Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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175 ihm zu gelangen. Er meinte nämlich, es dürften nur der Reform geneigte Rabbiner die Versammlung bilden, während ich behauptete, die verschiedensten Parteien müßten darin vertreten sein. Unser Schriftwechsel hierüber war, ich darf es sagen, ein so interessanter, daß ich Geiger anfragte, ob er etwas dagegen habe, daß er oder ich ihn in einem jüdischen Blatte veröffentliche. Seine Antwort lautete ablehnend, ich vermuthe, weil er schließlich doch zu meiner Meinung hinneigte, wie die Zukunft lehrte. Erst im Jahre 1844 fühlte ich mich durch Mehreres aufgefordert, auf eigene Faust hin die Aufforderung zu einer Rabbinerversammlung zu erlaffen, und zwar schickte ich sie am 2. Januar 1844 an Philippson nach Magdeburg, um sie in der „Zeitung des Judenthums" zu veröffentlichen. Zugleich bat ich ihn, die Sache in die Hand zu nehmen und die erforderlichen Schritte dazu zu thun. Er sei ganz der Mann dafür. Mir fehlten Zeit und Neigung dazu. Gerade zur selben Zeit erließ aber auch er einen Aufruf in derselben Sache. Erst in der folgenden Nummer des Blattes konnte er meinen Aufruf nachbringen. Das Nähere hierüber findet sich in de» folgenden Nummern des Jahrgangs 1844. Man konnte deshalb wohl Philippson als den Vater des Gedankens betrachten, und er hat sich außerdem um das Zustandekommen der 1. Versammlung sehr verdient gemacht. Gewiß würde ich nicht verfehlt haben, nach Braunschweig zu kommen, wenn ich nicht amtlich daran gehindert worden wäre. Was mein Wegbleiben von Frankfurt und Breslau verschuldet, habe ich oben bemerkt. Dagegen habe ich zwei kleineren Versammlungen, eine in Wiesbaden und eine bei mir selbst im Hause (welcher letzterer Aub von Mainz und Stein von Frankfurt beiwohnten, und bei denen es sich hauptsächlich um den in der neuen Synagoge in Frankfurt einzuführenden Ritus handelte), und später den Nabbinerversammlungen in Kassel und Berlin angewohnt. Ja, was wollen Sie noch mehr, ich ging sogar einige Zeit mit dem Gedanken um, den Kanzler des Deutschen Reiches zu bitten, eine Rabbiner- und Notabelnversammlung von Israeliten zu berufen, um eine kirchliche Ordnung der religiösen Angelegenheiten der Juden Deutschlands zu schaffen. Der Gedanke war mir aber zu kühn und die Verantwortlichkeit dafür zu groß, um ihn zur Ausführung zu bringen. Ein Mann meines Alters darf überhaupt solche kühnen Gedanken nicht mehr faffen, selbst jüngeren Rabbinern stünden sie nicht zu; allein die Vorstände unserer größeren Gemeinden, insbesondere der zu Berlin, dürften dazu berufen erscheinen, und diesen mag es auch überlassen bleiben, die gesammte Judenschaft Deutschlands, wenn auch nicht unter einen Hut, doch unter eine einheitliche Leitung mit provinzialen Verzweigungen zu bringen. Ich würde mich glücklich schätzen, diesen Gedanken von gutem Erfolge gekrönt zu sehen. Gießen, am 1. Mai 1894. Brief aus Neu-Seeland. Von Reverend A. T. Chodowski in Dunedin. . Sch erfülle hiermit das Versprechen, welches ich Ihne», geehrter Herr Redakteur, in meinem am 21. August 1896 in Ihrer geschätzten Zeitung veröffentlichten Briefe gab, Näheres hinsichtlich der religiösen und sozialen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen in den australischen Kolonien mitzutheilen, d. h. soweit ich dies als einfacher Beobachter, der in zwei Kolonien wie in Großbritannien Rabbiner gewesen ist, zu beurtheilen im Stande sein mag. Der beschränkte Raum gestattet mir natürlich nur eine Skizze und keinen erschöpfenden Bericht, wie ich ihn für eine Zeitschrift liefern würde. Ich gab Ihnen früher schon einige Einzelheiten aus eigener Erfahrung über die jüdischen Gemeinden in den australischen Kolonien, die in ihnen wirkenden Rabbiner und einige statistische Notizen über die jüdische Bevölkerung. Jetzt kann ich Ihnen an der Hand amtlicher Angaben folgende Ziffern über die jüdische Bevölkerung in den gesammten australischen Kolonien am Schluß des letzten Jahres nennen: Neu-Süd-Wales . . . , .6 235 Juden Victoria. > . . 6 097 „ Queensland. . . 946 Süd-Australia. . . . . . 937 „ West-Australia. . . . . . . 283 „ Tasmania . . . . . . . . 92 „ Neu-Seeland ... . . . 1634 „ Summa 16 621 Juden. Die Gesammtbevölkerung aller Kolonien beträgt 4 238 369 Einwohner. Da mir die Verhältnisse in Tasmania fremd waren, konnte ich Ihnen in meinem letzten Schreiben nichts darüber berichten. Heute kann ich Ihnen mittheilen, daß sich in Hobart, der Hauptstadt von Tasmania, eine würdig ausgestattete Synagoge befindet, in der vor 25 Jahren eine zahlreiche Gemeinde sich zum Gottesdienst zusammenfand. Seit jener Zeit ist indessen die Zahl der jüdischen Familien in Hobart allmälig so sehr zurückgegangen, daß die Synagoge nur noch an Sabbathen und Festtagen benutzt wird. Aber durch die Großmuth einiger Gemcindemitglieder ist das Gebäude »och immer Eigenthum der in Hobart lebenden Juden und mag vielleicht durch eine glückliche Schicksalswendung wieder zum Mittelpunkt jüdischen Lebens werden. Der Grund hierfür ist einfach in dem Niedergang des Handels und der Auswanderung der Bevölkerung nach anderen Plätzen zu suchen. Das Beispiel von Hobart steht nicht vereinzelt da. Es giebt noch andere Städte, in denen einst blühende Gemeinden jetzt zu existiren aufgehört haben, z. B. Hokitika, an der Westküste von Neu-Seeland. Als dort im Jahre 1862 Goldminen entdeckt wurden, ließ sich eine Anzahl Juden an diesem Platz nieder, die einige Jahre dort blieben und für diese Zeit einen Rabbiner in einer eigenen Synagoge anstellten. Aber nach Ausbeutung der Goldfelder giebt es dort nur noch sehr wenige jüdische Familien. Aehnliche Beispiele bieten Timaru, ebenfalls in Neu-Seeland, und Maitland, im Inneren von Neu-Süd-Wales. Beide hatten eigene Synagogen, die letztere sogar noch vor wenigen Jahren einen Rabbiner. Jetzt können die jüdischen Familien dort an den Fingern einer Hand hergezählt werden. Auch in der Kolonie Queensland, wo ich drei Jahre lang Rabbiner in Brisbane war, bietet die nächst Brisbane bedeutendste Stadt, Toowomba, in einer für Landwirthschaft und Viehzucht außerordentlich günstigen Provinz gelegen, ein gleiches Beispiel. Dort bestand einst eine zahlreiche Gemeinde, welche ein 200 Personen faffendes würdiges Gotteshaus erbaute und viele Jahre einen Rabbiner unterhielt. Die Gemeinde hat sich bis auf wenige Familien aufgelöst, ihren Rabbiner entlassen, die Synagoge wird nur noch bei gelegentlichen Gottesdiensten von einem aus Brisbane kommenden Wanderredner benutzt und der Kultus von einigen Mitgliedern an den Festtagen aufrecht erhalle». Diese wenigen Beispiele sind typisch für die religiösen Verhältniffe in den gesammten australischen Kolonien. Herbeigezogen durch die augenscheinlich günstigen Erwerbsbedingungeil eines Distrittes, pflegen die Juden dort so lange zu bleiben, wie elftere währen, und halten ihr Judenthum; mit dem Aushören der Prosperität ihres