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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-14 · Heft 15 (14.4.1899) · p. Seite 171

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 15 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
Seite 171 (sequence 3)
Language
German
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- 171 - die „Reichsglocke" und ihre Adepten gegen ihn ausgestreut hatten. Natürlich spielt dabei Meyer Anselm von Rothschild eine Rolle, aber die Gesinnung des Fürsten gegen diesen ist immer eine ziemlich freundliche. Noch freundlicher ist die Gesinnung des Fürsten gegen Bleichröder, von dessen Verdiensten er wiederholt berichtet, während er der österreichischen Regierung den Vorwurf macht, daß sie sich mehr als gut mit Baron Hirsch eingelassen habe. Bei einem Diner bemerkte Busch, Bleichröder habe sich seit 1871, wo er ihn in Versailles bei Tisch gesehen, fast gar nicht verändert. „Ja, persönlich nicht" — versetzte der Fürst witzig, — „aber in seinem Vermögen wesentlich." An solchen und ähnlichen Scherzen, wenn sie sich auch nicht immer gegen die Juden richten, ist der dritte Band der Tagebuchblälter von Busch sehr reich. Das Amüsanteste ist die Judenriecherei des Mannes. Wer irgendwie gegen den Fürsten schreibt, hat Judenblut in seinen Adern. Auch der englische Minister Göschen und der russische Minister Giers werden unter die Juden eingereiht. Gelegentlich läuft überdies auch eine kleine Verleumdung gegen Ludwig Loewe oder eine andere böse Geschichte mit unter. Bei Tische und in heiterer Stimmung mag Fürst Bismarck derartige Mittheilungen angehört haben. Busch hielt das für Zustimmung. Wie wenig aber Fürst Bismarck seine Ansichten in dieser Beziehung theilte, haben wir schon auseinandergesetzt. Ja, Busch ist selbst genöthigt, wiederholt Aeußerungen des Fürsten zu referiren, die er nicht in der Weinlaune, sondern in bitterem Ernst gethan, und die sich sehr scharf gegen diese Notizenjägerei wendet. So sagte der Fürst einmal zu Busch: „Sie merken nicht mehr so gut wie früher, sind älter geworden, und Sie wollen meinen inneren Menschen errathen und darstellen nach fragmentarischen Beobachtungen, die zum großen Theil unvollständig sind. Sie ziehen Schlüffe aus gelegentlichen Aeußerungen, die Sie unter dem Tischtuch notirt haben. Ich spreche bei Ihnen immer im Ernst, als ob ich es zu beschwören hätte." In die Kategorie der Aeußerungen, die unter dem Tischtuch notirt wurden, gehören wohl auch die Ausfälle gegen die Juden. Wenn wir von diesen abziehen, was Busch dem Fürsten in den Mund gelegt, so bleibt das Fazit der Betrachtungen doch die Ueberzeugung, der wir schon nach dem Tode des Fürsten Bismarck Ausdruck gegeben, daß der erste Kanzler des Deutschen Reiches nicht zu den Gegnern der Juden gehört hat, und daß der Antisemitismus für ihn nur ein Mittel war, dessen er sich bediente, wenn er seiner bedurfte, dessen er sich aber rasch entledigte, sobald es seine Schuldigkeit gethan hatte. Are Woche. Berlin, 12. April. ^vh^nmittelbar vor einer Wahl kommt es gewöhnlich zu einigen scharfen Auseinandersetzungen zwischen Konservativen und Antisemiten. So sah sich jüngst die Kreuzzeitung veranlaßt, wieder einmal sich mit der antisemitischen deutsch-sozialen Reformpartei aus einander zu setzen, indem sie versicherte, die äußere Erscheinungsform der Agitation muthe die Deutschen so wenig an, „daß sie vom offiziellen Antisemitismus nichts, am liebsten gar nichts mehr hörten". Das konservative Blatt fährt dann fort: „Man wird vielleicht einwenden, daß die Bewegung, zahlenmäßig betrachtet, gleichwohl im Fortschreilen sei oder doch keinen erheblichen Rückgang zeige. Das mag zutreffen. Für die sehr bemerkbare Abkühlung, die in den Reihen der höheren Gesellschaftsklassen eingetreten ist, kann das jedoch keinen ausreichenden Ersatz bieten. Mit Handwerkern und kleinen Gewerbetreibenden allein lassen stch, so achtbar diese Elemente als solche sein mögen, keine durchgreifenden Erfolge erringen, weil ihnen der soziale Einfluß und zum Theil auch die soziale Unabhängigkeit fehlen." Die Antisemiten von der strikten Observanz werden die Antwort nicht schuldig bleiben. Jndeß hat dieser kleine häusliche Krieg nichts zu bedeuten. In der Hauptsache sind die edlen Brüder doch einig. * Graf Pückler in Klein-Tschirne ist der neueste Nationalheros des Antisemitismus. In Berlin hat man ihn sogar als Zählkandidaten aufgestellt, und er hat in der That im Ganzen 120 Stimmen erhalten. An die Antisemiten aller Länder richtet sich ein Aufruf, den die Blätter dieser Partei bringen, und der den Zweck versolgt, in dem Namen des Heros von Klein-Tschirne sich zu vereinigen. Inzwischen soll die Hauptverhandlung in der Strafsache gegen den Grafen Pückler wegen Aufreizung zum Klaffenhab demnächst vor der Strafkammer in Glogau stattfinden. Vertheidiger des Angeschuldigten ist der antisemitische Rechtsanwalt und Abgeordnete Dr. Vielhaben in Hamburg. Bekanntlich hat der redselige Graf wegen „Behinderung" die Aniisvorstehergeschäfte seinem Stellvertreter, Rittergutsbesitzer Rielsch in Brieg, übergeben. Dazu schreibt der „Niederschlesische Anzeiger": „Wie wir aus einem uns vorliegende» Schreiben des Herrn Oberprästdcnten der Provinz Schießen ersehen, hat dieser die Erwägung etwaiger disziplinarischer Maßregeln gegen den Amtsvorsteher Grafen Pückler in Klein-Tschirne bis zum Ausgange des gegen denselben eingeleiteten gerichtlichen Verfahrens zurückgestellt." * Die zionistische Kolonialbank, deren Prospekt in allen Blättern veröffentlicht wurde, zeigt einerseits so recht deutlich, welchen Utopien sich die Anhänger jener Richtung hingeben, und andererseits, wie gering trotz aller großen Worte die Hoffnungen sind, welche die Führer selbst auf das Gelingen ihres Werkes setzen. Gleich im Anfang wird ein Kapital von zwei Millionen Pfund Sterling als Stammkapital nominirt. Wenige Zeilen später wird es auf 250000 Pfund Sterling ermäßigt, und schließlich kommt das Eingeständniß, daß man schon mit 50 000 Pfund Sterling anfangen wolle, d. h. aus dem Zionistischen ins Deutsche übersetzt: man werde sehr zufrieden, ja glücklich sein, wenn man diesen Betrag erhalten sollte. Und mit diesem geringen Effektivkapital sollen nach dem Gründungsprospekt, den ein englisch-zionistisches Blatt in geradezu unerhörter Weise „das bedeutungsvollste Dokument, welches seit dem Eintritt der Diaspora für Israel geschrieben worden", zu nennen gewagt hat, die großartigsten und wichtigsten Dinge vollbracht werden. Mit fünf Millionen Francs will die Bank die Ideen des Zionismus praktisch ausführen, will sie die jüdische Industrie und das jüdische Kapital vor allem in Syrien und Palästina, dann aber auch „in jedem anderen Theile der Welt" fördern, will sie „der türkischen Regierung finanzielle Dienste leisten" und wer weiß, was sonst noch. Wir legen dabei noch wenig Werth darauf, daß in dem Gründungskomitee die jüdische Finanzwelt Europas so gut wie gar nicht vertreten ist, und daß von 26 Mitgliedern 15 dem Osten angehören. Die Hauptfunktionen des Aufsichtsraths sollen darin bestehen, „daß die Zwecke des Zionismus, zu dessen Förderung und Entwickelung die Bank gegründet wurde, stets im Vordergrund gehalten werden". Dieser Punkt scheint wohl der wichtigste zu sein, und man wird, sollte diese merkwürdigste aller Banken wirklich ins Leben treten, darauf zu achten haben, wie die Herren Governors diese Hauptfunktionen ausführen werden.

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