Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1899)
- Date
- 1899-04-21
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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MWWMWWW 192 Aus dem alten Berlin. Von David Hirschfeld. 3. Berliner wohlthäter. ie Thätigkeit des Dr. Sachs erstreckte sich nicht nur auf das religiöse und geistige Gebiet der Berliner Gemeinde, seine Zeit wurde auch häufig von Denen in Anspruch genommen, die eine Bitte auf dem Herzen hatten und bei ihm immer ein geneigtes Ohr fanden. War ein achtbarer Familienvater in Noth gerathen, war eine Braut auszustatten, war Wittwen und Waisen aufzuhelfen, so wendete man sich an ihn, denn man wußte, Dr. Sachs war in einem jeden Hause so beliebt, daß er nur einen Weg in das Ceiitrum von Berlin zu den wohlhabenden Juden zu machen habe, um die erforderliche Summe herbei zu schaffen. Im Centrum von Berlin wohnten die Familien Meyer, Demuth, Liebermann, Reichenheim und Andere mehr, welche nie ihre Hilfe versagten, wenn es galt, die Noth zu lindern, namentlich wenn Dr. Sachs als Fürsprecher erschien. Nachstehende kleine Episode möge ein Bild entwerfen, welcher allgemeinen Beliebtheit sich Dr. Sachs erfreute und in wie nobler Weise damals in Berlin gegeben wurde. Es handelte sich darum, eine Mitgift von 500 Thalern für eine arme Braut zu beschaffen, und Dr. Sachs wollte sich dieser Mühe unterziehen. Er trat den wohlbekannten Weg nach der Spandauerstraße an und besuchte zuerst den Kommerzienrath Joseph Liebermann, den er beim Kaffeetisch sitzend antraf. Als Dr. Sachs die Thür öffnete, rief ihm Liebermann freudig entgegen: „Ach, mein lieber Doktor, was verschafft mir die Ehre, Sie bei mir zu sehen? Vielleicht darf ich Ihnen ein Täßchen Kaffee anbieten?" „Ich bedauere sehr," sagte Dr. Sachs, „mich nicht lange aufhalten zu können, ich muß noch heute für eine arme Braut 500 Thaler zusammenbringen, und da muß ich noch manchen Weg machen." „500 Thaler?" fragte Liebermann, ging an seinen Geldschrank, entnahm demselben 500 Thaler und überreichte sie dem Dr. Sachs mit den Worten: „Für heute ist nun Ihr Geschäft beendet, und nun erweisen Sie mir auch den großen Kowed, ein Täßchen Kaffee mit mir zu trinken." Dieser Geist des schnellen und edlen Wohlthuns hat sich bei den Berliner Juden fortgepflanzt von Geschlecht zu Geschlecht. Dieser Geist hat Vereine und Institute ins Leben gerufen und erhalten, wie sie allen anderen Städten zum Vorbild dienen und der Gemeinde Berlin zur Zierde gereichen. 4r> i. Der koschere Restaurateur. Die Wege, die zum Ruhm und zur Unsterblichkeit führen, sind mit dem verschiedensten Material gepflastert. Daß man auch durch Grobheit eine gewisse Berühmtheit erlangen kann, ist eine Erfahrung, die uns das alte Berlin lehrt. Es zeigt uns in dem jüdischen Restaurateur Frank einen Mann, deffen Grobheiten noch heute als geflügelte Worte weiter leben. Er war ein großer, kräftiger Mann, dessen Schlagfertigkeit Nieniand bezweifelte. Sein Konkurrent Spiro war dagegen, ein kleines, zartes Männchen, der im Gegensatz zu seinem Kollegen sehr höflich und bescheiden war. Wenn er, was selten vorkam, in Zorn gerieth, so ließ er denselben höchstens au seiner Frisur aus, die er in Sardellenform trug, und die er dann stets von hinten nach vorn strich. Besagtem Frank, der sein Quartier in der Heiligen Geiststraße aufgeschlagen hatte, war die Grobheit zur zweiten Natur geworden. Ersuchte ihn ein Gast um Kompot, so setzte er ihm saure Gurken vor, und machte ihn der Gast auf den Jrrthum aufmerksam, so sagte er: „Saure Gurken sind auch Kompot." Fand man bei ihm einen Lappen in der Suppe, der nicht hinein gehörte, so entschuldigte er sich damit, daß er doch keine Gerson'schen Mantillen hineinlegen könne. Wünschte ein auswärtiger Gast statt des beständigen Schmorbratens einmal Gänsebraten, der niemals vorhanden war, erwiederte er: „Essen Sie zu Hause auch am Mittwoch Gänsebraten?" Wollte ein Extragast bei ihm einmal Schalent effen, den er in vorzüglicher Güte kochte, so wies er ihn mit den Worten ab: „Gehen Sie zu Spiro, bei dem Sie das Essen für die Hochzeiten Ihrer Töchter bestellt, bei mir kriegen Sie kein Schalent." Kam ein starker Effer zu ihm und wollte auf den täglichen Mittagstisch abonniren, so fragte er: „Wo essen Sie denn jetzt?" Und als er die Antwort erhielt: „Bei Spiro", meinte er: „Offen gestanden, Sie effen mir zu stark; bleiben Sie bei Spiro, solche Kunden, wie Sie, gönn' ich ihm." Als die goldene Hochzeit des Oettinger'schen Ehepaares gefeiert wurde, war ihm die Lieferung des Effens übertragen. An den Tischen Nr. 7 und 8 waren auch minder begüterte Personen placirt, welche die gute Gelegenheit wahrnahmen und recht tüchtig einluden, so daß das Essen für die anderen Tische knapp wurde. In großer Verzweiflung lief er durch den Speisesaal und rief laut: „Die Sieben und Achte eßt mich bedalles." Ein Gast fragte Frank, warum er denn keine Zahnstocher auf den Tisch stelle, daß sei doch in jeder Restauration üblich. „Werde mich hüten," meinte Frank, „wenn die Leute die Zahnstocher gebraucht haben, werfen sie sie dann unter den Tisch. Das könnte mir paffen!" Diese Geschichten von Franks Grobheiten kursirten in der Stadt, und selbst die Possendichter hatten sich seiner Aussprüche bemächtigt, um sie in Kuplets und anderweitig zu verwenden. So gelangte Frank zu einer gewiffen Berühmtheit, aber einer Berühmtheit, von der man, wie er selbst, sagen konnte: Saure Gurken sind auch Kompot. Kprerhsaal. Sehr geehrte Redaktion! iner Frau Klare Talermann aus Lodz sind ihre Papiere, die sie zum Zwecke der Uebersetzung nach Leipzig gesandt hatte, entwendet worden, wie sie vermuthet, von zwei Frauen, von denen die eine im Alter von ea. 45 Jahren blond ist und mit einem 1 ^jährigen Kinde reist, während die andere im Alter von ca. 35 Jahren mit einem bereits erwachsenen dunkelkraushaarigen Mädchen reist. Die Unterstützungsvereine werden gebeten, im Betretungsfalle die Papiere an sich zu nehmen und dieselben gefl. an Herrn Distriktsrabbiner Bamberger in Kissingen senden zu wollen. Bamberg, 14. April. Dr. A. Eckstein. * Sehr geehrter Herr Redakteur! ^Lte gestatten mir, Herrn Singer-Magdeburg auf seine Erklärung im <££* Sprechsaal der Nr. 15 Ihrer gesch. Ztg. an derselben Stelle zu antworten — er hätte es auf briefliche Anfrage einfacher und schneller erfahren können —, daß der fragliche Lehrer aus Halle in Westfalen war. Die Protokollführer hatten dies in der Prüfungsliste dem Ortsnamen beigefügte „i. W." wohl übersehen und angenommen, daß es das bekannte Halle in Sachsen sei, und dieses dem Magdeburger Verbände angehöre. Der junge Kollege stammt übrigens aus unserer Provinz und war mehreren Mitgliedern persönlich bekannt. — Nebenbei gestatten Sie mir wohl noch die Bemerkung, daß der Verein, den zu vertreten ich die Ehre habe, das Recht nicht besitzt, sich „Verein j. L. d. Ostsee- Provinzen" zu nennen; denn weder liegt Posen an der Ostsee, noch erstreckt sich die Mitgliedschaft zu unserem Verein bis an die Ostsee. Lissa, 15. April. Herbst, Vorsitzender des Vereins jüd. Lehrer der Ostprovinzen. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.