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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-21 · Heft 16 (21.4.1899) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 16 (21.4.1899)
Date
1899-04-21
Page
Seite 191 (sequence 11)
Language
German
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191 „Ja,, ich weiß es." Er schien eine vorsichtig zuwartende Haltung beobachten zu wollen. Als er jedoch gewahrte, daß seine Gegnerin sich gleichfalls völlig in Schweigen hüllte, unterbrach er die eingetretene Stille entschlossen: „Es handelt sich doch im Grunde nur um Aeußerlichkeiten, verehrte Frau, in deren Bannkreis man sich freilich, hat man sich einmal von ihnen emanzipirt, unmöglich zurückzubegeben vermag, deren Aufgeben aber indeß ebenso unmöglich ein Opfer sein kann. Den Kern unseres Glaubens beeinflussen sie ja wahrlich nicht. Und darum dürften sie bei der Entscheidung über das Glück zweier Menschenleben doch kaum ins Gewicht fallen." „Für mich sind es keine bloßen Aeußerlichkeiten. Hören Sie mich an. Ich muß etwas weiter ausholen; denn, um mich zu verstehen, muß man die Umgebung berücksichtigen, aus der ich herstamme. Ich weiß nicht, ob Sie, der Sie dergleichen schon so ganz beiseite geschoben haben, überhaupt je den Namen meines Vaters vernahmen?" „Wer weiß nicht von dem großen Talmudforscher Gabriel da Silva? Ihn kennen Menschen, die unserem Glauben noch viel ferner stehen als ich, als eine Leuchte der Wiffenschaft." Ohne sonderliches Geschmeicheltsein zu verrathen, neigte sie. die gespendete Anerkennung als etwas Selbstverständliches hinnehmend, das Haupt. „Desto besser; dann kann ich mir manche Erklärung sparen. Sie wissen vielleicht auch, daß meinem früh verwittweten Vater von seinen vier Kindern nur ich am Leben erhalten blieb. Alle Liebe, alle Fürsorge, die er bisher auf die theueren Entrissenen vertheilt hatte, konzentrirte der einsame Mann allmälig auf mich. Meinen ganzen Unterricht leitete er allein. Und wie stolz, wie beglückt war er. als er mit der Zeit wahrnahm, sein Mühen sei nicht ganz vergebens, ich würde im Stande sein, seinen Studien Interesse abzugewinnen. Seitdem ließ er mich an seinen Forschungen in immer ausgedehnterem Maße theilnehmen. Für ihn war eben seine Wissenschaft sein Alles, und das hat mich naturgemäß stark beeinflußt. Ich kann wohl sagen, ich habe eine seltsame, nicht 'gerade freudenvolle, aber von höherem, reinerem Streben als die der Meisten erfüllte Jugend gehabt. Wohl wußte ich damals schon, ich war anders als die übrigen Mädchen meines Alters, schroffer, unliebenswürdiger, wenig, mit einem Wort, in die reale Welt passend. Aber dafür hatte ich das Bewußtsein, meinem Vater, soweit eben ein Mädchen das vermag, wirklich eine Gefährtin zu sein, und das! dünkte mich wichtiger als alles andere. Wir harmonirten vollständig. j Wie er in jenen Lehren gänzlich aufging, so that ich es auch, so; thue ich es auch bis zu dieser Stunde."! Sie schöpfte tief Athem.! „Mein seliger Mann war darin anders. War es natürliche! Veranlagung, war es sein Aufgewachsensein in einer Umgebung, in der Handels- und andere allgemeine Interessen eine gewisse Rolle spielten, er stand dem, was unseres Lebens Inhalt bildete, verhältnißmäßig gleichgiltig gegenüber., Sein Vater, mein Onkel Raphael, war sehr stolz auf den gelehrten Bruder, besorgte dessen gesammte Geschäftsangelegenheiten, hielt ihm alles Widrige nach Kräften fern und that noch mit Zureden, sich in jene abstrakte Welt zu vertiefen, bei ihm redlich das Seine. War es nur Genugthuung darüber, einen so großen Gelehrten in der Faniilie zu haben, mischte sich etwa auch außerdem noch leises Bedauern, selbst nach jener Richtung nicht mehr zu leisten, dabei hinein, eine Entscheidung hierüber kommt mir nicht zu. Jedenfalls hat seine immer wache Fürsorge viel dazu beigetragen, den Vater und mich in unserer Weltabgeschiedenheit zu erhalten. Praktisch und thatkräftig, wie er war, war er für diese Art Schirmherrnrolle wie geschaffen. Die Heirath zwischen seinem Sohn und mir war von jeher beschlossene Sache gewesen. Ob ihm in dieser Hinsicht meine strenge Orthodoxie so ganz bequem war, ob er nicht vor unserer Verheirathung manchmal doch das Glück seines Sohnes bei einer weniger schwerfälligen Frau in besseren Händen geglaubt hat, das weiß ich nicht. Jedenfalls wäre er, hätte er wirklich solche Gedanken gehegt, durch die Ereignisse glänzend widerlegt worden. Denn, fürwahr, wir sind glücklich genug mit einander gewesen, ein lebendiger Beweis gegen die Schädlichkeit der Familienheirathen. Wir Beide wußten genau, was wir an einander hatten, kannten uns von Jugend auf und waren uns klar darüber, welchen Eigenheiten wir Rechnung zu tragen hatten. Der Wahrheit die Ehre gebend, muß ich allerdings zngestehen, daß das Letztere weniger von meiner Seite geschehen ist als von der meines Gatten, der in seiner milden Güte mich ruhig gewähren ließ und mir nichts in den Weg legte, wenn ich i» unserem Hanse alles auf den Fuß peinlich gewissenhaft beobachteter religiöser Vorschriften brachte, selbst wenn er, der doch mehr in einer Atmosphäre des Gehenlassens Erzogene, vielleicht nicht mit mir übereinstimmte, selbst wen» ihm dabei mancherlei vielleicht lästig war. Gesagt hat er aber dergleichen nie. Gesegnet sei sein Andenken! Schade, daß seine Kinder so wenig Aehnlichkeit mit ihm aufweisen! Aeußerlich erinnert Alphons ain meisten an ihn, während mein Sohn Raphael noch am ersten im Charakter mit ihm Verwandtes aufweist. Regina dagegen, die ja auch in der Erscheinung mir gleichen soll, mag ihr zähes Festhalten an der einmal gefaßten Meinung, ihre ganze geistige Veranlagung überhaupt wohl von mir geerbt haben." Steinhardt machte eine zustimmende Bewegung. Alich ihm siel, je länger die vor ihm Sitzende sprach, die Aehnlichkeit mit dem geliebten Mädchen auf. Eine Aehnlichkeit, die nicht nur in Aeußerlichkeiten, sondern auch in der Art, die Worte zu stellen, die Gedanken zu gliedern, hervortrat. Wenngleich, wie er jetzt in der sich weiter entspinnenden Debatte wahrnehmen konnte, sich die Gedanken eben nach der entgegengesetzten Seite gliederten, die Macht der Argumente für die entgegengesetzte Seite ins Treffen geführt, der Logik Keltenschlüsse zu Gunsten der anderen Richtung geschlossen wurden. Aber die Erinnerung an Regina packte ihn bei der raschen, schlagenden Art ihrer Repliken zuweilen so mächtig, daß er manchmal eine Minute inne hielt, ehe er antwortete, während ihm gleichzeitig das gewaltige, für einen Frauenkopf fast unglaubliche, sich aus den Reden seiner Gegnerin knndgebende Wissen staunende, widerwillige Bewunderung abzwang. Sie kämpfte mit ihren besten Waffen, in mächtiger, immer zunehmender Erregung, aber, wie Regina vorausgesagt hatte, ohne ihren Gegner um ein Atom in seiner Stellung zu erschüttern. Steinhardt sah, wie ihr ganzes Sein in seinen Grundfesten aufgewühlt wurde, und wollte der zwecklosen Quälerei ein Ende machen. Er erhob sich. „Es wird zu viel für Sie, Madame da Silva! Vielleicht gestatten Sie mir, unseren Meinungsaustausch ein anderes Mal fortzusetzen." „Nein!" sagte sie kurz. „Wozu auch? Es führt zn nichts. Ich sehe es ein, eine Verständigung zwischen uns beiden ist undenkbar." „Am Ende aber wäre es mir möglich, Ihnen meinerseits zn beweisen —" Sie unterbrach ihn herbe. „Ich danke Ihnen, ich wünsche nichts bewiesen zu haben. Ich oktroyire Keinem etwas auf, wünsche aber, auch selbst nichts aufoktroyirt zu bekommen." (Fortsetzung folgt.)

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