Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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m 176 Bezirkes brechen auch sie auf und verstreuen sich über die ganze Kolonie. Vom religiösen Standpunkt aus will dies sagen, daß sie innerhalb der Gemeinde alle Juden sind ohne Sonderung in Orthodoxe und Reformer; aber außerhalb derselben sind sie willig und bereit, etwas Anderes zu sein. Wenn also die Zahl der Juden in Australien ständig im Wachsen begriffen ist, theils durch Geburt, theils durch Einwanderung, so ist es ersichtlich, daß eine große Zahl derselben sich aus bereits erörterten Gründen keiner Gemeinde anschließt, und ihre Existenz auf dem Kontinent ergiebt sich nur aus den amtlichen Registraturberichten. Die australischen Juden setzen sich aus sehr verschiedenen Nationalitäten zusammen, und diejenigen, die seit einer oder zwei Generationen ansässig sind, brachten zweifellos etwas Religiosität mit sich, die sie aber vernachlässigten oder vollständig aufgaben, wahrscheinlich aus Mangel an unterstützenden, für sie bequemen religiösen Einrichtungen. Aber viele Juden sind nach Australien gekommen, die sehr wenig von ihrer Religion wußten. Ich habe wahrgenonnnen, daß sich bei manchen Juden, wenn sie eine Zeit lang in den Kolonien gewesen sind, die Neigung zeigt, ihrem Glauben abtrünnig zu Werden, wofür verschiedene Gründe angeführt werden können. Zunächst kommen sie ganz außer Fühlung mit den Fragen, welche in England sowohl wie auf dem europäischen Kontinent den Geist des Judenthums rege erhalten; dann sind sie oft von einer Synagoge so weit entfernt, daß diese für sie eine leere Bedeutung ist; drittens nimmt sie die geschäftliche Thätigkeit oft gänzlich in Anspruch, und endlich sind die Mischehen hindernd. Wo immer der Kultus in diesen Kolonien besteht, dort ist auch die Erziehung der Kinder eine religiöse; aber an vielen Orten, wo die Erziehung der Jugend einzig durch das häusliche Beispiel geleitet wird, da tritt ein deutlicher Verfall ein. Zweifellos giebt es noch andere Gründe hierfür, aber da ich diesen Punkt nur streife, scheinen mir die angeführten genügend, um die Verhältnisse des Judenthums in Australien zu erklären. In sozialer Beziehung haben die Judep in diesen Kolonien gemeiniglich eine hohe Stellung erreicht. Dies verdanken sie in erster Reihe ihrer geschäftlichen Redlichkeit sowie der Thatsache, daß sie einem alten Stamme angehören. Die persönliche Werthschätzung, die man ihnen zollt, ist besonders bemerkenswerth bei den rein britischen Kolonisten und ihren Nachkommen. Das ist eine auffallende Thatsache. In den Freimaurerlogen nehmen zum Beispiel unsere Mitbrüder eine hervorragende Stellung ein, in der Rechtswissenschaft und der Medizin sind sie zu hoher Bedeutung gelangt; insbesondere haben sie den bevorzugten Rang eines Großmeisters des Ordens von St. Michael und St. George inne, eine Würde, die nur von der Königin selbst als Belohnung für hervorragende Leistungen im bürgerlichen Leben verliehen wird. Fast in jeder Stadt, wo Juden, wenn auch nur in geringer Anzahl, zu finden sind, haben sie Wohlfahrtseinrichtungen für ihre ärmeren Brüder geschaffen, die aber nur selten in Anspruch genommen werden, ausgenommen bei geschäftlichen Krisen oder von durchreisenden Juden, die auf der Suche nach Beschäftigung sich befinden. Außerdem erhalten auch alle diejenigen öffentlichen und mildthätigen Institute, welche völlig konfessionslos sind, reiche Zuwendungen von jüdischer Seite. Dies hat zweifellos sehr viel zu der großen Achtung beigetragen, welche man den Juden allgemein in Australien zollt. Es ist etwas schwierig, unsere Mitbrüder zusammenzuhalten, weil sie sich scharf in Orthodoxe und Radikale scheiden. Unter diesen Umständen scheinen die Anhänger beider Parteien, anstatt daß sie sich in diesem oder jenem Punkte einander näher kämen, die Frage gänzlich, unbeachtet zu lassen oder sie zu lösen, indem sie sich völlig vom Judenthum abwenden oder die gottesdienstlichen Handlungen nur in der oberflächlichsten Weise beobachten. Der einzige Faktor, welcher die in Wirklichkeit noch bestehende Einigkeit hervorruft, besteht darin, daß die Mehrzahl der Gemeinden unter der Autorität des Oberrabbiners Dr. Adler in London steht. Und dies allein scheint sie zusammenzuhalten; ohne jenen Einfluß würde die Sachlage noch weit schlechter sein, da Dr. Adler sich der größten Achtung aller hiesigen Juden erfreut. Es ist auffallend, daß die Juden in Australien oder Neu-Seeland sich nicht ansiedeln, Schafzucht oder Ackerbau betreiben, wie es ihre Urgeschichte eigentlich erwarten läßt. Kaum zwei Prozent der jüdischen Gesammtbevölkerung sind in dieser Weise beschäftigt. Ich persönlich kenne nur Einige. Sie widmen sich ausschließlich dem Kaufmanns- oder Handwerkerstande. In Neu- Seeland und einigen Theilen Australiens, wo der Boden sich durch besondere Fruchtbarkeit auszeichnet, findet man keine Juden, während verschiedene europäische Nationen, wie Deutsche, Oesterreicher, Italiener u. s. w., sich dort alle angesiedelt haben und in blühendem Wohlstand leben. Selbst Die, welche vor ihrer Auswanderung Ackerbauer waren, ergreifen den kaufmännischen Beruf, wenn sie hierher kommen. Einige russische Ausgewiesene kamen vor einigen Jahren nach Australien, aber anstatt, wie früher, Ackerbau zu treiben und sich hier als Farmer niederzulaffen, fielen sie zeitweise den Gemeinden zur Last. Wie bereits festgestellt, giebt es 16 821 Juden in Australien, und ich wage zu behaupten, daß zerstreut, wie sie leben, und keiner sonst üblichen Kontrole unterworfen, sie doch mehr als irgend eine andere Gemeinschaft für die Erhaltung ihrer Religion, ihrer Synagogen, für die Gehälter der Rabbiner und Schächter und die religiöse Erziehung der Kinder thun, was zusammen mit den verschiedenen von ihnen unterhaltenen Wohlfahrtseinrichtungen den Betrag von 15 006 Pfund Sterling pro Jahr oder ein Pfund pro Kopf erreicht! (Selbstverständlich haben Viele gar keine Gelegenheit, zu geben, und mögen auch nicht die Mittel haben.) Ich glaube, daß dieser freiwillig gespendete Betrag der ganzen Welt zum Muster dienen kann Während andere Religionsgemeinschaften die Staatshilfe zu Erziehungszwecken in Anspruch nehmen, thun die Juden ruhig für sich selbst, was ihr Gesetz ihnen einprägt, ohne sich um Jemanden zu kümmern, und werden dafür von Jedermann geachtet. Es fehlt nicht an Beispielen, daß unsere jüngeren Glaubensgenossen Vereine bilden, um sich in vielen Fächern zu vervollkommnen, nicht allein in der hebräischen Sprache, in der jüdischen Geschichte und Litteratur, sondern auch in der Debattir- und dialektischen Kunst. Eine solche Vereinigung befindet sich in Melbourne, der Hauptstadt der Kolonie Viktoria, eine andere in Sydney, der Hauptstadt der Kolonie Neu-Süd-Wales, und ganz kürzlich wurde in Perth, West-Australien, ebenfalls eine begründet. Augenblicklich weiß ich keinen weiteren dieser Litteratur- und Diskussionsvereine mehr. Sie haben keinen allgemeinen Verband, dem sie angehören, und der ihre Arbeiten beaufsichtigt und fördert; sie sind-einer vom anderen unabhängig und haben natürlich niemals eine Generalsammlung gehabt, wie die jüdischen Zeitungen berichteten; die Entfernungen zwischen ihnen würden dies schon unmöglich inachen. Hinsichtlich des Studiums der hebräischen Sprache und Litteratur wird in Australien sehr wenig gethan. In der Stadt, aus welcher ich schreibe, giebt es indessen eine große Anzahl Christen, welche das Hebräische studiren. Hier lebt ein Mr. Samuel Goldstone, ein Kaufmann und dabei ein ausgezeichneter Gelehrter, welcher eine beständige Klaffe von fast 25 Schülern unterhält. Während der letzten zwanzig Jahre hat dieser Mann außerhalb seines Geschäfts keine a u f< d i v fl g ei v n ji b Z <° I ti E Z ni L gl ei w I E Nl w I J 6 < B lie fe! M zu al Fl in in A ch' MM