Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1899)
- Date
- 1899-04-21
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
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189 antwortlich war, trat er in nähere Beziehungen zu den Behörden und avancirte zum „Hufvudman". Wenn ein Jude nach Stockholm kam. mußte er seinen Paß zu ihm schicken, und wenn ihn Jsak in Ordnung befand, so hatte er ihn auf der Polizei anzumelden; wo aber nicht, so konnte er seine sofortige Abschiebung veranlassen. Die Privilegien, welche Jsak erhalten hatte, erregten den Neid seiner Konkurrenten. Die Juweliere und „Hutstaffirers" reichten beim Kommerzkollegium eine Klage ein gegen die Juden und erreichten auch, daß Aron Jsaks Leute nicht mehr auf die Märkte reisen durften. Damit aber war die Lebensader seines Geschäftes unterbunden. Er ging zum König und überreichte ihm eine Bittschrift, welche Herzog Karl befürwortete, und die den gewünschten Erfolg hatte. Ganz kurz und nebenbei wird in den Memoiren erwähnt: „Es kam hierher ein polnischer Raw, zu reisen mit Rekommandation an mir. Ich nahm ihn hier an auf ein Jahr." Aron Jsak hatte also nun eine ganze Gemeinde beisammen, und sein Hauptwunsch ging nunmehr darauf aus, die erlangten Privilegien von den Reichsständen bestätigt zu sehen.- Im Januar 1779 wurde der Reichstag einberufen, und in der That erlangte Jsak ein Dekret, daß Juden im ganzen Reiche wohnen durften. Wer sich für Aron Jsak nach den Mittheilungen, die ich bis jetzt über ihn gemacht, mehr interessirt, mag in seiner Selbstbiographie weiter Nachlesen, wie es ihm mit seinen Söhnen und Töchtern gegangen, wie er für die erste der Letzteren einen „feinen Bochur" in Schwerin als Schwiegersohn gefunden, den er mit nach Schweden nahni, wie die ersten Kille-Streitigkeiten in Stockholm ihm das Leben verbitterten, und wie er von den verehrten Glaubensbrüdern, die er selbst dahin gebracht, schlecht behandelt wurde. Dies alles aber ist nur von intimem Interesse. Für uns sind vor allem die Kämpfe wichtig, die Jsak um Wohnnnd Besitzrecht der Juden in Schweden ausgefochten. Das vom Reichstag in Aussicht gestellte Reglement kam nach einigen Wochen, aber es brachte eine arge Enttäuschung. Die Juden erhielten nur die Erlaubniß, mit alten Kleidern zu handeln, durften keinen Laden haben und sollten alle in einem bestimmten Stadttheil wohnen. Sie durften kein Handwerk treiben, keine Christen in Dienst nehmen und hei solchen auch nicht wohnen. Ein jeder Jude sollte ein gelbwollenes Band um den Hut tragen. Aron Jsak faßt sein Urtheil über dieses Reglement kurz und bündig in einem Satze zusammen: „In Summa, alle Nahrung verboten und sehr niederträchtig estimirt". Zum Glück unterschrieb aber der König dieses Reglement nicht. Gustav III. war bekanntlich ein für französische Sitte und Bildung eingenommener Mann mit modernen Anschauungen, klug, entschlossen und tapfer. Er war bei dem schwedischen Volke als eingeborener König sehr beliebt. Die Einrichtungen, die er in Schweden traf, gereichten zum Heile des Volkes, wenn sie auch den Adel und die Stände gegen ihn aufbrachten. Den Juden war er günstig gestimmt. Namentlich erfreute sich Aron Jsak seiner Protektion. Diesem schickte er auch den Reglementsentwurf zur Rückänßerung zu. Jsak machte nun alle Anstrengungen, denselben zu verbessern, und es gelang ihm auch nach langen, schwierigen Kämpfen, etwas Besseres zu erreichen. Sein Geschäft ging leidlich gut, und er hätte alle Ursache gehabt, zufrieden zu sein, wenn ihm nicht die Verantwortung für seine dortigen Glaubensgenossen immer neue Ungelegenheiten gebracht hätte. So reifte in ihm der Entschluß, seine Würde niederzulegen. Wir sühlen mit Aron Jsak, wen» er klagt: „Bei alle die Mühe und Arbeit, die ich beständig hatte als hufvudman, waren die meiste mir so falsch, sowohl bei unser Kohl (Gemeinde) als Parneß. waren sie mir zuwider in alle Sachen, was da vorfiel". Er ging kurzer Hand zum Oberstatthalter, um sein Ehrenamt niederzulegen. Nun wurden die Leute erst recht böse auf ihn, und es kam zu offener Spaltung. Er errichtete in seiner Wohnung eine eigene Synagoge, „bezahlte aber doch allens zur Gemeinde, was auf meinen Antheil kam, blos kein Verärgerniß zu haben". Noch mehr als Aron Jsak war sein Sohn bei dem prachtliebenden Gustav III. angesehen. Er erhielt sogar eine Bestallung als Hofjuwelier. Gustav III. hatte den Glanz des französischen Hofes sich zum Muster genommen, was ihn freilich zur Ueberlastung des Landes führte. Seine Prachtliebe war bekannt, und man kann darüber in Aron Jsaks Memoiren manches Interessante finden. Der König schützte sie auch gegen alle Angriffe und Gefahren, die ihnen noch immer drohten, ja er gab ihm und seinen Kindern sogar am 8. März 1785 Hauptprivilegien mit allen Freiheiten, die sie selbst begehrten. Es ist natürlich, daß eine solche Stellung viele Gefahren mit sich brachte. Aron Jsak war aber nicht nur ein braver und rechtlicher, sondern auch ein energischer und muthiger Mann. Er kannte keine Furcht und imponirte selbst den hohen Herren. Aber alle diese guten Eigenschaften verhalfen ihm doch nicht immer zu seinem Rechte, wie z. B. bei dem Grafen Munk, der einmal im Aufträge der Königin für 80000 Thaler Brillanten bei ihm bestellte und, als Jsak sie mit Mühe nnd Noth in Leipzig und Hamburg aufgetrieben und nach Stockholm gebracht hatte, diese nicht annehmen wollte, ja dem Manne sogar vorwarf, daß er die Königin betrügen wolle, weil die Brillanten kaum 24000 Thaler werth seien. Jsak blieb keine Wahl, und er mußte die Brillanten für diesen Preis lassen. Der große Verlust übte einen traurigen Rückschlag auf sein Geschäft, und wenn nicht gerade damals der Krieg gegen Rußland angefangen hätte, in dem er als Hoflieferant des Herzogs Friedrich die Armee begleitete, so hätte sein Geschäft diese bedenkliche Krisis kaum überwunden. Aber auch in dieser Zeit wechselte das Glück Jsaks. War Gustav der III. oder der Herzog Friedrich bei der Armee, so ging es ihm gut, waren sie aber nicht zugegen, so hatte er allerlei Fährnisse zu bestehen. Am schlimmsten war es mit der Bezahlung. Wenn die Offiziere ihre Gage nicht bekamen, so erhielt auch Jsak nichts für seine Maaren, und es dauerte oft sehr lange, bis er zu seinem Gelde kam. Aber seine Verdienste wurden doch anerkannt, und eines Tages gratulirte ihm der königliche Hofsekretär dazu, daß ihn der König zum „Assessor" ernannt habe. Dafür sollte er aber 70 Reichsthaler bezahlen, denn ein schwedischer Assessor sei im Range einem Kapitän gleich. Jsak war jedoch klug genug, eine solche Würde nicht anzunehmen. Er war damals gerade Fleischlieferant für die Armee und bemerkte sehr treffend dem Hofsekretär: „Ich danke dafür, und wo werde sich solches passen, daß, wenn ich in meine Schlachterbude stehe, und sie kommen nach Fleisch: Herr Affessor, hier ist Anweisung auf Fleisch, geben Sie mir 10 Pfund Fleisch. Außerdem haben sie mir alle einen Charakter beigelegt, der General und das Kommissariat als Hoflieferant." Der König lachte herzlich, als er die Antwort Jsaks erfuhr, und sagte, wenn auch der Titel am schwedischen Hof noch nicht existirt habe, so solle doch Aron Jsak einen solchen Titel haben „mit Ehr auch Würdigkeit". Erst nach drei Jahren kam der königlich schwedische Hoflieferant ans Finnland wieder nach Hause zurück und erlebte in seiner Familie viel Ungeniach. Seine Lieblingstochter war einige Tage vorher im 23. Lebensjahre gestorben, und seine Schwiegertochter lebte als Wittwe in seinem Hause. Dazu kam noch ein anderes Malheur, welches die traurigste Katastrophe in seinem sonst so glücklichen Lebenslauf geworden ist. Wieder war es Graf Munk, der ihm verhängnißvoll werden sollte. Graf Munk erschien nämlich eines Tages und wollte für 30 000 Thaler Fahnenhjelmer auf Reichs-