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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-14 · Heft 15 (14.4.1899) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 15 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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178 Ein sonderbares Mißverständniß des Zeichners würde in dem ans dem 10. Jahrhundert stammenden Psalter von Amiens die Illustration }« Ps. CXI, 1 darstellen, wenn Goldschmidts Erklärung das Richtige getroffen hat'). Eine Weinranke mit Vögeln, auf die ein Bogenschütze von unten seine Pfeile abjchießt, scheint auf den erste» Blick nichts mit dein Inhalt dieses Verses gemein zu haben. „Das Wort „volel“ genügte," meint Goldschmidt, um beim Zeichner das Bild des Vogels für den Keatus wachzurufen, durch den Bogenschützen aber machte er den Text des Psalms vollständig, der mit dem Verse schließt: Peccator videbit et irascetui’ etc.“ Hier sind die Uebersetzcr unschuldig, die völlig treu das Hebräische Ps. CXH, 1 wiedergeben: nsa pan imixaa ns s-i1 irs nirs Maxd^tog b (poßorpitvoc zbv xvqiov tv zeug tvzo).alq avzo\ O-f/J/(JETfU 6<poÖQ((’ Beatus vir, qui timet Dominum; in inandatis ejus volet nimis. Goldschmidt hätte darauf Hinweisen müssen, welch einem ergötzlichen Mißverständniß der Illustrator in diesem Falle zum Opfer gefallen wäre, indem er Gefallen finden wollen mit Fliegen verwechselte. Ein weltgeschichtliches Beispiel von dem Uebergang sonderbarer oder fehlerhafter Uebersetzungen in die Sprache der Kunst bieten bekanntlich die Hörner des Mose auf dem Grabmal Julius II. in Sa» Pietro in vinculo in Rom. Michelangelo hat hier, wie man gewöhnlich annimmt, einfach die Uebersetzung der Vulgata zu 2. Mos. XXXIV, 35 „materialisirt", in der Hieronymus dem Aquila gefolgt ist. Wenn ich auch glaube, daß der schöpferische Geist Michelangelos auch ohne diese Vorlage dem gewaltigen und hoheitsvollen Hanpte des Gesetzgebers im Geiste der Antike, die Göttern wie dem Jupiter Ammon, dem Bacchus und selbst Heroen wie Alexander dem Großen2) ein Geweih oder hornartige Fortsätze als Kopfschmuck verlieh, die unter der Fülle seines Haupthaares hervorschwellenden zarten Hornansätze in jedem Falle gemeißelt hätte, so war doch die aus der Vulgata allgemein bekannte und merkwürdigerweise auch von jüdischen Zeichnern?) und auch in der Kunst vor Michelangelo') verwendete Thatsache doch eine willkommene Handhabe zur Milderung der Auffälligkeit. Eine der seltsamsten Illustrationen, zu denen die wörtlich: Auffassung des Bibelwortes Veranlassung gegeben hat, will ich noch aus dem Chludoff-Psalter erwähnen, der im Jahre 1847 vom Athos nach Moskau gebracht wurde, wo er sich jetzt durch Vermächtniß mit dem Nachlaß Alexei Jwanowitsch Chludoffs in dem unirten Mönchskloster des h. Nikolaus befindet. Auf einem Bilde dieser Handschrift) sehest wir die Himmelskugel schweben und unter ihr zwei Männer stehen, deren aufgerichtetes Haupt einen Oberkiefer zeigt, der wie ein Vogelschnabel sich bis an die Kugel erhebt und eine Zunge von so unförmiger Länge herunterhängen läßt, daß sie den Boden berührt. Hier werden die Tropen ') Id. 60. 2) Vgl. Lessings Laokoon IX (eck. Gosche IV, 112d). 8) In der dem spanischen Ritus angehörenden Haggada des Britischen Museums Bd. 1404, die I. v. Schlosser der ersten Hälfte des IS. Jahrhunderts zumeist (f. Müller und v. Schlosser, die Haggadah von Sarajewo p. 108), erscheint Moses deutlich gehörnt, es ist jedoch auf dem Bilde (Taf. IV, 2) nur Ein Horn auf dem Borderhaupte zu bemerken. Auf dem Grabmale des 1468 in Frankfurt am Main verstorbenen Theologm Johannes Lupi erscheint auf der plastischen Darstellung der Zehngebote in der ersten Abbildung Moses, aus dessen Haupte zwei mächtige, steil in die Höhe steigende Hörner sich erheben, vergleiche F. Luthmer in Zeitschrift für christliche Kunst IX (1896) p. 6. 5) Tikkanen I, 1, p. 30 (Tafel I, 2). von Psalm LXXIII, 9 beim Wort genommen und in geradezu karikaturenhafter Weise grobsinnlich „materialisirt". Urtext und Uebersetzung stimmen hier aufs Wort: psa “jbnn djw^i ama D’atra mir l'&fvro t-ig ovparbv to azö/t« uviüir, xol y vhbooa avtiöv Aty'/.Qtv ml Tijc yy?. Man muß bei der fast häßlichen Entstellung, die dieser Vers in der Kunst erfahren hat, an die ergreifende und bei aller wörtlichen Auffaffung schlagend gelungene Anwendung denken, die von ihm bei einem allerdings einzigartigen Anlaffe in der jüdischen Geschichte des Mittelalters gemacht wurde. Als die Verfolger der philosophischen Schriften Maimünis, so erzählt uns sein Sohn Abraham'), durch ihre Hetzereien bei den Behörden und den Autoritäten der Kirche die Verbrennung dieser Werke durchgesetzt hatten, da war es ein Triumph von kurzer Dauer. Den Verleumdern wurde bald der Prozeß gemacht und das Urtheil verkündet, daß die Lügenzunge ihnen aus deni Munde geschnitten und vor die Füße gelegt werde. Hier war, wie man schneidend bemerkte, das Psalmwort wahr geworden, daß Diejenigen, die eben noch den Mund gegen den Himmel erhoben hatten, ihre Zunge zuckend sich am Boden bewegen sehen. An mehr als zehn Personen aus der Antimaimünistenpartei ward in Montpellier die mittelalterlich grausige Strafe vollzogen, so daß, wie uns Hillel, der Sohn Samuels aus Verona, überliefert2), der Psalmvcrs mit seiner schneidenden Illustration zur Zeitgeschichte in Aller Munde war. EUILLETON Me Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Fab er. II. Ä f^ls die sein Gebot befolgenden Geschwister langsam die Treppen emporstiegen, sah Regina in dem Moment, da ihr durch <j das Oeffnen der Thür ein Blick ins Wohnzimmer vergönnt war, daß die Mutter noch genau in derselben Stellung verharrte, in der sie sie verlassen hatte. Oben, in ihrem im zweiten Stockwerk belegenen eigene» Gemach angelangt, sank sie wie vernichtet auf den ersten besten Stuhl. Ihr Bruder ließ sie eine Weile ungestört, schob ihr dann ein Glas Wasser hin und fragte nach einer weiteren kurzen Pause plötzlich unvermittelt: „Kannst Du es wirklich nicht?" Sie fuhr jäh und aufs Neue zum Kampfe gerüstet empor. „Was soll ich nicht können? Emanuel aufgeben? Nie und nimmermehr. Oder aber meinst Du, ob ich, wenn auch er jene Gebräuche befolgte, es nicht auch noch weiter könnte, so, wie ich es bisher gekonnt habe? Ganz unbedingt, und wäre es nur aus Rücksicht auf die Mutter. Denn meine eigene Seelenruhe hängt weder vom Außerachtlaffeu noch vom Befolgen solcher in meinen Augen äußerlicher Dinge ab. So, wie es aber ist, begegnet Emanuel vollkommen meinen persönlichen Ansichten. Und ich lasse mir durch veraltete ') D"3D”in nmen plp ed. Lichtenberg III b. Ueber das Epigramm, das auf diesen Psalmvers hinausläuft, vergleiche M. Steinschneider T bv pp I, 30 Nr. 60. 2) Kobetz a. a. 0. psa -frnn Diurbi aira D’aira mir bs ’aa -mir;rm

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