Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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WM 170 Jesuitengesetz gesprochen und gestimmt haben, weil sie eine dunkle Ahnung empfunden haben, daß sich auch gegen fie und ihre Stammesgenossen einmal eine allgemeine Entrüstung erheben und auch gegen sie und ihr Treiben ein Ausnahmegesetz fordern könne." Diese Anregung des Fürsten Bismarck ist für uns natürlich von mehr als geschichtlichem Interesse, und wir bemerken ausdrücklich daß die Gänsefüßchen sich auch in dem Schreiben Buchers, also wahrscheinlich als wörtliche Aussprüche des Fürsten Bismarck vorfinden. Erst nach sieben Jahren kommt Fürst Bismarck in einem Gespräch mit Busch wieder auf die Juden zurück. Er macht diesem Borwürfe darüber, daß er in seinem Buche als ein bitterer, immer kritisirender, neidischer Mensch erscheine, der nichts Großes neben sich sehen und dulden könne, und auch Busch selber sei in diesem Buche schlecht weggekommen. Natürlich versäumt Letzterer die günstige Gelegenheit keineswegs, auf die sogenannte „Judenpresse" zu schimpfen, und Bismarck antwortet ihm: (II. 544). „Nun ja, die Juden hat es verdrossen, daß Sie mich sagen lassen, sie wären keine Maler. Meyerheim ließ mich wissen, daß er kein Jude wäre, nicht einmal sein Großvater. Aber bitter und neidisch erscheine ich doch in diesem Buche, und ich denke, daß ich es nicht bin." Ergötzlicher noch als die Meyerheim-Episode ist in dem neuesten Buche von Busch die Rickert-Episode. Wenn man Busch glauben darf, so haben sich Beide, der Fürst so gut wie er, aufrichtig bemüht, den Abgeordneten R i ck e r t — zum Juden zu machen! Sie dedattirten lange darüber, ob dieser nicht von Juden adstamme, und Herr Rickert wird sich sehr amüsiren, wenn er die betreffenbeu Seiten in dem Buche von Busch lesen wird. Der Verfasser des Buches: „Israel und die Gojim" leitet die Unterhaltung mit der überraschenden Mittheilung ein, daß nicht nur Friedenthal und Beaconsfield, sondern auch Falk, Rickert, Gambetta und Andrafly jüdisches Blut in ihren Adern haben sollen! Am meisten interessirt den Fürsten der Name Rickert, und er fragt: „Ist er auch einer von unseren Leuten?" Darauf erwiedert Busch: „Ich kenne ihn nicht, habe aber so gehört, und er soll sogar ungetauft sein." Hierauf der Fürst: „Das möchte ich doch sicher wiffen. Erkundigen Sie sich doch." Busch versprach's. Fürst Bismarck aber klingelte, ließ sich den Parlamentsalmanach bringen, schlng darin nach und fand, daß Rickert als evangelisch bezeichnet war, vermißte jedoch den Geburtsort und überhaupt Näheres und „erklärte das für verdächtig". Dann bebemerkte er: Friedenthal ist sogar als nationaler Jude aufgetreten. Er leidet's nicht, daß die „Post" Lasker oder die Juden überhaupt angreift. Treitschke hat ihnen gute Artikel geschrieben, die geistreichsten, die sie überhaupt hatten. Als er aber Lasker angriff, kam Friedenthal, der Hauptaktionär ist, dazwischen und verbot ihnen das." Die amüsanteste Episode enthält aber der Schluß des zweiten Bandes. Man muß sie wörtlich citiren, um die ganze Komik dieser Szene begreifen zu können. Es war am 11. Mai 1880, am Schluffe einer Unterhaltung mit dem Fürsten: „Ich fragte, ob er das Judenbuch bekommen habe, das ich etwa 8 Tage vorher dem Kanzleidiener für ihn übergeben hatte." — „Welches?" — „Israel und die Gojim." — „Nein." — „Ich übergab es mit einem Briefe, worin gesagt war, daß es von mir sei, und daß ein Blick auf das Vorwort Durchlaucht vielleicht bewegen würden, dies in Varzin oder Friedrichsruh genauer anzusehen." — Er erinnerte sich des Briefes, suchte nach dem Buche auf dem Schreibtisch und dem Regal daneben und meinte zuletzt: „Wahrscheinlich habe ich es mit hinauf genommen, um im Bett darin zu lesen — oder Thiedemann hat es sich geholt." Ein Urtheil über das Buch gab aber Fürst Bismarck nicht ab, und er kam auch wohl nicht wieder darauf zurück. Sonst hätte Busch das sicher erwähnt. Aber es ist heute doppelt intereffant, sich daran zu erinnern, daß damals Treitschke im fünften seiner Artikel gegen die Inden in den „Preußischen Jahrbüchern" ausdrücklich und feierlich erklärte, daß der Reichskanzler mit jenen Aufsätzen in den „Grenzboten" über „Israel unb die Gojim" absolut nichts zu thun habe, eine Erklärung, die doch — wie wir jetzt, nachdem wir durch Busch die Beziehungen Bismarcks zu Treitschke kennen gelernt — sicher nur auf des Kanzlers Wunsch erfolgt ist. Der dritte Band der „Tagebuchblätter" von Busch enthält die Denkwürdigkeiten mi§ den Jahren 1880—93. Wie die Stimmung des Fürste» in jenen Jahren sich im Allgemeinen gegen die Welt und die Menschen verbitterte, so auch gegen die Juden. Am meisten natürlich gegen Diejenigen unter ihnen, die der Fortschrittspartei angehörten, wie gegen Ludwig Bamberger, dem er den gehässige^ Vorwurf macht, daß er mit dem Gelde anderer Leute ein „wahrhaft liberales" Blatt in Berlin habe gründen wollen, den er nach dem Witz von Busch wiederholt lächelnd Bamberg« nennt. Am 21. Januar 1884 kommt Fürst Bismarck wieder auf die jüdischen Parlamentarier zu sprechen und sagte: „Ja, Bambergs, Lasköre und Rickört, die Streber." — Ich bemerkte: „Lasker arbeitet jetzt wohl nur im Stillen in ihrem Kränzchen. Er hat erfahren, daß er nicht mehr gilt, was er galt. Dreimal bei der Wahl durchgefallen, der große Mann, und die beiden ersten Male in Judenstädten, in Breslau und Frankfurt, dann in Magdeburg." — Er erwiderte: „Ja, ich mache aber bei den Juden einen Unterschied. Die reich Gewordenen sind nicht gefährlich, die gehen nicht auf die Barrikaden und zahlen pünktlich ihre Steuern. Die Strebsamen sind's, die noch nichts haben, besonders die von der Presse, doch sind auch hier wohl die Christen die Schlimmsten und nicht die Juden." — Ich: Rickert will zwar kein Jude sein, ist aber doch wohl einer. Er steht im Parlamentsalmanach als evangelisch verzeichnet." — Er: „Schlagen Sie nur mal in den älteren Jahrgängen nach, da steht weder über seine Herkunft noch über seinen Glauben was. Und ich habe Bleichröder gefragt. Er sagte mir: N. N. (Name unverständlich) sei kein Jude, wohl aber Rickert." — Ich: „Jüdisch genug räsonuirt er jedenfalls." Die ungünstige Stimmung des „Chefs" verbreitete sich auch bald unter den Beamten des Auswärtigen Amtes; selbst ein Lothar Bücher war nicht ganz frei von gehässigen Anwandlungen gegen die Juden. Am 10. Juli 1881 schickt er Busch einen Brief mit dem Bemerken: „Es würde ihn (nämlich Bismarck) gewiß amüsiren, den kostbaren Brief Glasers, der in dem einliegenden Buche eingezeichnet ist, abgedruckt zu sehen." Dieser Brief aber ist eine der gemeinsten Fälschungen, die je vorgekommen sind. Es ist ein angeblicher Brief des ehemaligen österreichischen Justizmiuisters Dr. Julius Glaser an seinen Vater, in dem es heißt: „Noch ein Jahr, und das von Gott auserwählte Volk ist am Ziel seiner zu Paris geschlossenen heiligen Alliance." An die Echtheit dieses Briefes haben weder Bismarck noch Bücher noch Busch sicher auch nur einen Augenblick geglaubt, aber es amüsirte sie, ihn abgedruckt zu sehen, und Bücher beeilte sich, das Schriftstück in dem „Grenzboten" Nr. 29 abzudrucken. Für eine solche Stimmung war natürlich der damalige Hofprediger Stöcker der rechte Mann. Mit Vergnügen verzeichnet Büschchen am 28. Oktober 1881 in seinem Tagebuch, daß auch Exzellenz von Thiele und Bücher ebenso wie er Stöcker gewählt haben. Am 12. November aber meldet er folgende Aeußerung Bismarcks: „Das Centrum von der Scheibe ist verschoben. Das fortschrittliche und sezesstonistische Judenthum mit seinem Gelde ist jetzt das Centrum. Ich wollte erst diese Agitation für Stöcker als Antisemit nicht, sie war mir unbequem und ging zu weit. Jetzt aber freue ich mich darüber, daß der Hofprediger gewählt ist. Er ist ein thätiger, furchtloser, standhafter Mann und hat ein Maul, das nicht todt zu machen ist." Von großem Interesse sind in den Denkwürdigkeiten die Mittheilungen Bismarcks über den Ursprung der Verleumdungen, die