Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-04-14 · Heft 15 (14.4.1899) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 15 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228327--55401-3291600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

63. Jahrgang. Ur. 15. Berlin, 14. April 1899. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr. LutzWjg PHUippson-Bonn. Verlags-Grpedrtion: törrlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgenr. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, 4 Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Leitartikel r Bismarck Posthumus. — Die Woche. — Provinzialrabbiner Dr. Levi. — Ein Stückchen Autobiographie. Von Dr. Benedikt Levi. — Brief aus Neu-Seeland. Von Rev. A. T. Chodowski. — Fehler der Septuaginta und Vulgata als Quellen von Illustrationen und Skulpturen. Von Prof. Dr. David Kaufmann. — Feuilleton: Die Abtrünnige. II. Von Paula Faber. — Aus dem alten Berlin. Von David Hirschfeld.— Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Breslau, Rhbnik, Eberswalde, Magdeburg, Bernburg, Hannover, Göttingen, Vom Rhein, Köln, Neuenahr, Wien, Paris. — Bon Rah und Fern. — Geschäftliche Noti.cn. Bismarck posthumus. Berlin, 11. April. ist der Streit darüber nicht entschieden, ob Moritz Busch, der sattsam bekannte Bismarck-Historiograph, zu den Freunden vz?'s> oder zu den Feinden des großen Reichskanzlers zu zählen sei. Liest man seine zahlreichen Publikationen, so findet man darin eine wahrhaft glühende Verehrung für den großen Mann, ist man mit der Lektüre aber zu Ende, so beginnt man daran zu zweifeln, ob der Amor dieser Bücher wirklich ein so großer Verehrer des Fürsten oder ob er nicht gar am Ende ein versteckter Gegner desselben sei. Eine authentische Geschichtsquelle können deshalb die Werke von Busch nie werden, aber man wird daraus doch gleichwohl viel Jntereffantes entnehmen können. Mit peinlicher Genauigkeit hat Busch jede Aeußerung des Fürsten Bismarck, die er zu hören in der Lage war, in sein Notizbuch eingeschrieben, und der Inhalt dieser Notizbücher wird jetzt wahllos und ungesichtet publizirt. Aus solchen Aufzeichnungen sind auch die soeben erschienenen „Tagebuchhlä tter" (Leipzig, Grunow) zusammengesetzt, die drei dicke Bände und in diesen alle Beziehungen seines Kammerjournalisten zum ersten Reichskanzler umfassen. Diese „Tagebuchblätter" werden wahrscheinlich noch viel Staub in der Presse aufwirbeln. Für uns ist natürlich nur das von Interesse, was Fürst Bismarck über Juden und Judenthum sagt. Aber indem wir eine Blumenlese dieser Aussprüche folgen lassen, möchten wir doch vor allem auf den Standpunkt Hinweisen, den Busch einerseits und — was ungleich wichtiger ist — Bismarck andererseits zu der Sache eingenommen haben. Moritz Busch ist Sachse von Geburt und daher fast selbstverständlich Antisemit vom reinsten Wasser. Diese Thatsache von weltgeschichtlicher Bedeutung ist bisher aber noch gar nicht bekannt geworden. Er selbst enthüllt sie uns am Schluffe des zweiten Bandes seines neuesten.Buches. Er entpuppt sich nämlich dort als der Vergafler jener antisemitischen Schmähartikel, die unter dem Titel: „Israel und die Gojim" 1880, in der Zeit der Hochflüth der Bewegung, anonym zuerst in den „Grenzböten" und dann als Büch erschietten sind. Man muß also alles, was er über Juden und Judenthum aufzeichnet, mehr als oum grano salis, d. h. mit der äußersten Vorsicht, aufnehmen. Ein Beweis hierfür sind die eigenen Worte des Fürsten Bismarck, der von den späteren Publikationen seines Leibjournalisten keineswegs sehr erbaut war. Am 3. August 1883 sagte Fürst Bismarck zu Herrn Busch: „In den Aeußerungen über Vergangenes, die Sie Ihrer Konstruktion meiner vermeintlichen Denkungsweise zu Grunde legen, kommen grobe thatsächliche Jrrthümer vor und Verwechselungen von Scherz und Ernst. Sie gehen von der Voraussetzung aus. als ob ich bei allem, was ich je zur Unterhaltung meiner Gäste bei Tisch und im Hause in Ihrer Gegenwart gesagt habe, oder was Ihnen durch die Unzuverlässigkeit der Meldungen Dritter zugekommen ist, stets den vollen Ernst meiner innersten Empfindung mit der Gewissenhaftigkeit eines vereideten Zeugen vor Gericht im Auge behalten." Und nun kommt das Wichtigste aus demselben Brief: „Alles, was Sie namentlich über meine Stellung zum Christenthum, zur Judenfrage sagen, ist nicht nur ungeheuerlich indiskret, sondern grundfalsch." (Alles?) fragt Büschchen in Klammer, und das Echo aus Friedrichsruh wird ihm gewiß antworten: Alles! Von diesem Standpunkt muß man nun das neueste Werk von Busch beurtheilen, und es wird Niemandem schwer fallen, das Wahre und Authentische von dem Falschen und Irrigen sorgsam scheiden zu können. Der erste Band des umfangreichen Werkes enthält den Wiederabdruck des bekannten Buches: „Graf Bismarck und seine Leute". Die Aeußerungen des Fürsten, die in diesem vielgelesenen Buche über Juden und Judenthum Vorkommen, sind unzählige Mal wiederholt und auch in unserem Blatte schon oft citirt worden. Die Stimmung des Reichskanzlers ist während und unmittelbar nach dem Kriege für die Juden eine recht günstige. Sie gipfelt in dem bekannten Ausspruche zunächst über die Tugenden der Juden (S. 237), sodann über die Nothwmdigkeit und den Vortheil einer Kreuzung der Raffen (S. 233) und die jüdischen Namen. Neue Mittheiluugen von Interesse kommen erst in der zweiten Hälfte des zweiten Bandes, wo Busch seine Denkwürdigkeiten aus den Jahren 1871—80 aus Varzin, Schönhausen und Friedrichsruh zu geben in der Lage ist. Da finden wir vor allem einen Ausspruch des Fürsten, den wir der „Germania" und anderen ultramontanen Blättern für ihr Stammbuch verehren möchten. Am 11. Juli 1872 erhält Busch von Lothar Bücher zwei Zuschriften, die beide Anregungen des Reichskanzlers zu Aufsätzen für die Zeitungen enthalten. Die erste giebt die Anregung zu einem Artikel, der, anknüpfend an einen Aufsatz von Ludwig Bamberger, sagen soll, daß „die Juden, die ehemaligen Inden im Reichstag, Laster, Bamberger, Friedenthal, der Vertreter von Hamburg u. A., die sich vielleicht noch herausfinden lassen, wahrscheinlich aus dem Grunde gegen das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.