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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-14 · Heft 15 (14.4.1899) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 15 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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MM 172 Die Exzesse gegen die Juden in Nachod haben keineswegs, wie man behauptete, einen sozialistischen, sondern vielmehr einen rein antisemitischen Charakter getragen. In Eipel, ebenso wie in Rothkosteletz und Nachod, besteht die Arbeiterschaft aus Tschechen. Die sozialdemokratischen Parteiorgane in Prag und Wien betonen ausdrücklich, daß die sozialdemokratischen Arbeiter sich an den Nachoder Ausschreitungen und Plünderungen nicht betheiligt haben. Schon vor Wochen stand in dem tschechischen Fachblatte „Textilnik" wörtlich: „Am heftigsten wird der Kampf bei dem Juden Pick sein, wie wir ihn noch nie gesehen haben." Vor zwei Wochen war der Brünner Arbeiterführer und Reichsrathsabgeordnete Hybesch in Nachod, um selbst die Verhandlungen zu leiten; er konnte sich überzeugen, daß die Arbeiter durch unwahre und entstellte Mittheilungen einen vollkommen zwecklosen Kampf führen, und daß die Drohungen sich stets nur gegen die Juden kehren. Die „Jüdische Volkszeitung" berichtet weiter: Die Behörden aber blieben unthätig. Sie hatten absolut keine Vorsorge getroffen, und als endlich die Unruhen am 5. April ausbrachen, war nicht nur kein Schutz vorhanden, sondern es wurden unter den Augen der Behörde und unter der fördernden Antheilnahme der bürgerlichen Bevölkerung die Juden geplündert. Bereits früh rotteten sich die Arbeiter, verstärkt durch arbeitslosen Pöbel, am Hauptplatze zusammen, und unbedingt wußte Jeder, daß die Situation direkt gefährlich sei. Als die Exzesse um 7 Uhr Abends begannen, war kein Militär zur Verfügung, die Gendarmerie erwies sich machtlos, die Sokolisten, Feuerwehr und die anderen bürgerlichen Vereine blieben unthätige Zuschauer, und unter Musikbegleitung wurden in der ganzen Nacht die Plünderungen fortgesetzt. Acht Geschäftslokale wurden zerstört und ausgeraubt; sämmtliche Inhaber derselben sind Juden; es wurden Brandstiftungen verübt und die Fabriken direkt gestürmt. Erst um 7 Uhr früh traf Militär aus den benachbarten Garnisonsorten ein, und wenngleich dies wesentlich zur Beruhigung beitrug, ist die Situation noch immer sehr kritisch. Der angerichtete Schaden wird auf mehr als 80 000 Gulden geschätzt. Es war die Pflicht der Behörde, diesen wohlüberlegten Raubzügen gegenüber die Leute, welche zu den Höchstbesteuerten gehören, an ihrem Eigcnthum zu schützen, und diese Pflicht wurde einfach vernachlässigt. Die Mehrzahl der Betroffenen ist an den Bettelstab gebracht, und wiederum werden sie, gleichwie im Vorjahre in Prag, ihrer Ersatzansprüche verlustig, weil hier „eine Lücke im Gesetz" ist. Und wenn schon die Behörde so leise sympathisch der Judenhetze ruhig zusteht, so ist es zumindest ihre Pflicht, diese „Lücke im Gesetz" auszufüllen. * Diesmal scheint in Frankreich wirklich „die Wahrheit auf dem Wege zu sein". Ueber Berge von Hinderniffen hinweg, auf vielfach gewundener Bahn hat sie sich durchgerungen, nach den Veröffentlichungen der letzten Tage ist auch der letzte Zweifel daran beseitigt, daß Dreyfus unschuldig ist. Im Jahre 1894 ist er durch ein unerhörten Beeinfluffungen ausgesetztes, durch falsche Zeugniffe irregeführtes Kriegsgericht des Vaterlandsverraths schuldig befunden worden. Man hat ihn lebendig begraben, mit ihm seine Ehre, die Deckplatte seiner Gruft bildete das „Bordereau", als desien Schreiber seine Richter ihn betrachtet hatten. Aber Die, die sein Verderben planmäßig herbeigeführt hatten, mußten fürchten, daß dieser Gruft- - decket nicht schwer genug sei,, und so wälzten sie in den der Verurtheilung folgenden Jahren eine Lüge, eine Fälschung nach der anderen darauf, bis sie die Stimme des Begrabenen cndgiltig erstickt glauben konnten. Aber sie hatten die Rechnung ohne Zola und die anfangs schier lächerlich kleine Schaar seiner Gesinnungsgenoffen gemacht. In unablässiger selbstaufopfernder Arbeit haben diese Stein um Stein, Trug um Trug weggeräumt, unbekümmert lim die sie umtobende Wuth der Grabeshüter, der Fälschersippschaft im Generalstab und ihrer Helfer in Preffe, Parlament, Gerichtshöfen und Regierungen. Die Aussagen des Generals Roget auf der einen und des Majors Hartmann auf der anderen Seite sind entscheidend für das Urtheil. Aus der ersteren interessirt uns vor allem die jammervolle Aeußerung, die als Beweggrund für den Verrath von Dreyfus die Thatsache angiebt, daß er durch „ein schlechtes Abgangszeugniß der Kriegsschule erbittert gewesen und dieses als eine ihm in seiner Eigenschaft als Israelit widerfahrene Ungerechtigkeit angesehen habe". Die Aussage des Artilleriemajors Hartmann dagegen beseitigt auch den letzten Schein von Möglichkeit für die Annahme, daß ein Artillerieoffizier das Bordereau geschrieben haben könne. Es hätte dieses Nachweises eigentlich gar nicht mehr bedurft, um die Unschuld des Hauptmanns Dreyfus festzustellen, aber es ist gut, daß selbst dieses Ueberflüssige geschehen ist. Jeder menschlich Fühlende wird jetzt nur noch den Wunsch hegen müssen, daß es Dreyfus vergönnt sein möge, die Ehrenrettung zu erleben, die ihm der Spruch der vereinigten drei Kammern sicher bieten wird. * Der Zar hat eine sehr wichtige Entscheidung getroffen, welche den russischen Juden vielleicht einen Weg zur Verbefferung ihrer Lage eröffnen kann. In Elisabethgrad befinden sich zwei Gruppen von jüdischen Familien, welche, da es ihnen sehr schlecht geht, sich an den Zar mit einer Petition wendeten, um die Erlaubniß auszuwirken, eine Ackerbaukolonie einzurichten. Die eine Gruppe besteht aus 70 Familien, die andere aus 40. Vor einigen Tagen wurde nun den Wortführern beider Gruppen von den Behörden eröffnet, daß der Zar ihre Bitte genehmigt und die Verfügung erlassen habe, daß im Gouvernement Jekatarinoslaw eine jüdische Ackerbaukolonie für IM Familien eingerichtet werden darf. Da die sämmtlichen jüdischen Familien, die dafür in Frage kommen, außerordentlich arm sind, so haben dieselben einen gewissen Leviski als ihren Bevollmächtigten nach Petersburg geschickt, um dort mit oder ohne Hilfe der flervisti Kolonisation Association die nöthigen Mittel aufzutreiben. Promnzialrabbrner Ar. Levi. f ie Nachricht von dem Hinscheiden des ältesten deutschen Rabbiners ist durch die gesammte Preffe gegangen, und überall ist sie mit inniger Theilnahme ausgenommen worden. So wird nunmehr wohl auch ein längerer Naurus auf den trefflichen Mann in jüdischen Kreisen allgemeinem Interesse begegnen. Langes Siechthum ist dem rüstigen Greise erspart geblieben, schmerzlos und friedlich ist er hinübergeschlummert. Wer den Heimgegangenen vor wenigen Tagen in wahrlich seltener geistiger und körperlicher Frische durch die Straßen Gießens wandeln sah, der mochte ihm noch eine Reihe von Jahren zutrauen. Nun hat ihn unerwartet und rasch der Tod ereilt. Benedikt Levi, einer altbekannten Rabbinerfamilie entstammend, wurde am 14. Oktober 1806 als der Sohn des Rabbiners Samuel Wolf Levi zu Wornis geboren. Sein Vater gehörte zu den wenigen Rabbinern des vorigen Jahrhunderts, die mit großem rabbinischen Wiffen humanistische Bildung und beste gesellschaftliche Formen verbanden. Als die Franzosen 1793 das linke Rheinufer überschritten, flüchtete er. in der Besorgniß, als einer der Notablen der Stadt nach Frankreich als Geisel geführt zu werden, in Begleitung anderer Bürger nach Frankfurt a. M. Dort fand er elf Monate lang ein Asyl, bis in Worms Ruhe und Ordnung zurückgekehrt waren. Samuel Levi war der französischen Sprache vollkommen mächtig. In seinem Hause pflegten sich längere Zeit Bürgermeister und Gemeinderath von Worms

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