Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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W. Magdeburg, 12. 2lpril. Der Kriegtzrverein „Wilhelm" zu Burg hat den persischen Generalkonsul Max Leon in Berlin zu seinem Ehrenmitgliede ernannt. Die Ernennung ist demselben durch künstlerisch ausgeführtes Diplom nebst Begleitschreiben mitgetheilt worden. Letzteres betont: „Wir haben Sie zum Ehrenmitgliede ernannt in Anerkennung Ihres mehrfachen, so überaus freundlichen Gedenkens der armen und nothleidenden Kameraden des Vereins"; und schließt mit folgenden Worten: „Es ist das einzige äußere Zeichen, durch welches wir unseren Dank bezeugen können, und wir bitten deshalb ergebenst, nehmen Sie diese Ehre freundlichst an. Das beifolgende Diplom möge Ihnen die Erinnerung wach halten, daß hier iü Ihrer Vaterstadt manch altes Soldatenherz dankbar und treu für Sie schlägt bis zu seinem letzten Appell." B. Bernbnrg, 5. April. Eins unserer ältesten Gemeindemitglieder, Herr Klempnermeister EduardMichael, feierte gestern sein 50 jähriges Meisterjubiläum. Abgesehen von den vielen Aufmerksamkeiten, welche dem Jubilar seitens der Vorstände der Gemeinde wie der Chewra und der übrigen Gemeindemitglieder freudig dargebracht wurden, hat die hiesige Klempnerinnung es sich nicht nehmen lassen, ihren altehrwürdigen „Prüfungsmeister" durch einen solennen Kommers zu ehren, wobei ihm ein prachtvolles Diplom als „Ehrenvorsitzender" überreicht wurde. Möge dem an Körper und Geist noch recht rüstigen Jubilar, der zum Kidusch haschem beigetragen, noch ein langer, heiterer Lebensabend beschieden sein.' L. Hannover, 9. April. In der jüngsten Generalversammlung des hiesigen israelitischen Dienstbotenvereins ist der Entschluß zur Errichtung eines israelitischen Mädchenheims allseitig sympathisch begrüßt worden. Das Mädchenheim soll eine Heimstätte für junge, der Schule entwachsene Mädchen sein, die zur praktischen Ausbildung für Haus und Küche unter Leitung einer erfahrenen Dame und Mithilfe erprobter Lehrkräfte in allen Hausarbeiten unterrichtet werden sollen. Es wird hierdurch die Hebung der Sittlichkeit, des Fleißes und der Erwerbsfähigkeit unserer unbemittelten weiblichen Jugend angestrebt. s. Göttingen, 6. April. Am 3. d. M. fand Hierselbst eine außerordentlich zahlreich besuchte Gemeindeversammlung statt, um zu dem möglichen Fortgang unseres Rabbiners Dr. Jacob Stellung zu nehmen. Die ganze Gemeinde ohne Unterschied der religiösen Richtung und der gesellschaftlichen Stellung war bereits bei der ersten Nachricht von der Berufung unseres Rabbiners nach Berlin darüber einig, daß dieses für unsere Gemeinde, die ihm im Gottesdienst und Religionsunterricht, in Seelsorge und Bereinswesen fast alles verdanke, ein großer Verlust sein würde, und daß alles geschehen müsse, seine ebenso unermüdliche wie selbstlose Thätigkeit in unserer Gemeinde zu erhalten. Es wurde daher der einmüthige Beschluß gefaßt, Herrn Dr. Jacob den dringenden Wunsch der ganzen Gemeinde auszusprechen, daß er unsere Gemeinde nicht verlassen möge. Als einen positiven Beweis ihrer Opferwilligkeit beschloß die Gemeindeversammlung zugleich eine erhebliche Gehaltserhöhung. Wir freuen uns, berichten zu können, daß Herr Dr. Jacob einer Deputation gegenüber seinen Entschluß ausgesprochen hat, zunächst bei uns bleiben zu wollen, angesichts der zahlreichen Beweise der Liebe und des Vertrauens sowie in der Hoffnung, auch in einem kleinen Kreise ersprießlich wirken zu können, und endlich bei der hier gebotenen Möglichkeit, auch wissenschaftlich weiter arbeiten zu können. Born Rhein, 9. April. Die Generalversammlung des Rheinischen Rabbiner-Verbandes wird am 16. d. M. zu Köln stattfinden. — Der von Herrn Rabbiner Dr. Cohn in Bonn gegründete „Verein zur Verpflegung und rituellen Beköstigung armer israelitischer Kranken" in den dortigen Kliniken und Hospitälern versendet soeben seinen diesjährigen Rechenschaftsbericht. Bei einer Mitgliederzahl von 150 Frauen, die wöchentlich je 5 Pfennige beisteuern, betrug die Jahreseinnahme 390 Mark. Durch ein aus dem Nachlasse des hier dahingeschiedenen Herrn Jacob Meyer von Herrn Synagogenvorsteher Meyer zu Linz am. Rhein und Herrn Dr. jur. Ari Meyer dem Verein überwiesenes Geschenk von 500 Mark und durch den vorhandenen Kassenbestand von 433 Mark erhöhte sich die Aktiva auf 1323 Mark. Die Ausgaben betrugen 385 Mark, so daß der Bereinskasse 938 Mark verblieben. — Das Programm der israelitischen Religionsschule in Bonn legt Zeugniß ab von der gedeihlichen Entwickelung dieser Anstalt. Das abgelaufene Schuljahr wurde in üblicher Weise mit einer allgemeinen Andacht eröffnet. Beim Beginn desselben betrug die Anzahl der Zöglinge 112, hinzugetreten sind 10, abgegangen 8, so daß der Anstalt gegenwärtig 114 <54 Knaben und 60 Mädchen) angehören. Im Ganzen, d. h. mit Einschluß des in dem Königlichen Gymnasium, in der städtischen Oberrealschule sowie in der Polak'schen höheren Töchterschule ertheilten israelitischen Religionsunterrichtes nehmen zur Zeit 153 (75 Schüler und 78 Schülerinnen) an den von Rabbiner Dr. Cohn gegebenen Religionsstunden Theil. X. Köln, 4. März. Zu unserer Mittheilung, betreffend die Synagogeneinweihung, wird uns berichtigend geschrieben, daß das Festessen im Hotel Disch nicht unter allgemeiner Theilnahme der Gemeindemitglieder stattgefunden, sondern nur die Gemeindevertretung, die Spitzen der Behörden, auswärtige und Ortsrabbiner sowie noch einige andere eingeladene Ehrengäste anwesend waren. Ein Grund, warum nicht auch andere Mitglieder der Gemeinde, wie das sonst üblich, zugelassen, entzieht sich unserer Beurtheilung. Unser ^.-Korrespondent berichtet uns ferner: Die erste Hauptlehrerin an der hiesigen israelitischen Volksschule, Fräulein Catharine Meyer, die im Dezember v. I. ihr 50 jähriges Amtsjubiläum unter großer allseitiger Theilnahme gefeiert, bei welcher Gelegenheit ihr viele Ovationen dargebracht wurden, ist mit dem Ende des Wintersemesters in den wohlverdienten Ruhestand getreten. Viele zu Jungfrauen und Frauen herangewachsene ehemalige Schülerinnen hiesiger Gemeinde haben an ihrem Unterricht theilgenommen und gedenken mit Dankbarkeit der treuen Lehrerin. Möge ihr noch ein langer heiterer Lebensabend in Gesundheit beschieden sein. An ihre Stelle wird voraussichtlich eine andere Lehrerin des achtklassigen Schulsystems aufrücken. Fräulein Löb, Tochter des emeritirten Lehrers Herrn Löb, der früher an derselben Schule gewirkt, ist kommissarisch von der königlichen Regierung zur Klassenlehrerin ernannt worden. v. Neuenahr, 11. April. Im letzten Sommer berichteten wir von der Bereinigung mehrerer Herren zur Gründung des Vereins „Israelitisches Krankenheim in Bad Neuenahr" mit dem Zwecke, armen Israeliten, welche eines Kurgebrauchs in Neuenahr bedürfen, freie Verpflegung und Unterkunft zu gewähren. Heute können wir unseren Lesern schon mittheilen, daß das Streben dieser Herren von schönstem Erfolge gekrönt ist. Wie sich auf der am 3. d. M. in Ems abgehaltenen Vorstandssitzung zeigte, hat der Verein bereits eine stattliche Anzahl Mitglieder und ist in der Lage, schon in diesem Jahre an seine edle Aufgabe heranzutreten. Dementsprechend hat der Vorstand einen Vertrag mit Fräulein H. Wolff in Bad Neuenahr abgeschlossen, welche den Pfleglingen Unterkunft und Verpflegung gewähren wird. Für ärztliche Behandlung ist auch bestens gesorgt, indem der dem Vorstände des Vereins angehörende Arzt Dr. Weidenbaum bereitwilligst dieselbe zu übernehmen versprochen hat. Leider wird der Verein fürs Erste nicht allen Ansprüchen gerecht werden können, da es vor der Hand nur möglich ist. Krankein beschränkter Anzahl aufzunehmen. Doch wird sich dieses hoffentlich bald günstiger gestalten und der Verein in der Lage sein, ein eigenes Heim zu schaffen, wozu bereits durch Anlage eines Reservefonds der Grundstock gelegt ist. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 10. April. Die abgelaufene Woche war eine recht traurige für unsere Glaubensgenossen in Böhmen. Ein aus geringfügigen Ursachen (Lohnerhöhung) ausgebrochener Streik von Arbeitern jüdischer Fabriken artete — wohl von gewissenlosen Hetzern systematisch vorbereitet — in arge Judenkrawalle aus, bei denen die Habe zahlreicher in Nachod ansässiger Kaufleute vollständig geplündert wurde, so daß zur Zeit achtbare Leute, die sich durch Arbeit und Mühsal einen bescheidenen Wohlstand verschafften, an den Bettelstab gebracht wurden. Glücklicherweise traf sehr rasch das vom nahen Josefstadt requirirte Militär ein. Allein schaudernd denkt man, was geworden wäre, wenn die Garnisonstadt nicht so nahe bei dem bedrohten Punkte wäre, dann hätten sich wohl die galizischen Vorgänge erneuert. Im Uebrigen sind wir in Wien ja auch nicht geschützt vor mündlichen Insulten, zum Mindesten hat ja der Antisemit Steiner dem Geweinderath Brunner zugerufen: „Die Juden sollen in kirchliche Sachen nicht dreinreden, es könnten sich sonst hier die Nachoder Vorfälle wiederholen." Schlimm genug für Wien und die Wiener, wenn derartige Elemente vorherrschen! — Aus dem Leben des diese Woche verstorbenen Erzherzogs Ernst wird erzählt, daß derselbe eine besondere Vorliebe für jüdische Lieder