Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
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- 173 - zu versammeln, wo dann der Rabbiner die neuesten Nachrichten aus Pariser Zeitungen seinen Zuhörern ins Deutsche übertrug. 1807 wurde Samuel Levi in das Sanhedrin zu Paris berufen, dem er ein volles Jahr anwohnte. 1808 erhielt er das Großrabbinat zu Mainz, das er bis zu seinem Tode 1813 verwaltete. Kurz vor feinem Hingang hatte ihn der Kaiser Napole on in längerer Audienz empfangen. Ueber all diese Dinge findet man in der folgenden Skizze das Nähere. Der junge Benedikt genoß in Mainz den ersten Schulunterricht. Dort sah er 1812 Napoleon auf seinem Zuge nach Rußland über die große Bleiche ziehen. Sein Lehrer Eisik Schwalje hob ihn in die Höhe und rief: „Sprich den Segen!" So schreibt die jüdische Lehre beim Anblick eines gekrönten Hauptes vor. 1816 bis 1819 besuchte Benedikt die israelitische Realschule des bekannten Dr. Michael Creizenach. Nachdem er fünf Jahre lang bei den Rabbinern Weißmann und Kastel in Mainz den Talmud studirt, bezog er 1824 die Universität Würzburg, wo der bedeutende Talmudgelehrte Abraham Bing zahlreiche junge jüdische Theologen um sich versammelt hatte. Benedikts Jahreswechsel lautete auf 200 Gulden. Daß er bei dieser geringen Summe oft in harte Bedrängniß gerieth. war natürlich. Immerhin wußte er sich mit Humor in seine Lage zu schicken; vorübergehend half ihm die Großmuth eines vermögenden Anverwandten aus der Geldnoth. Bei den Professoren Metz und Wagner hörte er Philosophie und Geschichte; Hebräisch, Syrisch und Chaldäisch bei Schwarz, Aesthetik und Pädagogik bei Fröhlich. Dem Aufstrebenden blieben innere Kämpfe nicht erspart, aber über die Periode des Zweifels hinweg rang er sich zu ruhiger Klarheit durch. Er fand die Formel, die Prinzipien des Judenthums mit denen der Philosophie zu vereinigen und das Ceremonienwesen nicht als Religion selbst, sondern als Mittel zur sittlichen Veredelung des Menschen zu betrachten. Auf das empfängliche Gemüth des Jünglings machte die herrliche Umgebung Würzburgs tiefen Eindruck. 1826 unternahm er eine Fußreise in die Schweiz. 1827 begab er sich nach Gießen, dort seine Studien abzuschließen und den philosophischen Doktorgrad zu erwerben. Nachdem er 1828 erfolgreich öffentlich doktorirt hatte, wurde er rite promovirt. Der Zufall fügte, daß der derzeitige Rabbiner Dr. Wolff in Gießen einen Ruf nach Kopenhagen erhielt und annahm. Levi bewarb sich um die vakante Stelle und hatte die Genugthuung, freilich nach Ueberwindung von mancherlei Schwierigkeiten, im 23. Jahre zum Rabbiner von Gießen ernannt zu werden. Am 15. November 1829 trat er sein Amt an. Nach 40 jähriger glücklicher Regierung war Ludwig I. von Hessen gestorben. Sein Sohn Ludwig II. bereiste bei seinem Regierungsantritt die Provinz Oberhessen. In Gießen empfing er den Rabbiner Dr. Levi und die Gemeindevorsteher Bock und Hirschhorn in Audienz. Levi überreichte dem Großherzog ein Huldigungsgedicht, an dessen Spitze das Motto stand: „Uno David, der Sohn Jsai, herrschte über ganz Israel. Und die Zeit, da er über Israel gebot, war 40 Jahre. Und er starb in hohem Greisenalter, satt an Jahren, Reichthum und Ehre. Und es regierte Salomo, sein Sohn, an seiner Stelle." (I. Chronik. Kap. 29. B. 26.) Diese sinnige Beziehung auf seines Vaters gesegnete Regierungszeit und auf ihn selbst als dessen Nachfolger gefiel dem Großherzog so wohl, daß er die Widmung bei der Hoftafel von Hand zu Hand gehen ließ und wiederholt seinen Beifall darüber äußerte. Ludwig II. war es auch, der Levi das Versprechen gab, sämmtliche jüdischen Gemeinden der Provinz Oberhessen dem Rabbinat in Gießen zu unterstellen^ 1832 führte Levi die anmuthige Henriette Mayer aus Mannheim als Gattin in sein Haus. Diese gemüthreiche und geistig hochstehende Frau war bis zu ihrem frühen Hinscheiden (1842) eine der anziehendsten Erscheinungen der Gießener Gesellschaft. Die Besten bewarben sich um ihre Freundschaft. Sie war eine ausgezeichnete Klavierspielerin, und ohne Zweifel hat ihr Sohn Hermann, der Generalmusikdirektor in München, seine musikalische Begabung von ihr empfangen. 1842 raffte eine tückische Krankheit sie hinweg. Der erste Stadtpfarrer, Kirchenrath Dr. Engel, hielt ihr die Grabrede, und der Uinversitätsprofeffor Scharfer widmete ihr in der „Didaskalia" einen warm empfundenen Nachruf. Levi war ein entschiedener Anhänger der Reform im Judenthum von Beginn seiner Wirksamkeit bis zum Tode, und auch die Ereignisse der letzten Jahrzehnte vermochten ihn in seiner freisinnigen religiösen Weltanschauung nicht zu beirren. Unter den litterarischen Arbeiten Benedikt Levis verdient seine 1832 veröffentliche Abhandlung „Beweis der Zulässigkeit des deutschen Choralgesanges mit Orgelbegleitung bei dem sabbathlichen Gottesdienste der Juden" genannt zu werden. Der Verfasser vertritt die Ansicht, daß es mit den äußerlichen kirchlichen Formen eine ähnliche Bewandtniß habe wie mit den Formen des Lebens, die sich der Bildungsstufe und den erhöhten Anforderungen des Zeitalters anpaffen müssen. Er liefert als Gesammtresultat seiner Betrachtungen den Beweis, daß der deutsche Choralgesang mit Orgelbegleitung beim sabbathlichen Gottesdienst nicht nur aus reinen Vernunftgründen, sondern positiv nach den Zeugnissen des Talmud und seiner angesehensten Interpreten zulässig sei. Durch Levis Schrift, die im dritten Bande des „Archivs der Kirchenwissenschaft" publizirt wurde, weht der Geist echter Frömmigkeit, Duldung und Menschenliebe. In segensreicher Amtsthätigkeit schwanden Levi die Jahrzehnte dahin. Bei seinen Landesfürsten, deren er fünf den Thron besteigen sah, stand er stets in Gunst. 1878 feierte er sein 50 jähriges Doktorjubiläum, 1879 sein 50 jähriges Amtsjubiläum. Der Universität, deren philosophische Fakultät ihm das Doktordiplom ehrenvoll erneuerte, machte der Jubilar seine gesammten werthvollen talmudischen, rabbinischen und hebräischen Schriften, eine stattliche Bibliothek, zum Geschenk. Während der Winter des Lebens Flocke um Flocke auf das Haupt des würdigen Mannes streute, erlebte sein Herz die Freude, seinen Sohn Hermann, den genialen Dirigenten, Sprosse um Sprosse an der Ruhmesleiter emporklimmen zu sehen. 1882 wohnte er der Aufführung des „Parsifal" unter seines Sohnes Leitung in Bayreuth bei. An seinem 80. Geburtstage ward Dr. Levi die Ueberraschung zu Theil, von Lenbach, dessen Bekanntschaft er während eines längeren Aufenthaltes in München gemacht hatte, sein wohlgetroffenes Porträt als Geschenk zu erhalten. „Das Bild", zeichnet Levi auf, „ist ganz lenbachisch, weniger ähnlich im gewöhnlichen Sinne, als charakteristisch treu. Die Leute meinen aber, ich sei zu alt gemalt, so dürfte ich an meinem 90. Geburtstag aussehen. Wenn dem so ist. so theile ich das Schicksal des Papstes Leo XIII., der, wie mir Lenbach sagte, geäußert, er habe ihn älter gemalt, als er sei." In der That gewinnt es den Anschein, als ob Meister Lenbach mit seinem Porträt Levis anticipando eine zarte Anspielung auf dessen Centenar-Geburtstagsfeier beabsichtigt habe. Das Schicksal hat es anders gefügt. Zwar spät, und doch seinen Kindern, seinen Freunden und Verehrern zu früh, ist der Ehrwürdige nun dahingegangen. 1897 trat Levi in den Ruhestand. Im Februar dieses Jahres feierte er noch in voller Rüstigkeit sein 70jähriges Doktorjubiläum. Die markantesten Charakterzüge Levis waren Menschenfreundlichkeit und Duldsamkeit. Aufgewachsen in den großen Humanitären Ideen des beginnenden 19. Jahrhunderts, Zeuge des Jahres 1848