Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 und lebenslang gewöhnt, die Menschen nicht nach ihrem Glaubensbekenntniß, sondern nach ihrer Gesinnung, nach ihrem Charakter zu werthen, waren die Reaktion und der Obskurantismus unserer Tage der große Kummer seines Greisenalters. Vertrauten Freunden gegenüber hat er oft geäußert: „Ich bin nur froh, daß ich bald abgerufen werde. Wer weiß, was ich sonst noch erleben müßte!" An seiner Bahre fallen uns die Worte Herders ein: „Die Religion ist die höchste Humanität des Menschen." Die liebenswürdige Erscheinung Levis wird Allen, die ihn gekannt und verehrt haben, unvergessen bleibe». Das Lcichenbegängniß am 7. d. M. legte Zeugniß ab für die große Beliebtheit des Verstorbenen. Nachdem der dem Wunsche des Entschlafenen gemäß schmucklos gebliebene Sarg der Erde übergeben, hielt der seit zwei Jahren wirkende Nachfolger, Herr Provinzialrabbiner Dr. Sander, die Grabrede. Derselbe führte aus: An diesem Grabe zieme es sich nicht, zu klagen, da Alle in aufrichtiger Verehrung des Entschlafenen den Wunsch des alten Sehers (4. B. M. 23, 10) hegten: „Möchte doch meine Seele den Tod der Redlichen sterben und mein Ende dem seinigen gleichen!" Das Lebendes Heimgegangenen stelle eine so vollkommene Harmonie zwischen Mühe und Erfolg, Arbeit und Anerkennung dar, sei so sehr voll der göttlichen Vorsehung begnadet gewesen, daß wir mit dem Tode versöhnt sein müßten, dem auch die Auserlesensten nach unbeugsamen Gesetzen nicht entgingen. Wie die Familie ihres Stolzes sich beraubt sehe, so habe die Religionsgemeinde Gießen ihre Krone, die Bürgerschaft eine ihrer schönsten Zierden verloren. In seiner Eigenschaft als Rabbiner habe er das wahre Priesterthum im wahren Menschenthum gesehen, die Wahrheiten, die er durch eifriges Studium sich errungen, hat er gekündet; tief wurzelnd in den Lehren seiner Religion, war er duldsam auch gegen die Ueberzeugung Anderer; darum forderte er auch von Anderen Duldsamkeit. Durch seine Güte und Milde eroberte er die Herzen Aller, mit denen er in Verkehr trat. Von strengster Wahrhaftigkeit beseelt, kam nie ein Wort übler Nachrede über seine Mitmenschen aus seinem Munde; muthig und schlagfertig, wenn es galt, seine eigene Ehre und Würde zu vertheidigen, blickte er mit Verachtung herab auf kleinliche Angriffe. Ein hervortretender Zug seines Charakters war seine Versöhnlichkeit. Wie er den Menschen sich zeigte, so war sein Inneres beschaffen, aber die rührendsten Züge edler Selbstlosigkeit entzog er der Oeffentlichkeit, diese durften nur die intimsten Freunde wahrnehmen. Dem Verblichenen ist auch die höchste Anerkennung zu Theil geworden durch Heffens erlauchte Fürsten, durch die hohen Staats- und Stadtbehörden, die bei jeder Gelegenheit dem Greise ihre Verehrung zollten. „Das Andenken dieses Gerechten wird zum Segen sein." — Kommerzienrath Heichelheim hob die Verdienste des Entschlafenen als Lehrer und Freund jedes Einzelnen hervor, betonte seine Friedfertigkeit und Duldsamkeit, Tugenden, welche der israelitischen Religionsgemeinde die geachtete Stellung innerhalb der hiesigen Bürgerschaft erwarben. — Rabbiner Dr. Selver aus Darmstadt verherrlichte den Dahingeschiedenen als einen Vorkämpfer der liberalen Anschauungen innerhalb des Judenthums, schilderte, welche Anerkennung und tiefe Verehrung ihm die Gesammtheit der deutschen Rabbiner entgegengebracht hat. — Rabbiner Dr. Goldschmidt aus Offenbach rühmte die Herzenseigenschaften des Heimgegangenen, vor allem die scharf ausgeprägte Kollegialität, die sich bei freudigen und traurigen Anlässen in rührender Weise kundgab. — Lehrer Wertheimer aus Heldenbergen stattete im Namen des hessischen Lehrerverbandes dem theuren Entschlafenen seinen Dank ab für die große Verdienste um die israelitischen Lehrer Hessens, die ihren sichtbarsten Ausdruck durch die Gründung der Vereinigung fanden. Hinzufügen wollen wir nur noch, daß am Sonnabend den 8. d. Mts. eine Trauerfeier in der Synagoge in Anwesenheit der Söhne des Verstorbenen stattfand. Die Gedächtnißrede hatte zum Text die Worte des Sabbathpsalms 92. „Der Gerechte blüht wie eine Palme." Mit diesem Spruch des Psalmdichters, der sich in dem Leben dieses Mannes voll bewährte, scheiden wir von ihm. Sein Andenken aber wird fortleben in Israel. Gin Stückchen Autobiographie. Bon Provinzialrabbiner Dr. Benedikt Levi s. 2t.1) ehr geehrter Herr! Für Ihre gefällige Zuschrift vom 26. d. M. Tgf) meinen verbindlichsten Dank sagend, habe ich vor allem zu bedauern, daß Ihre Annahme, ich sei Mitglied der drei Rabbinerversammlungen in den Jahren 44, 45 und 46 gewesen, eine irrige ist. Ein ganz eigenes, zum Theil trauriges Geschick hat mich daran gehindert. Nach Braunschweig zu kommen, war ich amtlich gehindert; zur Zeit der Versammlung in Frankfurt war ich in tiefe Trauer um den Tod meiner Frau versetzt; und die weite Reise mit längerer Abwesenheit nach Breslau zu machen, war mir nicht möglich, weil ich meine vier kleinen Kinder nicht so lange fremden Leuten anvertrauen durfte. Kann ich nun zu meinem Bedauern Ihrem Wunsche, meine Erinnerungen aus diesen Zeiten niederzuschreiben und Ihnen mitzntheilen, nicht Nachkommen, so werden Sie doch, denke ich, nachfolgende kleine Notizen nicht ungern entgegennehmen. Schwerlich hat ein anderer Rabbiner unserer Zeit lebhafter als ich den Wunsch gehegt, es möchten zur besseren Gestaltung unserer religiösen Verhältniffe von Zeit zu Zeit Rabbinerversammlungen stattfinden. Dieser Wunsch ist gleichsam mit mir verwachsen, und seit ich Rabbiner bin, also seit 1829, kam er mir nicht aus den Gedanken. Dazu trug nicht wenig bei, daß meine selige Mutter mir oft davon sprach, mein Vater b""i sei Mitglied des großen Sanhedrin in Paris gewesen, dem er, sowohl dem vorbereitenden wie dem wirklichen, in den Jahren 1806/1807 als sehr thätiges Mitglied angehörte (er sprach nämlich perfekt französisch), und in deffen Folge er von Worms, wo er lange Rabbiner gewesen, nach Mainz als Grandraddin et President du Consistoire du Departement de Tonnere berufen worden, wo er leider schon 1813 verstarb. Diese Reminiscenz fand reiche Nahrung durch einen über meinem Bett hängenden, 75 Centimeter breiten, 56 Centimeter hohen Kupferstich, das Sanhedrin darstellend, auf dem ich in dem vierten Porträt zur Rechten des Präsidenten meinen seligen Vater erkannte, und den ich so täglich vor Augen hatte und noch habe. Das in Deutschland gewiß seltene Bild trägt die Unterschrift: Grand Sanhedrin des Israelites de 1’Empire fran^ais et du Royaume d’Italie, convoque ä Paris par Ordre de Napoleon — le Grand, assemblee pour la premiere fais le 9 Fevrier 1807. In den ersten 10 Jahren meiner Amtsführung fühlte ich mich zu jung (ich war bei meinem Amtsantritt kaum 23 Jahre alt), um an die Rabbiner Deutschlands eine Aufforderung zu Rabbinerversammlungen zu erlassen; wohl aber habe ich in dieser Zeit mit Geiger, als er noch in Wiesbaden war, über die Nothwendigkeit solcher Versammlungen korrespondirt, ohne aber zur Einigung mit ') Wir hatten den Verstorbenen s. Z. aufgefordert, zum Jubiläum der Rabbinerversammlungen uns aus dem Schatze seiner Erinnerungen einen Aufsatz zu schreiben. Er gab unS damals die obige Antwort, die heute sicher von doppeltem Jntereffe sein wird. Die Red.