Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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- 4 - hatte. Er wußte die Melodien sämmtlicher jüdischen Gebete und Psalmen nach deutscher und nach polnisch-jüdischer Art zu pfeifen, ebenso alle Kuplets der polnisch-jüdischen Sänger. Seine Vorliebe für diese Melodien war so groß, daß man ihm in Wien zumuthete, er habe die jüdischen Melodien zu den Texten des bekannten Volkssängers Ludwig Eröß, genannt der „schöne Dowidl", komponirt. Erzherzog Ernst gab in den 50er Jahren in Wien eine Tafel, zu welcher auch ein damals vor Kurzem geadelter jüdischer Börfenmillionär geladen war. Als dieser den Speisesaal betrat, stimmte die Militärkapelle plötzlich altjüdische Weisen an. Der Millionär stutzte und stand verlegen da, der Erzherzog aber rief ihm lachend zu: „Nur vorwärts, Potentaten werden immer mit ihren Volkshymnen empfangen!" Der verblichene Erzherzog bekundete überhaupt lebhaftes Interesse für jüdisches Wissen. — Der Leiter der österreichischen Expedition nach Süd-Arabien, Universitätsprofessor Dr. H. Müller, ist heute Vormittag aus Fiume hier eingetroffen. Professor Müller ist von Aden auf dem Lloyd-Dampfer „Gisela" vorausgefahren. Die übrigen Mitglieder der Expedition kommen auf dem Expeditions-Dampfer „Gottfried" nach. Professor Müller sieht vortrefflich aus, befindet sich wohl und ist von den Resultaten der Forschungsreise sehr befriedigt. — (Unmittelbar vor Schluß der Redaktion erhalten wir noch die folgende, durch das Wölfische Telegraphenbüreau verbreitete seltsame Mittheilung, die wir natürlich für diesmal nur abdrucken können, indem wir uns Vorbehalten, in der nächsten Nummer einen authentischen Bericht über die Sache zu bringen: „Deutschbrod (Böhmen), 11. April. Im Walde bei Polna wurde am Sonnabend vor Ostern die verstümmelte Leiche der Näherin Agnes Jruza gefunden. In Polna und Umgebung verbreitete fich ein Gerücht, das die Juden mit der Mordthat in Verbindung brachte; es machte sich deshalb eine bedenkliche Gährung geltend, und es wurden umfassende Vorkehrungen getroffen, um etwaigen Ausschreitungen vorzubeugen. Als muthmaßlicher Mörder (?) ist der israelitische Schuhmacher Hülsner verhaftet worden." Die Red.) Frankreich. 0. Paris, 7. April. Ohne jegliches Gepränge, wie es die Verstorbene gewünscht, aber unter überaus zahlreicher Theilnahme wurde am 3. d. die Baronin Hirsch zu Grabe getragen. Der Trauerfeier wohnten auch die Botschafter von Oesterreich-Ungarn, England und Italien bei, ferner hervorragende Persönlichkeiten aus allen Gesellschaftskreisen und Vertreter vieler Wohlthätigkeitsvereine. Ein kurzes, aber tiefergreifendes Gebet sprach der Großrabbiner Zadoe Kahn im Trauerhause. Die Beerdigung fand auf dem Friedhof Montmartre statt, wo der Grand Rabbin von Paris, Dreyfuß, die üblichen hebräischen Gebete recitirte. Dann fiel die letzte Scholle auf das Grab der edlen Frau, die unvergessen fortleben wird. Vorgestern wurde das Testament eröffnet. Haupterben des großen Vermögens sind die Geschwister der Erblasserin, Herr Ferdinand Bischoffsheim, Frau Leo Goldschmidt und Frau Montefiore-Levi. Mit großen Legaten sind bedacht die Adoptivsöhne, die Barone Le Forest, und andere Verwandte sowie zahlreiche Wohlthätigkeitsstiftungen. Unter den letzteren erhalten die Pariser jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten fünf Millionen Francs, die österreichische Baron Hirsch'sche Stiftung drei Millionen Francs und die Jubiläumsstiftung für Knaben und Mädchen zwei Millionen Francs; außerdem wurden zur Bildung einer neuen Wohlthätigkeitsstiftung 1V2 Millionen Francs testirt. Dem Magistrat von Wien werden für wohlthätige Zwecke 200 000 Francs zugewiesen. Die mährischen Herrschaften Rofsitz und Eichhorn erhält der Adoptivsohn Arnold Baron Le Forest. Zum Testamentsvollstrecker und Erbenvertreter wurde der Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Gustav Bloch in Wien, zu Testaments- Exekutoren die Herren Dr. Jules Dietz und Urbain Girardin in Paris- Baron Raphael Bauer in Brüssel und Direktor Dr. Joly in Wien bestimmt. Der „UniverZ Iraelite^ zählt die Liste der Schöpfungen auf, d^e nur der Initiative der seligen Baronin selbst ihre Entstehung verdanken. Jndeß ist diese Liste noch sehr unvollständig. Eine authentische wird wohl bald erscheinen und der bewundernden Mitwelt das Leben und Schaffen dieser Frau in voller Größe vorführen.; Ksn Nah und Fern. Nachstehende Herren haben die Erlaubniß zur Anlegung det ihnen verliehenen nichtpreußischen Orden erhalten, und zwar der herzoglich koburg-gothaischen Alfred-Medaille dem Glasmaler Auerbach hier, der königlich russischen goldenen Medaille am Bande des Stanislausordens dem Kaufmann Isidor Schöps hier, des Kommandeurkreuzes des Ordens der königlich italienischen Krone dem Bankdirektor Konsul H. Wallich hier, des königlich serbischen Takowoordens IV. Klasse dem Kaufmann Konsul Julius Goldberg in Königsberg i. Pr. — In Posen ist am 6. d. M. der bekannte Sekretär der dortigen jüdischen Gemeinde, RaphaelGolde,im65. Lebensjahr am Herzschlaggestorben.—Professor Dr. Friedrich Delitzsch in Breslau/ein Sohn von Franz Delitzsch, ist als Professor für orientalische Philologie, speziell für Assyriologie, an die Berliner Universität berufen worden. — Lehrer Driesen in Tauberbischofsheim wurde vom Großherzogl. Oberrath zum Direktor des „Israelitischen Landesstifts" und zum Sekretär des Großherzogl. Oberraths in Karlsruhe ernannt. — Der schwedische König Bernadotte — ein Jude, diese „Thatsache" wird in Ahlwardts „Dtsch. Schwert" (26. März) ausführlich erörtert. — In Belenyes (Ungarn) hat ein Assessor Schönzweig den Synagogenvorsteher Stern zum Duell gefordert, weil dieser ihn am letzten Feiertage nicht zur Thora aufrufen lassen wollte, sondern nur mit der Hagbaah beehrt hatte, was der Herr Assessor für zu wenig seiner Würde entsprechend hielt. Unglaublich, aber wahr! — Die Königin von England hat dem Maire von Billafranca, Pollonais, anläßlich des Todes seiner Gattin den Ausdruck wärmster Theilnahme übermitteln lassen. — „Petit Caporal" erzählt, der Herzog von Orleans habe versucht, von der Baronin Hirsch Geld für einen Putsch zur Thronerlangung zu bekommen. Nach der abschlägigen Antwort erließ er dann seine autisemitische Kundgebung von San Remo. — Zum Andenken an den vor zwei Jahren verstorbenen Präsidenten der jüdischen Gemeinde zu Warschau Dr. Ludwig Nathansohn haben dessen Erben einen Nathansohn-Fonds gegründet in der Höhe von 6000 Rubel. Anspruch auf Unterstützung aus diesem Fonds haben arme Handwerker, jedoch nur katholischer Religion und polnischer Nationalität. So berichten Wiener Blätter. Bestätigung bleibt abzuwarten. — In Mitau wurde das hundertjährige Jubiläum der Ansiedelung der Juden in Kurland durch einen Festgottesdienst gefeiert. Zum Andenken des Tages soll eine jüdische Handwerkerschule errichtet werden, für die bereits ein dortiger Jude, Raupenheim, 30 000 Rubel testamentarisch vermacht hat. — Der russische Senat hat die Entscheidung getroffen, daß die Frauen von Juden, welche nach Sibirien deportirt sind, ihre Männer begleiten dürfen. Auch selbst dieses Recht war ihnen bestritten worden, und es bedurfte erst der Entscheidung des Senates, um diese Angelegenheit günstig zu erledigen. — Der russische „Regierungsbote" publizirt die Ergebnisse des Rekrutirungsgeschäfts im Jahre 1898. Es stellten sich im Ganzen 953195 Rekruten im Alter von 21 Jahren, darunter 51 410 Juden, d. h. 5,4 Prozent. Davon wurden genommen 267 988 Nichtjuden — 29,72 Prozent, dagegen 16 595 Juden 82,28 Prozent der zur Stellung gelangten Personen dieses Glaubens. Dazu kamen noch 312 Juden aus Transkaukasien und den Militärdistrikten von Ter und Kuban. Die Juden stellen also prozentuell eine viel größere Ziffer Soldaten als die Nichtjuden, und trotzdem sind die Behörden unzufrieden, daß 8244 in den Listen stehen, die sich nicht gemeldet haben. Es ist immer wieder die alte Klage, die aus der mangelhaften Listenführung herkommt. — Ein jüdischer Arzt, Dr. Grünkrug, erhielt nach vieljähriger Thätigkeit den Wladimirorden, mit dem der Adel verbunden ist, allein die Adelskammer von Smolensk verweigerte die Eintragung Grünkrugs in die Liste, der Senat aber ordnete als höchste Instanz dennoch die Eintragung an. — In Liverp o ol ist Professor A. L. D. Siemms, einer der ältesten und angesehensten Männer der Stadt, gestorben. — Auf der so schrecklich verunglückten „Stella" befanden sich auch einige Juden. Zwei derselben, Advokat Edward Abinger und Isaak Heilbronn, wurden gerettet, während der dritte, Mr. Abraham Cohen, der Schwager von Heilbronn, sein Leben eingebüßt hat. — Die Vereinigten Staaten haben zu ihrem Vertreter auf dem 12. Kongreß der Orientalisten den Professor Dr. Morris Jastrow ernannt, der an der Universität von Pensylvanien semitische Sprache lehrt. Rev. Dr. Emil G. Hirsch in Chicago hat nun doch endgiltig die Stelle eines Predigers in New-Iork abgelehnt. — Der Antifemitenhäuptling Max Rögis wurde am 9.d. M. wegen einer Rede verhaftet, in welcher er den Gouverneur von Algerien und den Präfekten von Algier angegriffen hatte. . Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.