieses Ritus interesstrt. Beim Schächten kommen die allerscheußlichsten Grausamkeiten vor. Redner verbreitet sich eingehend über die Methode des Schächtens. In den größeren Schlachthäusern ist die Sache noch einigermaßen erträglich, aber auf dem Lande, wo die geeigneten Hilfskräfte nicht zur Verfügung stehen, kommen die traurigsten Szenen bei dieser Prozedur vor. Unter den Flugblättern der Thierschutzvereine befindet sich ein solches von dem Professor an der thierärztlichen Hochschule in Stuttgart Dr. Hoffmann, der zu dem Resultat kommt, daß das Schächten und feine Vorbereitungen eine große Thierquälerei seien, bei der die Thiere 6 bis 10 Minuten leiden. Es kommt oft genug vor, daß die Thiere durch den Schächtschnitt noch nicht betäubt oder getödtet werden; es hat sich einmal in einem Schlachthause ein Bulle, der den Schächtschnitt erhalten hatte, losgerissen und ist mit dieser Wunde im Schlachthause umhergerast. Ich bitte alle Redner, die nach mir sprechen, die Frage ohne Rücksicht auf den Antisemitismus zu behandeln. Die Juden sind gerade so wie die Amerikaner, sie überhäufen Jeden mit Schmähungen, der sie in irgend einer Weise angreift. Das darf uns aber nicht hindern, hier für dies Gebot der Menschlichkeit einzutreten. (Beifall bei den Antisemiten.) Abg. Dr. Lieber (Ctr.): Ich kann zugleich im Namen meines Freundes Gerstenberger erklären, daß die Angriffe jüdischer Blätter auch den Einen oder Anderen von uns keinen Augenblick in der Haltung beirren können, welche das Centrum zu den religiösen Angelegenheiten unserer jüdischen Mitbürger von jeher eingenommen hat und immer einnehmen wird. Wir haben uns nicht über allzu große Liebenswürdigkeit der Herren Antisemiten uns gegenüber zu beklagen. Ich stamme nach den Ausführungen antisemitischer Blätter von Juden ab, meine Frau ist natürlich eine Jüdin, meine älteste Tochter, die in einem strengen katholischen Orden thätig ist, war schon im Jahre 1887 an einen reichen Juden verheirathet. (Große Heiterkeit.) Für uns ist die Frage, um die es sich handelt, zunächst eine religiöse Frage der Juden. Diesen Standpunkt hat bei den Reichstagsverhandlungen am 18. Mai 1887 der Abg. Dr. Windthorst sehr nachdrücklich vertreten; er ist auch in den jüngsten Verhandlungen der zweiten badischen Kammer wieder von unserer Partei hervorgehoben worden. Das Schächten ist nach einer Erklärung von 297 Rabbinern aus dem Jahre 1894 eine religiöse Angelegenheit der Juden. Es genügt für uns, daß anerkannt rechtmäßige Vertreter einer deutschen, öffentlich anerkannten Religionsgesellschaft erklärt haben, diese Angelegenheit sei für sie von religiöser, rituell verpflichtender Natur, um uns abzuhalten, irgendwelchen Eingriff in derartige prinzipielle religiöse Vorschriften zu. thun. Das Schächten ist auch in hygienischer Beziehung das geeignetste Mittel zur Tödtung der Thiere. (Lachen bei den Antisemiten.) Sodann aber ist von Thierquälerei keineRede. Der Direktor des allgemeinen Kriegsdepartements im Kriegsministerium Freiherr v. Gemmingen erklärte, das für das Militär bestimmte Vieh werde geschächtet, weil dies nach Gutachten von Sachverständigen die rationellste Schlachtart ist; ebenso sprach sich das belgische Kriegsministerium aus, es sei die mildeste Tödtungsart für Vieh. Wenn dabei Unzuträglichkeiten Vorkommen, so kommen sie ebenso bei allen Schlachtarten vor; diese Unzuträglichkeiten vermeide man, aber man vermeide, Absichten des Antisemitismus mit Rücksichten des Thierfchutzes zu vertheidigen. Wir lehnen es ab, uns in die inneren Angelegenheiten einer Religionsgesellschaft zu mischen, und überlassen das Schlachtfeld den Antisemiten, die uns allerdings auch am liebsten schächten möchten. (Große Heiterkeit.) Abg. Dr. Kruse (nl.): Auch wir glauben, diese rituell religiöse Frage mit größter Zurückhaltung behandeln zu sollen. Jedenfalls handelt es sich beim Schächten nicht um Thierquälerei (Widerspruch bei den Antisemiten), ich kann das aus vielfacher persönlicher Anschauung sagen. Wenn Sie selbst sich einmal das Schächten ansehen werden, so werden Sie zum gleichen Urtheil kommen. (Lachen bei den Antisemiten.) Die Thiere werden sanft hingelegt und erhalten einen solchen Schnitt, daß ohne Qual sofort Blutleere im Gehirn eintritt, und das Bewußtsein aufhört. Wenn man den Ochsen fragen würde, was er vorzieht, Zertrümmerung des Stirnbeins oder Schächten (Heiterkeit), so würde er sagen: Schächten! (Heiterkeit.) Abg. Rickert (Frs. Bgg.): Es ist nicht die Frage, ob die Gesetzgebung berechtigt ist, in die inneren Fragen einer Religionsgesellschaft einzugreifen, sondern darum, ob das Schächten eine Grausamkeit und Thierquälerei ist. Und davon verstehen die Antragsteller weniger als Sachverständige (Lachen bei den Antisemiten); ja, regen Sie sich doch nicht auf! Nicht blos Herr Lieber, sondern auch ich wurde als Abkömmling von Juden hingestellt, und ebenso sogar Konservative, wenn sie sich gegen Antisemiten wandten. (Zuruf rechts: Was hat das mit dem Schächten zu thun?) Das ist doch Sache des Herrn Präsidenten! Mehrfach haben sich bei uns Behörden auf Gutachten gerade von Schlächtern für das Schächten ausgesprochen. Ebenso sprach sich der Direktor des Leipziger physiologischen Instituts dahin aus, daß das Schächten der Stirnzertrümmerung vorzuziehen sei. Eine Kommission der baierischen Kammer, bei der Mitglieder aller Parteien betheiligt sind, erklärte eine Petition gegen das Schächten für zur Berathung im Plenum ungeeignet. Glauben Sie denn, daß in Preußen ein Ministerium, an dessen Spitze ein Fürst Hohenlohe steht, für antisemitische Treibereien sich aussprechen würde? Ich weiß nicht, ob der Herr Präsident die Absicht hat, eine zweite Lesung des Antrages herbeizuführen, jedenfalls würde ich dann bitten, den Antrag völlig abzulehnen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.